Henseleit mit Top-Werten, Yin wackelt: So steht es um die Solheim-Cup-Teams
Am Morgen des 11. September wird die Golfwelt gespannt auf das Geschehen in den Niederlanden blicken. Mit den Foursomes beginnt auf dem Platz von Bernardus Golf die 20. Ausgabe des Solheim Cup. Europas Team um Kapitänin Anna Nordqvist will dabei den Pokal zurückholen. Die USA reisen als Titelverteidigerinnen an. 2024 beendeten sie mit dem 15,5:12,5 in Virginia eine längere Durststrecke. Zuvor hatte Europa 2019 und 2021 gewonnen und den Cup 2023 dank eines 14:14 verteidigt.
Auf dem Papier treffen zwei Teams aufeinander, die sich nicht nur hinsichtlich ihrer Zusammensetzung unterscheiden. Auch bei Erfahrung, aktueller Form und den Strokes-Gained-Werten ergeben sich interessante Gegensätze.
US-Captain Angela Stanford konnte bei ihrer Auswahl zunächst auf neun automatisch qualifizierte Spielerinnen zurückgreifen. Nelly Korda, Angel Yin, Jennifer Kupcho, Yealimi Noh, Auston Kim, Lauren Coughlin und Allisen Corpuz lösten ihr Ticket über die US-Punkteliste, Andrea Lee und Alison Lee über die Weltrangliste. Stanford komplettierte das Team mit ihren Captains Picks Rose Zhang, Megan Khang und Lindy Duncan.
Europas Kapitänin Anna Nordqvist hat ihr Team anders zusammengestellt. Charley Hull und Esther Henseleit qualifizierten sich über die LET-Solheim-Cup-Punkteliste. Lottie Woad, Maja Stark, Céline Boutier, Carlota Ciganda, Linn Grant und Nanna Koerstz Madsen kamen über die Weltrangliste hinzu. Ihre vier Picks vergab Nordqvist an Leona Maguire sowie Julia López Ramírez, Nastasia Nadaud und Mimi Rhodes.
Europa ist jünger – und trotzdem erfahrener
Gleich vier Spielerinnen im europäischen Team werden in Bernardus ihr Solheim-Cup-Debüt geben. Bei den USA sind es mit Auston Kim und Lindy Duncan nur zwei. Trotzdem verfügt Europa insgesamt über mehr Erfahrung in diesem Wettbewerb.
Die wichtigsten Zahlen im Vergleich:
- Durchschnittsalter: Europa 27,5 Jahre | USA 28,4 Jahre
- Solheim-Cup-Rookies: Europa 4 | USA 2
- Bisherige Solheim-Cup-Matches: Europa 103 | USA 84
- Erfahrenste Europäerinnen:Charley Hull und Carlota Ciganda mit jeweils 27 Matches
Hull holte in ihren bisherigen 27 Partien 16,5 Punkte, Ciganda 14. Hinzu kommen mit Céline Boutier und Leona Maguire weitere Spielerinnen, die seit Jahren wichtige Rollen im europäischen Team einnehmen.
Die USA verfügen ebenfalls über einen erfahrenen Kern. Nelly Korda steht vor ihrem fünften Solheim Cup, Megan Khang ebenfalls. Insgesamt verteilt sich die Erfahrung im US-Team jedoch gleichmäßiger, während Europa eine interessante Mischung aus ausgesprochen routinierten Leistungsträgerinnen und vier Debütantinnen mitbringt.
USA mit mehr Breite – und einem großen Fragezeichen
Auch die Formkurven unterscheiden sich. Auf US-Seite hatten Lauren Coughlin und Auston Kim bereits zuvor einen positiven Trend erkennen lassen. Inzwischen kommen Allisen Corpuz und Rose Zhang hinzu. Beide hatten zwischenzeitlich schwächere Phasen, meldeten sich beim jüngsten LPGA-Turnier aber zurück. Corpuz wurde bei der FM Championship Dritte, Zhang teilte Rang vier.
Nicht jede US-Spielerin reist allerdings auf ihrem persönlichen Leistungshöhepunkt an. Jennifer Kupcho und Alison Lee blieben zuletzt häufiger hinter ihren stärkeren Saisonphasen zurück. Auch Megan Khangs Ergebniskurve der vergangenen Monate fällt gegenüber den meisten ihrer Teamkolleginnen ab. Gleichzeitig gehört ausgerechnet Khang zu den erfolgreichsten Matchplay-Spielerinnen im Kader.
Das größte Fragezeichen im US-Team steht derzeit allerdings hinter Angel Yin – und dabei geht es nicht nur um die sportliche Form. Die 27-Jährige musste seit ihrem krankheitsbedingten Aus bei der Womens PGA im Juni fast zwei Monate pausieren. Schwere Magen-Darm-Probleme führten zu einem sechstägigen Krankenhausaufenthalt und einem Gewichtsverlust von rund 16 Kilogramm. Yin verlor dabei auch Muskelmasse und Schlaglänge.
Bei der FM Championship kehrte Yin erstmals auf die LPGA Tour zurück. Sportlich verlief der Belastungstest ernüchternd: Nach Runden von 81 und 76 Schlägen verpasste sie deutlich den Cut und blieb über 36 Löcher ohne Birdie. Damit stellt sich die Frage, ob Körper und Spiel rechtzeitig für die besonderen Belastungen des Solheim Cup bereit sind.
Für die USA wäre ein Ausfall erheblich. Yin qualifizierte sich trotz ihrer langen Pause als Zweite der US-Punkteliste hinter Nelly Korda und bringt aus drei Solheim-Cup-Teilnahmen eine starke Bilanz von 5-3-1 mit. Captain Stanford und Yin wollen ihre Situation nach dem Comeback neu bewerten. Yin selbst machte bereits deutlich, dass sie nicht nach Europa reisen wolle, wenn sie das Gefühl habe, dem Team nicht helfen zu können.
Korda zuletzt ohne Glanz
Auch Nelly Kordas jüngste Ergebnisse erreichen nicht ganz das außergewöhnliche Niveau ihrer stärksten Saisonphase. Bei ihr ist diese Einordnung allerdings relativ: Die Nummer eins der Welt bleibt unabhängig davon die klare Führungsspielerin der USA.
Europa bringt dagegen eine gegensätzliche Formkurve mit. Charley Hull hat in den vergangenen Wochen mehrfach bestätigt, dass mit ihr zu rechnen ist. Ähnliches gilt für Lottie Woad, deren konstant starke Leistungen bemerkenswert sind, weil die 22-Jährige erstmals beim Solheim Cup antritt.
Aus deutscher Sicht gehört Esther Henseleit zu den interessantesten Spielerinnen. Platz vier bei der Scottish Open und Rang zwei bei der Womens Open waren die Höhepunkte einer starken Phase. Der verpasste Cut bei ihrem jüngsten Start ist ein kleiner Dämpfer, ändert am positiven Gesamtbild der vergangenen Wochen aber wenig.
Auf der anderen Seite stehen einige etablierte Kräfte, deren Formkurven weniger überzeugend aussehen. Das gilt insbesondere für Carlota Ciganda und Linn Grant, die zuletzt auffällig häufig am Cut scheiterten. Auch Captains Pick Mimi Rhodes hat in den vergangenen Wochen nur selten mit vorderen Platzierungen auf sich aufmerksam gemacht.
Damit zeichnet sich ein erstes Muster ab: Die USA wirken in ihrer aktuellen Form etwas homogener, Europa besitzt größere Ausschläge nach oben und unten.
Korda in einer eigenen statistischen Liga
Noch deutlicher wird die Ausnahmestellung von Nelly Korda beim Blick auf die Strokes-Gained-Werte. Mit +3,27 Strokes Gained Total hebt sie sich deutlich ab. Dabei beruht ihre Stärke nicht auf einem einzelnen Bereich:
- SG Total: +3,27
- Off the Tee: +1,10
- Approach: +1,54
- Around the Green: +0,91
- Putting: +0,42
Kein anderes Mitglied der beiden Solheim-Cup-Teams besitzt ein derart erstklassiges Profil. Doch Korda allein erklärt den statistischen Vorteil der USA nicht. Das zeigt der Median der zwölf Spielerinnen, der extreme Einzelwerte deutlich weniger stark gewichtet als ein einfacher Durchschnitt.
- SG Total: USA +0,82 | Europa +0,57
- SG Tee to Green: USA +0,75 | Europa +0,36
- SG Approach: USA +0,46 | Europa +0,32
- SG Around the Green: USA –0,03 | Europa +0,08
Vor allem Tee to Green zeigt sich damit ein deutlicher Unterschied. Die größere statistische Tiefe der Amerikanerinnen ist keineswegs ausschließlich auf Kordas herausragende Werte zurückzuführen.
Henseleit als europäische Ballstriking-Spezialistin
Europa besitzt allerdings mehrere Spielerinnen, die in einzelnen Kategorien zur absoluten Spitze gehören. Das beste Beispiel ist Esther Henseleit. Die Deutsche gewinnt +1,55 Schläge Tee to Green und +1,17 bei den Annäherungen. In beiden Kategorien gehört sie damit zu den stärksten Spielerinnen des europäischen Teams.
Weitere auffällige europäische Profile:
- Lottie Woad: +1,27 SG Tee to Green
- Charley Hull:+1,00 SG Tee to Green
- Julia López Ramírez: +0,91 SG Off the Tee
- Nastasia Nadaud: +0,87 SG Off the Tee
- Leona Maguire: +0,57 SG Putting, gleichzeitig –0,54 Off the Tee
Bei Woad kommt hinzu, dass sie trotz ihres Rookie-Status laut Weltrangliste als bestplatzierte Europäerin nach Bernardus reist. Genau diese unterschiedlichen Profile könnten für Captain Anna Nordqvist bei der Zusammenstellung ihrer Paarungen interessant werden.
Statistik hin oder her: Im Solheim Cup geht es viel um Team-Harmonie, um funktionierende Paarungen, um Fans und um das berühmte Momentum. Entscheidend ist, welche Spielerinnen in dieser emotionalen Extremsituation aufblühen und ihre Stärken auf den Platz bekommen.







