Zehn Jahre später: Die Regelkontroverse mit Happy End
Es war einer dieser Momente, die sich tief ins kollektive Gedächtnis des Golfsports eingebrannt haben. Als Dustin Johnson 2016 im Oakmont Country Club die US Open gewann und seinen ersten Major-Titel holte, sprach am Ende kaum jemand ausschließlich über seine sportliche Leistung. Stattdessen dominierte eine Regelfrage die Schlagzeilen – und diese sollte den Sport nachhaltig verändern.
Zehn Jahre später erinnert sich Johnson an die Szene, die das Turnier prägte. Auf dem fünften Grün der Finalrunde hatte sich sein Ball minimal bewegt, just in dem Moment, als er zum Putt ansetzte. Der Amerikaner reagierte vorbildlich, rief sofort einen Referee und schilderte die Situation. Die Entscheidung auf dem Platz: kein Strafschlag. Doch dann nahm die Geschichte eine Wendung. Erst auf der zwölften Bahn wurde Johnson darüber informiert, dass der Vorfall noch einmal überprüft würde – eine für alle Beteiligten ungewöhnliche und unbefriedigende Situation. Plötzlich musste der Führende eines Majors mit einem unsichtbaren Strafschlag im Hinterkopf weiterspielen. Die endgültige Entscheidung sollte erst nach der Runde fallen.
„Gebt mir den Strafschlag und die Trophäe“, erinnert sich Johnson heute an seine Worte gegenüber den Offiziellen. Eine Mischung aus Trotz und Gelassenheit, die sinnbildlich für seinen Umgang mit der Situation war. Sportlich ließ er sich davon nicht beeindrucken. Im Gegenteil: Er spielte ein starkes Finish, setzte sich vom Feld ab und gewann schließlich mit drei Schlägen Vorsprung, obwohl ihm nachträglich ein Strafschlag verhängt worden war.
Regel 18.2 sorgt für Wirbel
Im Zentrum der Debatte stand die damalige Regel 18.2: „Ball bewegt durch Spieler“. Obwohl Johnson den Ball nicht adressiert hatte, sah das Regelwerk vor, dass bereits eine hohe Wahrscheinlichkeit ausreicht, um eine Strafe zu verhängen. Nach einer Videoauswertung kamen die Verantwortlichen zu dem Schluss, dass Johnson den Ball „wahrscheinlicher als nicht“ bewegt hatte. Die Kritik folgte prompt – von Spielern, Experten und sogar aus den eigenen Reihen der USGA. Die Kombination aus unklarer Beweislage, verzögerter Kommunikation und einer schwer verständlichen Regel führte zu einem seltenen Konsens: So konnte es nicht bleiben.
Rückblickend stellte sich der Vorfall als Wendepunkt heraus. Gemeinsam mit The R&A leitete die USGA eine umfassende Modernisierung der Golfregeln ein. Bereits 2017 wurden erste Anpassungen vorgenommen, 2019 trat schließlich ein komplett überarbeitetes Regelwerk in Kraft. Die entscheidende Neuerung: Ein versehentlich bewegter Ball auf dem Grün wird heute nicht mehr bestraft. Gemäß Regel 13.1d wird der Ball einfach zurückgelegt, ohne dass ein Strafschlag erfolgt.
Was einst für hitzige Diskussionen sorgte, ist heute ein Paradebeispiel für sinnvolle Regelreformen. Für Johnson selbst hatte die Kontroverse letztlich keine sportlichen Konsequenzen – sein Sieg war nie ernsthaft gefährdet. Dennoch hätte die Geschichte auch anders ausgehen können.
Das sagt Regelexperte Dietrich von Garn dazu:
„Früher war nicht alles besser, sondern einfach nur anders. Wer schon vor 2019 Golf gespielt hat, weiß, dass man im Zweifel weit genug vom Ball wegstehen musste, um zu zeigen, dass man nicht für seine Bewegung verantwortlich war. Dennoch gab es einige risikobereite (oder leichtsinnige?) Spieler, die den Putter direkt hinter den Ball setzten oder ihren Übungsschwung so nah am Ball ausführten, dass kein Bleistift mehr dazwischenpasste.
Da sich zunehmend die Meinung verbreitete, dass Zweifels- und Zufallsfälle nicht wie vorsätzliche oder grob fahrlässige Regelverstöße behandelt werden sollten, wurde in den Regeln 2019 eine entsprechende Anpassung vorgenommen. Zudem geht ein Bewegen des Balls auf dem Grün nicht mit einer Verbesserung der Lage einher, wie es im Rough eher der Fall sein kann. Deshalb ist die Erleichterung in der aktuellen Regelversion sinnvoll.
Die Frage ist allerdings: Wenn von über 100 Spielern auf 18 Löchern mit durchschnittlich zwei Putts immerhin 3.600 Putts ausgeführt werden und nur einer seinen Ball bewegt, wie schaffen es die anderen, dies zu vermeiden? Ist es bei dem einen Spieler einfach „blöd gelaufen”? Möglich ist es.
Es gab ein weiteres Problem: Wenn sich der Ball bewegt hatte und der Spieler der Meinung war, dass er die Bewegung nicht verursacht hatte, musste er lediglich bei dieser Ansicht bleiben. Auf die Mitteilung der Spielleitung, es sähe so aus, als hätte er seinen Ball bewegt, war die Antwort eines selbstbewussten Spielers immer: „Nein. Ich war am nächsten am Ball und habe gesehen, dass ich nicht der Verursacher war.“ Nur wenige Spielleitungen haben dann gegen den Spieler gestimmt. Da es nicht sein kann, dass die Sturheit oder das Selbstbewusstsein eines Spielers zu Vorteilen bei der Anwendung der Regeln führt, ist die aktuelle Version der Regeln um ein Vielfaches besser als die Version von vor 2019.“








