Trainieren Sie dort, wo die Schläge liegen – nicht dort, wo es wehtut
Das Bauchgefühl ist ein schlechter Analyst
Fragen Sie zehn Golfer nach der Runde, woran es gelegen hat. Neun nennen den Schlag, der am meisten wehgetan hat: den Ball ins Wasser an der 14, die drei Putts am letzten Grün, den Topschlag vom Abschlag vor Publikum. „Unser Gedächtnis für Golfrunden funktioniert nach Dramatik, nicht nach Häufigkeit", sagt Fabian Bünker, PGA Golf Professional und Leiter der Fabian Bünker Golfakademie. „Der Doppelbogey nach dem Wasserball bleibt hängen. Die sechs Löcher, an denen der zweite Schlag zwanzig Meter zu kurz war und daraus jedes Mal ein Bogey wurde, bleiben nicht hängen – obwohl sie zusammen weit mehr gekostet haben." Die Folge: Viele Golfer trainieren jahrelang etwas, das gar nicht ihr Problem ist. Der Klassiker ist der vermeintlich schlechte Putter, der seine Zeit auf dem Puttinggrün verbringt, weil er die drei Putts erinnert – während er in Wahrheit deshalb so viele lange Putts hat, weil er die Grüns fast nie trifft.
Rechnen Sie Ihr Ziel in Schläge um
Ein hilfreicher Perspektivwechsel: Übersetzen Sie Ihr Ziel in Schläge statt in Handicap-Punkte. Wer von Handicap 24,5 auf 18 will, muss über eine Runde ungefähr sechs bis sieben Schläge finden. Das klingt viel. Auf 18 Löcher verteilt, sind es weniger als ein halber Schlag pro Loch. Und über die Bereiche verteilt sind es vielleicht zwei Schläge im langen Spiel, zwei in der Annäherung, anderthalb im kurzen Spiel und einer beim Putten. Diese Rechnung ist laut Bünker aus zwei Gründen wertvoll. Sie macht ein großes Ziel handhabbar – zwei Schläge in einem Bereich zu finden, ist ein realistisches Saisonziel. Und sie zwingt zur Frage, in welchem Bereich diese Schläge überhaupt zu holen sind. Genau die kann das Bauchgefühl nicht beantworten.
Vier Runden, fünf Zahlen
Sie brauchen dafür keine teure Technik und kein Tracking-System mit Schlag-für-Schlag-Erfassung. Für den Anfang reichen fünf Angaben pro Runde, die Sie direkt auf die Scorekarte schreiben:
- Fairways getroffen (von den Löchern, an denen Sie Driver oder Holz spielen).
- Grüns in Regulation.
- Anzahl Putts.
- Anzahl Schläge im Bunker.
- Und – die aufschlussreichste – Anzahl der Schläge innerhalb von hundert Metern zum Grün, also alles von der Annäherung bis zum Einlochen.
Vier Runden reichen, um Muster zu erkennen. Nicht, weil vier Runden statistisch belastbar wären, sondern weil die groben Ausreißer sofort sichtbar werden. Wer im Schnitt zwei Grüns trifft und 34 Putts braucht, hat kein Puttproblem. Er hat ein Annäherungsproblem, das sich als Puttproblem tarnt.
Der Denkfehler bei den Putts
„Putts pro Runde" ist die beliebteste und zugleich irreführendste Statistik im Amateurgolf. Für sich genommen sagt sie fast nichts aus, weil sie stark davon abhängt, wie Sie auf dem Grün angekommen sind.
Ein Beispiel: Zwei Spieler haben je 32 Putts. Der eine hat zwölf Grüns getroffen und entsprechend viele lange Putts gespielt. Der andere hat zwei Grüns getroffen, sich 16 Mal von neben dem Grün angenähert und stand dadurch oft auf zwei Metern. Dieselbe Zahl, zwei völlig verschiedene Spiele – und zwei völlig verschiedene Trainingsempfehlungen.
Wer sein Putten ernsthaft bewerten will, braucht deshalb mindestens die Distanz dazu: Wie viele Putts brauchen Sie aus unter einem Meter, aus zwei bis drei Metern, aus über zehn Metern? Hier setzt das Prinzip an, das im Profigolf als Strokes Gained bekannt geworden ist. Die Idee ist unspektakulär und für jeden Amateur nutzbar: Verglichen wird nicht mit einem Idealwert, sondern mit einem Vergleichswert – der durchschnittlichen Anzahl Schläge, die Spieler einer bestimmten Spielstärke aus dieser Position bis ins Loch brauchen. Wer aus acht Metern zwei Putts braucht, hat weder gewonnen noch verloren. Wer aus einem Meter zwei braucht, hat einen halben Schlag verloren, egal wie es sich angefühlt hat.
Drei Trugschlüsse, die Bünker immer wieder hört
- „Ich muss länger werden." Manchmal stimmt das. Häufiger ist nicht die Länge das Problem, sondern die Streuung. Wer im Schnitt weit schlägt, aber jede dritte Runde zwei Bälle verliert, verliert mehr durch die Ausreißer, als er durch Länge gewinnt. Die relevante Frage ist nicht „wie weit", sondern „wie oft im Spiel".
- „Mein kurzes Spiel ist mein Rettungsanker." Ein gutes kurzes Spiel fühlt sich großartig an, weil es Löcher rettet. Genau deshalb wird sein Beitrag überschätzt. Es rettet Schläge, die vorher verloren gegangen sind – es erzeugt keine.
- „Ich brauche eine bessere Technik." Oft ist nicht die Technik die Schwachstelle, sondern die Entscheidung: der Schlag über das Wasser mit dem Schläger, der an guten Tagen gerade so reicht, der Angriff auf eine Fahne am Grünrand.
Bünker sagt: „Course Management ist der einzige Bereich, in dem Sie Schläge sparen, ohne einen einzigen Ball zu schlagen."
Was Sie nicht messen müssen
Weil Daten im Golf gerade in Mode sind, lohnt auch die Gegenrichtung: Vieles müssen Sie gar nicht erfassen. Sie brauchen keine Schlag-für-Schlag-Erfassung mit GPS-Punkten, um zu erkennen, dass Sie selten Grüns treffen. Sie brauchen keine Werte über zwanzig Runden, um eine Trainingsentscheidung für die nächsten vier Wochen zu treffen. Und Sie brauchen keine Nachkommastellen, wo der Unterschied zwischen den Bereichen ohnehin ganze Schläge beträgt. Die Gefahr liegt darin, dass das Erfassen selbst zur Beschäftigung wird. Wer nach jeder Runde eine halbe Stunde Zahlen pflegt, den Trainingsplan aber seit dem Frühjahr nicht angepasst hat, hat den Zweck verfehlt. Eine grobe Entscheidungsgrundlage, nach der Sie handeln, ist mehr wert als eine präzise, nach der Sie nicht handeln.
Vom Datum zum Trainingsplan
Daten haben nur dann einen Wert, wenn aus ihnen eine Entscheidung folgt. Der Übersetzungsschritt ist simpel: Der Bereich mit dem größten Rückstand bekommt für die nächsten vier bis sechs Wochen den größten Anteil Ihrer Trainingszeit. Nicht die ganze – die anderen Bereiche müssen wachgehalten werden – aber die Mehrheit. Danach messen Sie erneut. Hat sich etwas bewegt, gehen Sie zum nächsten Bereich. Wenn nicht, ändern Sie nicht das Ziel, sondern die Methode: In der Regel waren die Übungen dann zu leicht, zu weit von der Spielsituation entfernt oder ohne Konsequenz. Dieser Zyklus – messen, schwerpunktmäßig trainieren, erneut messen – ist im Leistungssport Standard und im Amateurgolf die absolute Ausnahme.
Was Technik hier abnimmt
Der Aufwand ist der Grund, warum die wenigsten so arbeiten. Fünf Zahlen pro Runde klingen einfach, aber nach der dritten Runde vergisst man sie. Und die Auswertung über Zeit macht niemand freiwillig mit Stift und Papier. Hier liegt der Nutzen digitaler Werkzeuge: nicht darin, dass sie neue Informationen erzeugen, sondern darin, dass sie das Erfassen und Auswerten so weit vereinfachen, dass es tatsächlich durchgehalten wird. Eine Runde in zwei Minuten erfassen statt handschriftlich protokollieren. Eine Auswertung, die den eigenen Wert einer Handicapklasse gegenüberstellt. Ein Trainingsplan, der sich daran orientiert statt an dem, was zuletzt vorgenommen wurde.
Das Prinzip bleibt dasselbe, mit App oder ohne: „Bevor Sie entscheiden, was Sie trainieren, sehen Sie nach, wo die Schläge liegen", rät der Trainingsexperte. „Und jetzt viel Spaß beim Umsetzen dieser Tipps – und vier ehrliche Runden auf Ihrer Scorekarte!"
Zur Person: Fabian Bünker ist PGA Golf Professional und leitet die Fabian Bünker Golfakademie mit dem Online-Coaching-Programm „Golf in Leicht". Seine App Sweetspot Golf bündelt Trainingsdaten und Statistiken an einem Ort und leitet daraus ab, in welchem Bereich die nächsten Schläge liegen – vom langen Spiel bis zum Putten. Im App Store unter „Sweetspot Golf" oder auf www.fabianbuenker.de/app









