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Bundesleistungsstützpunkt-Trainer Florian Münch gratuliert Susanna Brenske unmittelbar nach Ende des Matches gegen Andrea Revuelta zur großartigen Leistung - auch wenn es letztlich nicht zum Sieg gereicht hat | © DGV/stebl

Episches Duell auf Augenhöhe

Vineuil-Saint-Firmin/Frankreich – Es gibt im Golf mehrere Wahrheiten. Die eine Wahrheit sind nackte Zahlen. Statistiken. Das World Amateur Golf Ranking, also die Weltrangliste der Amateure.

Und es gibt eine andere Wahrheit: das Matchplay, Frau gegen Frau, Schlag für Schlag.

Welch eine Faszination! Gäbe es die Team-Europameisterschaften nicht, man müsste sie dringend erfinden. Das Halbfinale Spanien versus Deutschland ist im Damengolf so etwas wie der Classico. Beide Mannschaften sind meist im engsten Kreis der Favoriten, und es geht immer hochgradig spannend zu.


 

Wer an diesem sonnig-heißen Tag im Norden von Paris keinen einzigen Schlag gesehen, aber den Jubel der Spanierinnen erlebt hätte, der wäre bestens im Bilde, wie dieser Tag verlaufen ist und wie immens die Erleichterung der Frauen von der iberischen Halbinsel war, als das Duell endlich entschieden war.


 

Mit Andrea Revuelta, der aktuellen Nummer vier im WAGR, und Paula Martin, die auf Nummer sechs steht, bot Spanien zwei Athletinnen aus der Top Ten auf. Cayetana Fernandez ist aktuell zwar auf Rang 36, stand aber auch schon auf Nummer zwei. Dazu noch Carolina Lopez-Chacarra als aktuelle Nummer 20, Rocio Tejedo auf Position 35 und Paula Francisco, die gerade überragend in Form ist, auch wenn sie nur auf Position 135 im WAGR steht.

Bei diesen Zahlen stellt sich die Frage nach dem Favoriten eigentlich gar nicht, denn im deutschen Team sind mit Charlotte Back auf Position 73 und Paula Schulz-Hanßen auf Rang 75 immerhin zwei Deutsche in der Top 100 des WAGR, dazu kommen noch Platz 212, 300, 391 und 1.761.


 

Und dennoch entwickelte sich ein Duell auf Augenhöhe, bei dem am Ende Nuancen über Sieg und Niederlage entschieden.

Chiara Horder spielte mit Susanna Brenske gegen Andrea Revuelta und Carolina Lopez. Deutschland ging direkt auf Loch 1 in Führung und setzte damit ein Ausrufezeichen. Birdie gegen Birdie wurden Löcher geteilt, und es dauerte bis Loch 11, bis erstmals ein Duo die Führung ausbauen konnte. Dabei hatte Spanien noch viel Glück, als nach einem langen Drive der Schlag ins Grün aus dem extrem trockenen Semirough zum Flyer wurde und dadurch hinter dem Grün landete. Horder/Brenske blieben aber cool und verkürzten wieder, sodass es nach 14 Löchern nur 1down stand. Mit einer gehörigen Portion Glück setzte Andrea Revuelta auf dem 17. Grün mit 2&1 den Endpunkt unter ein Match, in dem die Bundesadler sehr stark gespielt hatten.


 

Charlotte Back und Paula Schulz-Hanßen traten als reines SLR-Duo gegen Paula Martin und Paula de Francisco im zweiten Vierer an. Hier ging Spanien zwar direkt in Führung, aber auf Loch 2 spielte Paula Schulz-Hanßen im Stile einer Großen eine sehr schwer gesteckte Fahne absolut perfekt an, und Charlotte Back lochte aus drei Metern zum großartigen Birdie. Loch 4 wurde mit Birdie gegen Birdie geteilt, aber auf Loch 5 war es dann endlich soweit: Spanien lag im Bunker, und Paula Schulz-Hanßen nutzte eine gute Vorlage von Charly Back, um mit einem starken Putt die Führung zu erzielen.

Die Freude währte nicht lange, denn schon auf dem sechsten Grün schlugen die Spanierinnen zurück, als sie einen Putt aus mehr als zehn Metern lochten. All square ging es auf die Back Nine. Hier hatte Spanien wieder den besseren Start und gewann die beiden ersten Löcher. Auf Grün 11 musste hierfür allerdings ein Zauberputt herhalten. Dass solche Putts fallen, sieht man nur sehr selten.

Charlotte Back war davon aber wenig beeindruckt und lochte ihrerseits auf dem 12. Grün einen längeren Putt zum Birdie.

Der minimale Rückstand wurde auch auf Loch 13 verteidigt, obwohl der zweite Schlag die schlechteste aller möglichen Lagen im Bunker hinter dem Grün hatte. So stark dieser Safe war, so unglücklich der Dreiputt auf dem 14. Grün. Diese Chance ließ sich Spanien nicht entgehen und erhöhte auf 2auf. Nun waren nicht mehr genügend Löcher übrig, um das Blatt noch einmal zu wenden, und so holte sich Spanien mit 3&2 auch den zweiten Vierer.

Für die folgenden fünf Einzel war damit klar: Deutschland musste mindestens vier Einzel gewinnen, um noch ins Finale einziehen zu können.

 

Episch

 

Was sich nach der kurzen Mittagspause auf dem hinreißenden Old Course von Golf de Chantilly abspielte, muss als Sternstunde des Golfsports bezeichnet werden.

Chiara Horder spielte gegen Cayetana Fernandez und zeigte bei ihrer letzten Team-EM vor dem Wechsel ins Profi-Lager eine ungemein reife und coole Vorstellung. Die ehemalige Nummer 2 der Weltrangliste spielte keineswegs schlecht, hatte aber nie die Chance, wirklich Druck auf den Bundesadler aufzubauen. Ständig lag „Kiki“ Horder in Führung, und selbst, als spät auf der Runde das Momentum drohte zu kippen, war die Bayerin, die inzwischen für den GC St. Leon-Rot spielt, Herrin der Lage. Auf Loch 14 lag der Abschlag von Horder nur zwei Meter hinter der Fahne, während Fernandez ihren Abschlag in den Bunker gesetzt hatte. Die Spanierin rettete durch einen soliden Bunkerschlag und einen ganz starken Putt aus rund vier Metern. Horder hätte mit einem Birdie auf 3auf erhöhen können, musste sich aber auch mit einem Par begnügen.

Auf Loch 15 waren Drive und Schlag ins Grün von der Spanierin absolute Weltklasse, aber Chiara Horder ließ sich kein Stück beeindrucken und teilte auch dieses Loch. Damit war es für Cayetana Fernandez praktisch kaum noch möglich, dieses Match noch zu gewinnen. Sie war nun gezwungen, volles Risiko zu gehen, und hieraus machte Chiara Horder dann mit einem 3&1-Sieg den ersten Punkt für Deutschland.

Nachdem Charlotte Back gegen eine wie entfesselt aufspielende Paula de Francisco schnell deutlich in Rückstand lag und mit 6&5 ihren Punkt abgab, war die Lage übersichtlich: Alle anderen Matches mussten von den Bundesadlern gewonnen werden.

Und es wurde geliefert.

Susanna Brenske zeigte gegen Andrea Revuelta eine grandiose Leistung und lag entweder in Führung oder aber nur hauchdünn zurück. Auf Augenhöhe mit der Nummer vier der Weltrangliste auf diesem anspruchsvollen Platz zu spielen, nötigte auch der großen spanischen Fangemeinde großen Respekt ab.

Auf Loch 14 ging die Spielerin des Hamburger GC erneut in Führung. Da zeitgleich Paula Schulz-Hanßen gegen Paula Martin und Christin Eisenbeiß gegen Carolina Lopez jeweils mit 2auf in Führung lagen und beiden den Spanierinnen bis dahin auch die Tür kein bisschen geöffnet hatten, keimte im deutschen Team die Hoffnung, trotz des 0:2-Rückstandes nach den Vierern am Ende doch den Finaleinzug realisieren zu können.

 

Top 4

 

Während Christin Eisenbeiß und Paula Schulz-Hanßen stur auf Spur blieben und gefühlt sicheren Siegen entgegen gingen, musste Susanna Brenske auf der Zielgeraden doch noch der Weltklasse ihrer Gegnerin Tribut zollen. Auf Loch 15 verfehlten beide das Grün, aber der dritte Schlag der Spanierin war mit einem extrem feinen Händchen geführt. Auch Susanna Brenske löste sich aus ihrer schwierigen Lage hervorragend, aber der minimale Vorteil reichte Revuelta, um den Ausgleich zu erzielen.

Ähnlich ging es auf den Löchern 16 und 17 weiter, sodass auf dem 17. Grün der 2&1-Sieg für Spanien stand. Es folgte ein erleichterter Jubel der spanischen Mannschaft, als hätte sie gerade die Weltmeisterschaft gewonnen. Die Anspannung im Tross der spanischen Mannschaft war riesig und löste sich nun in einer großen Jubelarie auf.

 

Stolz

 

Wie groß der Respekt der Spanierinnen vor dem Gegner gewesen ist, zeigte sich auch in der herzlichen Verabschiedung, nachdem die ersten, sehr emotionalen Freudentänzchen getanzt waren. Dieses Duell zwischen Spanien und Deutschland wird noch lange als eines der ganz großen Matches in Erinnerung bleiben.

Bundestrainerin Nicole Gögele war trotz der Niederlage entsprechend stolz auf ihr Team: „Ich habe heute großartiges Golf miterleben dürfen. Mein Team hat gegen einen großen Gegner einen phantastischen Kampf geboten und dabei viele richtig gute Schläge gemacht. Spanien so die Stirn zu bieten und am Ende hauchdünn zu verlieren, ist aller Ehren wert! Auch wenn es sich nach einer Niederlage komisch anhört: Ich möchte, dass wir das Momentum mitnehmen und uns morgen im Kleinen Finale mit einer Medaille selbst belohnen. Mein Team hat es sich verdient, Edelmetall mit nach Hause zu nehmen. Wirklich – ich bin sehr von dieser Moral, diesem Kampfgeist, diesem Teamspirit und auch vom Stand der Entwicklung als Golferinnen beeindruckt! Das war heute einfach eine Klasseleistung!“

Christin Eisenbeiß ist auch hinsichtlich des Kampfes um Bronze zuversichtlich: „Ich habe heute sehr gutes Golf gespielt und richtig Spaß gehabt. Ich habe meine Fehler von gestern behoben und Gas gegeben. Schade, dass wir als Team gegen Spanien den Kürzeren gezogen haben, aber ich bin mir sicher, dass wir morgen richtig angreifen.“

 

Kleines Finale

 

Gegner im Kleinen Finale wird am Samstag Schweden sein. Die Skandinavierinnen unterlagen in einem ebenfalls grandiosen Duell Gastgeber Frankreich mit 3:4.

Am Samstag geht der erste Vierer um 8.24 Uhr raus. Chiara Horder und Charlotte Back treffen dann auf Elice Frederiksson und Nora Sundberg. Zehn Minuten später geht es für Stella Jelinek und Paula Schulz-Hanßen gegen Elin Pudas und Moa Svedenskiold.

In den Einzel stehen sich ab 13.30 Uhr Chiara Horder und Kajsalotta Svarvar gegenüber. Jeweils acht Minuten später folgen die Duelle zwischen Christin Eisenbeiß und Meja Örtengren, Charlotte Back und Moa Svedenskiold, Susanna Brenske und Elice Frederiksson. Zuletzt startet Paula Schulz-Hanßen in ihr Match gegen Elin Pudas.

 

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