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15 Major-Siege schwer: US-Superstar Tiger Woods. | © USGA/Kathryn Riley

Tiger Woods: Gefangen im eigenen Wunder von Augusta

Die Bilder vom Masters 2019 sind noch immer präsent. Als Tiger Woods auf der letzten Bahn in Richtung Grün marschiert, angetrieben von frenetischen Fans, die alle Zeugen eines historischen Moments werden, der die bisherigen Gesetze im Spitzensport außer Kraft zu setzen scheint. Elf Jahre hatte Woods kein Major-Turnier gewonnen. Kaum jemand hielt es für möglich, dass der so oft gefallene Superstar nach Rückenoperationen, Formkrisen und persönlichen Abstürzen noch einmal würde nach ganz oben zurückkehren können. Doch Woods konnte. Mit dem finalen Putt zum 15. Major-Sieg wurde Augusta zur Bühne eines der beeindruckendsten Comebacks in der Sportgeschichte.   

Hoffnung auf ein weiteres Wunder

Sieben Jahre und 22 Major-Turniere sind seitdem vergangen. Die Golfwelt hat sich fundamental verändert, nicht zuletzt durch die Entstehung von LIV Golf oder der von Woods selbst mitgegründeten TGL. Was jedoch geblieben ist, sind die wolkenkratzerhohen Erwartungen an den US-Champion. Die mit jedem großen Event wieder aufkeimenden Hoffnungen, dass Augusta 2019 zwar ein herausragendes, aber kein einmaliges Woods-Wunder bleiben würde. Nach dem Motto: Warum sollte das, was einmal funktioniert hat, nicht noch ein zweites Mal klappen? 

Der erste schwere Unfall 2021

Die Realität erzählt eine andere Geschichte. Eine, die vor allem von immer neuen Rückschlägen geprägt ist. Zwar gelang Woods einige Monate nach dem Erfolg beim Masters noch der Sieg bei der Zozo Championship und damit der 82. PGA-Tour-Titel, mit dem er den Rekord von Sam Snead einstellte. Doch danach rückte immer öfter ein vertrautes Thema in den Vordergrund: die körperliche Belastung. Bei sechs Major-Turnieren, die er 2019 und 2020 nach Augusta bestritt (die Open Championship fiel der Corona-Pandemie zum Opfer) scheiterte er dreimal am Cut und beendete nicht ein einziges der Events unter den besten 20 Spielern. Im Februar 2021 dann der Einschnitt, der alles veränderte: Woods verunglückte mit seinem Auto in Kalifornien, erlitt schwere Verletzungen am rechten Bein. Die Bilder gingen um die Welt, die Diagnose war eindeutig: Eine Rückkehr auf Spitzenniveau schien plötzlich nicht mehr nur fraglich, sondern nahezu unmöglich. 

Pausen und Comeback-Versuche

Es folgten weitere Rückschläge – darunter Operationen und lange Pausen, die sich jedoch immer wieder mit vorsichtigen Comeback-Versuchen abwechselten. Beim Masters 2022 schaffte Woods zwar den Cut, kämpfte sich vier Tage lang über den Platz, wirkte aber bereits wie einer, der die eigenen Kräfte überschätzt hatte. Ein paar Wochen später, bei der PGA Championship, musste er ebenso aufgeben wie beim Masters 2023. Die Belastung war zu groß, die Grenze des Möglichen auch für ihn überschritten. 

Lange Liste von Rück- und Tiefschlägen

Was sich in dieser Phase entwickelte, war ein Muster, das sich bis vor wenigen Tagen fortzusetzen schien. Phasen der Fortschritte, die sich abwechselten mit Momenten der Resignation, weil der Körper doch wieder streikte – Riss der Achillessehne, erneute Eingriffe am Rücken 2025. Die Liste der Rück- und Tiefschläge ist lang. Seit vergangenem Freitag ist sie um ein weiteres Kapitel länger. Um die Story jenes Autounfalls, der sich am 27. März gegen 14 Uhr Ortszeit in der Nähe von Woods‘ Wohnort auf Jupiter Island, Florida, ereignete. Woods kam dabei von der Straße ab und kollidierte mit dem Anhänger eines anderen Fahrzeugs. Der Superstar selbst und alle anderen Beteiligten kamen vergleichsweise glimpflich davon. Gegen Woods wurden jedoch rechtliche Schritte eingeleitet, unter anderem im Zusammenhang mit einer möglichen Beeinträchtigung beim Fahren. Kurz darauf veröffentlichte er ein Statement, in dem er ankündigte, sich vorerst aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen, um sich auf seine Gesundheit zu konzentrieren und professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Die Ambitionen eines Weltstars

Die Zweifel an einer stabilen sportlichen Rückkehr mit den selbstverständlichen Ambitionen eines Weltstars nehmen nicht nur immer mehr zu, sie erdrücken inzwischen nahezu alle realistischen Hoffnungen. Wer Woods spielen sieht, etwa zuletzt im Finale der diesjährigen TGL-Saison, erkennt zwar schnell: Viel seiner einstigen Genialität ist geblieben. Seine Fähigkeit, Schläge zu kontrollieren, Situationen zu lesen, Entscheidungen zu treffen. Doch Golf auf höchstem Major-Niveau verlangt mehr. Es setzt eine Belastbarkeit über vier Tage hinweg voraus, unter Druck und auf den anspruchsvollsten Plätzen der Welt. Woods selbst hat betont immer wieder: „Mein Körper erholt sich nicht mehr so wie früher.“ Das klingt zwar unspektakulär, beschreibt aber präzise den Kern seines Problems. Sein Spiel ist nicht verschwunden – aber die Grundlage dafür.

Augusta 2019 als Maßstab

Gewiss liegt die besondere Herausforderung seiner Situation auch darin, dass Woods nicht wie andere Spieler bewertet wird. Seine außergewöhnliche Karriere und auch sein letzter Höhepunkt, der Augusta-Triumph 2019, haben einen Maßstab gesetzt, an dem er sich noch immer selbst misst. Ein durchschnittliches Turnier mit solidem Cut reicht nicht – nicht der Öffentlichkeit, aber allerwenigsten aber ihm selbst. Für Woods ging es immer nur um Siege, um Titel, um Rekorde und Sportgeschichte. Ob er noch ein letztes Mal um diese großen Siege wird kämpfen können? Ungewiss. Unwahrscheinlich. Vielleicht sogar unmöglich – aus physischer Sicht, aber auch vor dem Hintergrund der mentalen Strapazen, die jeder neue Rückschlag mit sich bringt. 

Woods gegen Woods

Und doch ist das längst nicht mehr die entscheidende Frage. Denn die Geschichte von Tiger Woods ist schon lange keine rein sportliche mehr. Es geht nicht mehr um Woods gegen die Konkurrenz, nicht um McIlroy, nicht um die nächste Generation. Es geht auch immer wieder um Woods gegen Woods. Gegen die Schmerzen, die wohl nie wieder ganz verschwinden werden. Gegen einen Körper, der nicht mehr funktioniert wie früher. Gegen die eigenen Ansprüche, die über Jahrzehnte hinweg ins Unermessliche gewachsen sind. Gegen Schmerzmittel, Schlafprobleme und körperliche Erschöpfung. Woods hat einmal gesagt, „Gegen das Alter kommt niemand an.“ Er weiß das. Und doch handelt er offenbar nicht immer so, als würde er es akzeptieren.

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