Partner des DGV

Bundestrainerin Frauen, Nicole Gögele, und Esther Henseleit. | © Flickr / LET

Gögele: „Esther ist komplett angekommen“

Vom deutschen Nachwuchskader auf die größte Bühne des Frauengolfs: Nicole Gögele hat den Weg von Esther Henseleit über viele Jahre begleitet. Beim Solheim Cup im Bernardus Golf erlebt die Frauen-Bundestrainerin nun eine Spielerin, die längst auf eigenen Beinen steht und sich auch im europäischen Team etabliert hat. Im Gespräch mit Golf.de erklärt Gögele, warum Henseleit schon immer eine besondere Gelassenheit auszeichnete, wie sie deren Entwicklung auf der LPGA Tour einschätzt und welchen Stellenwert der Solheim Cup und der Junior Solheim Cup für den deutschen Golfsport haben.

 

Golf.de: Sie kommen gerade vom ersten Tee. Erzählen Sie doch mal, wie es für Sie ist. Sie sind schon sehr lange im Geschäft, aber ich habe das Gefühl, dass beim Solheim Cup immer wieder neue Maßstäbe in puncto Stimmung gesetzt werden. Wie ist es für Sie hier?

Nicole Gögele: Der Solheim Cup ist immer etwas Besonderes, und das erste Tee ist großartig. Die Stimmung ist toll und alle haben das Gefühl, dass etwas Besonderes entstehen soll. Die Zuschauer geben auch alles. Besonders toll ist diese eine Sängergruppe, die für jede Spielerin einen eigenen Text gedichtet hat. Es macht echt Spaß.

 

Haben sie schon einen Song für Esther? Ich habe noch keinen gehört.

Gögele: Nein, Esther hat heute Morgen leider nicht am ersten Tee abgeschlagen und heute Nachmittag spielt sie auch nicht. Insofern kenne ich Esthers Lied auch noch nicht.

 

Warten wir es ab. Sie sind heute Morgen mit Esther mitgelaufen, als sie mit Leona Maguire gespielt hat. Wie war Ihr Eindruck von Esther? Wie stolz waren Sie, sie auf dieser großen Bühne neben Maguire zu sehen und dann auch noch den Punkt zu holen?

Gögele: Ja, das ist großartig. Sie hat sich zu einer Weltklasse-Spielerin entwickelt. Sie nimmt jetzt zum zweiten Mal am Solheim Cup teil, wirkt aber, als wäre sie hier einfach völlig angekommen. Sie fühlt sich zugehörig. Es ist toll zu sehen, wie sie sich gibt und wie sie auftritt. Man sieht auch, dass sie es genießt und Spaß hat. Natürlich ist sie nervös, wenn sie abschlägt, aber das ist bei jedem so. Aber es war toll zu sehen, wie sie sich gibt.

 

Hatten Sie zwischendurch Augenkontakt mit ihr? Haben Sie sie gesehen, hat sie Sie gesehen? Inwieweit hatten Sie auch kurz Kontakt?

Gögele: Ich saß heute Morgen in der ersten Reihe und wir haben uns kurz gesehen. Wir haben uns zugewinkt und die Daumen hoch gezeigt, dann ging sie los.

Esther wirkt in ihrer Außendarstellung sehr ruhig. Sie bezeichnet sich selbst als Ruhepol und hat im Interview gesagt, dass sie der Mannschaft diese Ruhe geben kann. Können Sie das bestätigen? Würden Sie auch sagen, dass sie der Ruhepol im Team ist?

Gögele: Sie ist einfach eine sehr gelassene und ruhige Person, die diese Ruhe auch ausstrahlt. Ich war mit ihr bei der Qualifying School, ich glaube, das war 2018. Sie hat auf der Range nicht gut performt und wir sind dann nebeneinander zum ersten Tee gelaufen. Sie war total entspannt. Diese Ruhe strahlt sie einfach aus. Das sehen ihre Gegnerinnen, ihre Mitspielerinnen und ihre Viererpartnerin. Ich glaube, es ist genau das, was Sie gesagt haben. Sie gibt dem Team diese Ruhe und Gelassenheit. Sie beruhigt die Situation, und das ist super. Aber das ist Esther. Das war sie schon immer. Das Einzige, was sie macht, ist summen. So habe ich sie früher auch erlebt.

 

Was haben Sie ihr in Bezug auf diese Ruhe mitgegeben? War sie schon immer so ruhig oder hat sie viel dafür gearbeitet? Inwieweit musste sie diese Ruhe lernen?

Gögele: Ich glaube, das ist Esther. Das musste sie nicht groß lernen. Niemand weiß so richtig, wie es in ihr aussieht, aber das ist einfach ihre Art, damit umzugehen. Ich glaube, sie reguliert sich dadurch. Das ist ihre Art. Sie kann sich sehr gut regulieren und nach außen wirkt es so, als wäre sie vollkommen entspannt und bereit für die bevorstehende Aufgabe. Aber das musste man ihr nicht anerziehen, das war schon immer da. Sie hat tolle Möglichkeiten für sich gefunden, um diese Ruhe zu erreichen. Wie gesagt, ich kann mich daran erinnern, dass sie früher immer gesummt hat. Ihre Handbewegungen sind immer noch genau dieselben wie zu der Zeit, als sie bei uns im Kader war. Sie ist eine viel reifere Spielerin geworden und hat ein viel größeres Schlagrepertoire. Aber ihr Habitus ist immer noch genau wie früher.

 

Wenn Sie über sie reden, merkt man, dass da fast schon ein mütterlicher Stolz mitschwingt. So nach dem Motto: „Das ist ein Mädchen von früher, das genau den Weg im Verband gegangen ist, durch die ganzen Kader, und nicht am College war, sondern den europäischen, deutschen Weg gegangen ist.“ Macht das sie noch besonderer?

Gögele: Esther ist das, was wir mit unserem Programm erreichen wollen. Sie hat den kompletten Kaderweg durchlaufen, war nicht auf dem College und ist sehr früh Profi geworden. Wir hatten damals die Möglichkeit, sie als Profi zu unterstützen. Sie ist in unserem Team groß geworden und ist jetzt dort, wo alle hin sollen. Sie steht auf eigenen Beinen, hat ihr eigenes Team um sich herum und ist jetzt angekommen. Sie freut sich, uns zu sehen, und wir freuen uns, sie zu sehen. Aber sie ist selbstständig. Und das ist das Ziel, das alle irgendwann einmal erreichen sollen.

 

Wie sehen Sie ihre Entwicklung in den letzten Jahren? Da ist sehr viel passiert, vor allem auf der LPGA Tour. Zwar wartet sie noch auf ihren Sieg, sie hatte aber unter anderem den zweiten Platz bei der Womens Open und die Silbermedaille bei Olympia. Wie beurteilen Sie ihre Entwicklung in einem Alter, in dem es Mitte/Ende 20 auch darum geht, den nächsten Schritt zu machen und Turniere zu gewinnen?

Gögele: Ich finde, sie verbessert sich jedes Jahr kontinuierlich. Es ist ein Prozess, sich überall wohlzufühlen und sich in Amerika zurechtzufinden. Sie haben es gerade schon erwähnt: Sie war nicht auf dem College. Ich glaube, es hat eine Weile gedauert, bis sie sich dort komplett wohlgefühlt hat, bis sie sich auf der Tour wohlgefühlt hat und bis sie Freunde gefunden hat, mit denen sie dann abends zusammen war. Reece [Phillips, Henseleits Ehemann und Caddie, Anm. d. Red.] ist jetzt wieder gesund und an ihrer Tasche, nachdem er eine Zeit lang wegen seines Rückens nicht konnte. Aber ja, ich glaube, sie ist jetzt komplett angekommen. Wir müssen jetzt einfach nur noch abwarten, bis es passiert. Das wird in den nächsten Wochen passieren – oder vielleicht auch nicht. Man weiß es nie bei diesem Spiel. Aber sie macht den Anschein, als würde sie sich auch damit wohlfühlen, zu gewinnen. Und das ist ja auch ein Prozess.

Wenden wir uns dem aktuellen Solheim Cup zu. Wie schätzen Sie das Kräfteverhältnis zwischen Europa und den USA in dieser Woche ein?

Gögele: Es ist schwer zu sagen. Auf dem Papier sind die Amerikanerinnen immer ein kleines bisschen stärker. Aber ich glaube, dass wir Europäer es am Ende durch unsere Teamfähigkeit und Zusammengehörigkeit schaffen – das zeigt sich ja immer wieder. Die Amerikanerinnen machen dieses Jahr aber auch einen guten Eindruck als Team. Ich glaube, es wird super spannend. Das hat man heute Morgen in den Vierern gesehen. Es ist wirklich alles offen. Es ist schwer, eine Prognose abzugeben.

 

Sie sehen die Teams also ungefähr gleichauf?

Gögele: Ja, würde ich sagen. Genau. Es ist natürlich immer von Vorteil, zu Hause zu spielen, aber mal gucken. Die Mädels beim Junior Solheim Cup haben es ja fast noch in den Einzeln geschafft, nachdem die Amerikanerinnen die Vierer dominiert haben. Es ist also wirklich erst zu Ende, wenn es zu Ende ist.

 

Welche Bedeutung hat der Solheim Cup insgesamt? Die Atmosphäre, die Stimmung, die Lust auf Golf und das Image, das Golf bei solchen Events bekommt, sind grundsätzlich einzigartig. Welchen Stellenwert hat der Solheim Cup vor allem für den Frauensport?

Gögele: Ich glaube, einen sehr wichtigen. Die Leute lieben dieses Format und Teamsport allgemein. Auch Nicht-Golfer können eine Beziehung zu diesem Event herstellen. Es ist irgendwie gegeneinander, es ist Matchplay, jeder, der gewinnt, kriegt einen Punkt. Das ist einfach nachzuvollziehen. Man muss nicht viele Regeln verstehen, sondern nur, dass der Spieler oder das Team gewinnt, das weniger Schläge benötigt. Insofern glaube ich, dass es ein Riesending ist – für Frauengolf sowieso, aber auch für den Golfsport insgesamt. Ich meine, wir brauchen solche Events. Und wir brauchen uns auch nicht vor den Männern zu verstecken. Natürlich ist es bei uns immer ein bisschen kleiner, aber ebenbürtig.

 

Werden wir bald wieder zwei Deutsche im Solheim Cup sehen?

Gögele: Na, hoffentlich. Wir waren ja dieses Jahr nicht weit weg. Helen [Briem] war nah dran, Alex [Försterling] vor zwei Jahren auch.

Wir haben gerade zwei Deutsche beim Junior Solheim Cup gesehen. Sie haben das Thema bereits kurz angesprochen. Können Sie uns kurz Ihr Fazit von diesem Junior Solheim Cup in dieser Woche geben? Wie war er?

Gögele: Leider war ich nicht dabei und konnte es mir nicht ansehen. Ich war noch in der Trainerakademie. Insofern habe ich nur die Ergebnisse verfolgt und heimlich das Livescoring auf dem Telefon laufen gehabt. Aber ja, die Amerikanerinnen schienen in den Vierern sehr dominant zu sein. Sebastian Buhl, einer meiner Assistenztrainer, war vor Ort. Er meinte, dass sie im Spiel unter 100 Metern noch besser sind. Da sieht man also noch Unterschiede. Es war aber natürlich toll zu sehen, welches Comeback die Mädels in den Einzeln hingelegt haben – das ganze Team. Ich habe auch gerade mit Eva-Lotta [Strömlid] gesprochen, die den Junior Solheim Cup organisiert. Alle Mädels sind hier mit einem tollen Gefühl rausgegangen. Eigentlich haben sich am Ende beide Teams wie Sieger gefühlt. Und es ist natürlich wunderschön, dass so etwas dabei herauskommt.

 

Welche Bedeutung hat der Junior Solheim Cup insgesamt für die Nationalmannschaft und den Nachwuchs? Gerade weil die Mädchen jetzt auf demselben Platz wie die Profis spielen, sind die Stars dabei. Man kann Fotos machen und Autogramme holen. Welchen Stellenwert hat der Junior Solheim Cup für die Mädchen?

Gögele: Einen sehr, sehr großen. Wenn man einmal im Nationalteam ist, dann ist das natürlich etwas, was alle machen wollen: einmal für die europäische Auswahl zu spielen. Es gibt die Vagliano Trophy, bei der man gegen den britischen Kontinent spielt. Aber der Junior Solheim Cup gegen Amerika ist noch einmal etwas ganz Besonderes. Im Vorfeld dieses Events sind auch die großen Profis und Vorbilder schon da. Man spielt auf denselben Plätzen, trägt dieselbe Kleidung und fühlt sich irgendwie zugehörig. Und ich glaube, sie erleben auch ganz schön viel von den Erfahrenen, von den „Alten“. Ich glaube, das ist eine ganz tolle Erfahrung für sie.

 

Haben wir mit Lena und Sofia möglicherweise zwei zukünftige Spielerinnen des Solheim Cups gesehen? Wie ist Ihre Einschätzung?

Gögele: Ich kenne die beiden nicht besonders gut. Sie spielen ja noch im Amateurkader. Aber so, wie es aussieht, haben beide souverän gespielt und waren auch bei der EM in diesem Jahr sehr erfolgreich. Was man so hört, haben sie auf jeden Fall gute Chancen.

 

Wie groß ist Esther Henseleit dann auch für diese Mädchen als Vorbild? Sie kann nicht nur für Sie als Verband beziehungsweise als Projekt, sondern auch für die Mädchen ein Vorbild sein. Was gibt Esther diesen Nachwuchsspielerinnen mit, insbesondere was ihre Vorbildfunktion angeht?

Gögele: Esther macht sehr viel. Sie ist auch beim Amundi German Masters sehr aktiv. Ich glaube, es gibt auch eine nach ihr benannte Turnierserie, bei der sie sehr engagiert ist. Sie gibt nicht nur den Mädchen im Kader sehr viel zurück, sondern versucht auch, den gesamten Mädchensport in Deutschland zu fördern und zu unterstützen. Sie ist ein riesiges Vorbild. Ich glaube, für alle Mädchen in Deutschland.

Für die Darstellung dieser Inhalte von Instagram benötigen wir Ihre Einwilligung. Wenn Sie die Inhalte aktivieren, werden Ihre Daten verarbeitet und es werden Cookies zum Zwecke der Reichweitenmessung und des profilbasierten Online-Marketings auf Ihrem Endgerät gespeichert sowie von diesem gelesen. Informationen und Hinweise zur Einwilligungs-, Widerrufs- und Widerspruchsmöglichkeiten finden Sie in unserer Datenschutzerklärung und der Datenschutzerklärung von Instagram.
Inhalte laden
Instagram-Beiträge immer entsperren

Weiteres zum Thema

Tipps der Redaktion