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Martin Kaymer ist seit der Gründung im Jahr 2022 Mitglied bei LIV. | © Isaiah Vazquez/Getty Images

Quo vadis, LIV?

LIV Golf wollte den professionellen Golfsport revolutionieren. Mit Milliarden aus Saudi-Arabien, hohen Preisgeldern, prominenten Namen und einem Mannschaftskonzept sollte die im Jahr 2022 gegründete Liga der etablierten Konkurrenz langfristig den Rang ablaufen. Vier Jahre später stellt sich jedoch nicht mehr die Frage, wie groß LIV werden kann. Es geht vielmehr darum, ob die Liga überhaupt eine Zukunft hat.

 

Am Mittwoch, dem 14. Oktober, wurde vor einem US-amerikanischen Insolvenzgericht in New Jersey erneut über die Zukunft des Wettbewerbs verhandelt. Das Ergebnis ist ein weiterer Schritt in Richtung eines möglichen Neustarts, aber keineswegs die erhoffte Entwarnung. LIV Golf muss bis Ende Oktober entscheiden, ob die Liga mit einem grundlegend veränderten Modell weitermacht oder den Betrieb einstellt. Die kommenden zwei Wochen könnten somit die entscheidenden in der noch jungen Ligageschichte werden.

300 Millionen Dollar – und trotzdem keine Sicherheit

Der Rückzug des saudischen Staatsfonds Public Investment Fund (PIF) stürzt LIV Golf in eine existenzielle Krise. Der Fonds hatte seit der Gründung mehr als fünf Milliarden US-Dollar in das Projekt investiert und damit unter anderem hohe Spielerverträge, Antritts- und Preisgelder ermöglicht. Die Finanzierung soll jedoch nach 2026 nicht fortgesetzt werden. Deshalb musste LIV am 8. September ein Sanierungsverfahren nach Chapter 11 in den USA einleiten.

 

Mit BC Partners Credit wurde inzwischen ein neuer Geldgeber gefunden. Das Finanzierungsmodell sieht ein Gesamtpaket von bis zu 300 Millionen US-Dollar vor. Bei der Anhörung am 14. Oktober genehmigte Richter Michael Kaplan eine überarbeitete Vereinbarung zwischen LIV und dem Investor. Darin ist zunächst eine Finanzierung von vier Millionen Dollar vorgesehen. Diese Mittel sollen es der Liga ermöglichen, Mitarbeiter zurückzugewinnen und die nächsten Schritte für eine mögliche Neuauflage vorzubereiten.

 

Die Genehmigung ist ein wichtiges Signal, bedeutet jedoch nicht, dass LIV bereits langfristig finanziert wäre. Die 300 Millionen US-Dollar stehen nicht automatisch und bedingungslos zur Verfügung. Der Investor muss überzeugt sein, dass sich ein tragfähiger Wettbewerb mit einer ausreichenden Zahl von Spielern aufbauen lässt. Auch die grundsätzliche Entscheidung über die Fortführung steht noch aus. Richter Kaplan bezeichnete die Vereinbarung als wichtigen ersten Schritt, um einen gangbaren Weg für den Fortbestand oder eine geordnete Abwicklung zu finden.

LIV 2.0: Weniger Turniere, andere Eigentümer

Die geplante Neuauflage soll mit einem deutlich kleineren Turnierkalender auskommen. Statt der bisherigen 14 Turniere sind für 2027 zehn Veranstaltungen vorgesehen, von denen etwa die Hälfte außerhalb der USA stattfinden soll. Gleichzeitig soll das Geschäftsmodell grundlegend verändert werden. Es soll weg von hohen garantierten Zahlungen an die Spieler und hin zu einer stärkeren Beteiligung am wirtschaftlichen Erfolg der Liga gehen. Den bislang bekannt gewordenen Plänen zufolge sollen die Spieler zusammen 52,5 Prozent der Anteile erhalten. BC Partners und weitere Investoren sollen 45 Prozent erhalten, das Management die verbleibenden 2,5 Prozent. Diese Aufteilung ist Teil des geplanten Modells und noch nicht mit einer vollständig vollzogenen Neuaufstellung gleichzusetzen.

 

Die Idee ist nachvollziehbar. Wer selbst Anteile hält, hat ein unmittelbares Interesse daran, dass die Liga wirtschaftlich erfolgreich wird. Doch das Konzept verlagert auch Risiken auf die Spieler. Aus den bislang hoch bezahlten Teilnehmern sollen Miteigentümer eines Unternehmens werden, dessen wirtschaftliche Zukunft ungewiss ist. Zudem muss LIV beweisen, dass sich das Modell auch ohne die nahezu unbegrenzten Mittel des bisherigen Geldgebers trägt. Ein kompakterer Kalender könnte die Kosten senken und die einzelnen Veranstaltungen aufwerten. Ob sich damit allerdings dauerhaft genügend Sponsoren, Zuschauer und kommerzielle Partner gewinnen lassen, ist offen.

Die Stars laufen davon

Das größte Problem der Neuauflage ist derzeit nicht nur die Finanzierung, sondern auch die Zusammensetzung des Teilnehmerfelds. Jon Rahm, einer der prominentesten Spieler der Liga, hat über seinen Anwalt mitteilen lassen, dass er die vorgeschlagenen Bedingungen für LIV 2.0 nicht akzeptiert und 2027 nicht mehr für die Liga antreten wird. Die rechtliche Trennung von LIV ist damit noch nicht in allen Punkten abgeschlossen, seine sportliche Entscheidung steht jedoch fest. Auch David Puig hat angekündigt, nicht bei LIV 2.0 zu bleiben. Der Spanier möchte stattdessen auf der DP World Tour spielen. Adrian Meronk will seinen Vertrag ebenfalls nicht verlängern. Sergio Garcia wurde bereits aus seinem LIV-Vertrag entlassen. Abraham Ancer hat zudem entschieden, seinen auslaufenden Vertrag nicht zu verlängern. Damit verliert LIV innerhalb kurzer Zeit mehrere Spieler, die sportlich sowie für die Mannschaften eine wichtige Rolle gespielt haben.

 

Die Liga hat deshalb die Frist für die Spielerentscheidungen verlängert. Ursprünglich sollten die Profis bis zum 13. Oktober ihre Zusage für die geplante Neuauflage geben. Nun gilt der 25. Oktober als Stichtag. LIV und BC Partners benötigen ausreichend verbindliche Zusagen, um entscheiden zu können, ob sich der Neustart wirtschaftlich und sportlich umsetzen lässt. Bis zum Monatsende muss sich zeigen, ob die Finanzierung trägt. Es muss auch klar werden, welche Spieler tatsächlich bereit sind, das neue Modell mitzutragen. Ohne ein konkurrenzfähiges Teilnehmerfeld droht LIV der Verlust seiner wichtigsten Attraktion.

Der Konflikt mit der DP World Tour verschärft sich

Die Entscheidung der DP World Tour vom 12. Oktober erzeugt zusätzlichen Druck. Demnach soll niemand, der 2027 bei LIV Golf spielt, eine Mitgliedschaft auf der europäischen Tour erhalten. Damit endet die bisherige Möglichkeit, unter bestimmten Voraussetzungen auf beiden Touren anzutreten. Für europäische Spieler ist das ein erheblicher Einschnitt. Eine Mitgliedschaft auf der DP World Tour ist nämlich Voraussetzung für eine Teilnahme am Ryder Cup. Wer sich für LIV entscheidet, muss deshalb nicht nur die finanzielle Attraktivität des Angebots, sondern auch die sportlichen Folgen bedenken. Die Entscheidung könnte insbesondere jene Spieler treffen, die weiterhin für Europa beim Ryder Cup antreten wollen.

 

LIV sieht in der Ankündigung der europäischen Tour einen möglichen Eingriff in den Restrukturierungsprozess. Der Anwalt der Liga kritisierte bei der Anhörung den Zeitpunkt der Entscheidung und behielt sich rechtliche Schritte vor. Auch Richter Kaplan äußerte Bedenken und bat darum, über weitere Entwicklungen informiert zu werden. Eine gerichtliche Klärung des Konflikts steht allerdings noch aus. Die Entscheidung der DP World Tour ist somit mehr als nur ein weiterer Streit zwischen konkurrierenden Verbänden. Sie erschwert es LIV, europäische Spieler zu verpflichten und an sich zu binden, genau in dem Moment, in dem die Liga für ihren Neustart auf möglichst viele Zusagen angewiesen ist.

Martin Kaymer: Kapitän ohne klare Perspektive

Für Martin Kaymer ist die Situation besonders schwierig. Der zweifache Major-Sieger ist Kapitän der Cleeks GC und der einzige Deutsche im regulären Teilnehmerfeld von LIV Golf. Damit ist seine Rolle nicht allein sportlicher Natur: Er gehört zu den Gesichtern der Liga und repräsentiert das Mannschaftskonzept nach außen. Sportlich verlief die Saison 2026 für ihn enttäuschend. Kaymer beendete die Einzelwertung auf Rang 53 und lag damit in der sogenannten „Drop Zone”. Nach dem bisherigen Reglement hätte er damit sein Spielrecht für die kommende Saison verloren. Wie sich dieser Umstand auf die neue Liga auswirkt, ist jedoch offen, denn LIV plant einen grundlegenden Umbau der Mannschaften und der Spielerverträge.

 

Kaymer hatte sich bereits im August nach einem Treffen mit dem potenziellen neuen Geldgeber vorsichtig optimistisch gezeigt. „Der Investor ist begeistert. Es gibt noch einige Dinge, die geklärt werden müssen, aber ich fand das Treffen positiv“, sagte er damals. Gleichzeitig machte er deutlich, dass noch viele Fragen offen seien. Bereits im Juli hatte Kaymer öffentlich darauf hingewiesen, dass den Spielern nicht bekannt sei, ob LIV 2027 überhaupt noch existieren werde. Ob er bei LIV 2.0 dabei sein wird, ist nach dem derzeit verfügbaren Informationsstand nicht bestätigt. Seine Situation steht exemplarisch für die Unsicherheit vieler Spieler: Selbst wenn die Liga fortgesetzt wird, ist noch nicht klar, welche Verträge gelten, wie die Teams zusammengestellt werden und welche sportlichen Voraussetzungen künftig für die Teilnahme gelten werden.

 

Für den Deutschen könnte das neue Modell eine Chance bieten, sofern die geplante Beteiligung der Spieler am Unternehmen tatsächlich umgesetzt wird. Gleichzeitig wäre er als Kapitän unmittelbar von einem möglichen Schrumpfkurs betroffen. Sollte LIV weitere prominente Spieler verlieren oder die Finanzierung scheitern, dürfte auch die Zukunft der Teams in ihrer bisherigen Form infrage stehen.

Bewährungsprobe statt Neustart mit Garantie

LIV Golf steht an einem Wendepunkt. Die Liga hat gezeigt, dass sie mit großen finanziellen Mitteln etablierte Spieler gewinnen und einen eigenständigen Wettbewerb aufbauen kann. Dass dieses Modell jedoch dauerhaft wirtschaftlich tragfähig ist, hat sie bislang nicht bewiesen. Der Rückzug des PIF zwingt die Verantwortlichen nun, aus dem milliardenschweren Projekt ein Unternehmen zu machen, das mit deutlich weniger Geld auskommen muss. Ein kleinerer Turnierkalender, ein stärkerer Fokus auf Mannschaften und eine Beteiligung der Spieler könnten die Grundlage dafür bilden. Doch all das setzt voraus, dass genügend Spieler bleiben, die Finanzierung gesichert wird und die Liga kommerziell attraktiv bleibt. Hinzu kommt der Konflikt mit der DP World Tour, der gerade für europäische Profis eine Entscheidung zwischen zwei Karrierewegen erzwingt.

 

Bis Ende Oktober muss LIV Golf deshalb die entscheidenden Fragen beantworten: Reicht die Finanzierung? Kommen genügend Spieler zusammen? Und lässt sich ein Wettbewerb etablieren, der nicht mehr allein von einem einzelnen Geldgeber abhängig ist? Die Saison 2027 ist damit noch lange keine ausgemachte Sache. LIV 2.0 könnte zu einem kleineren Wettbewerb werden, der stärker auf Team-Eigentum ausgerichtet ist. Ebenso ist eine Einstellung des Betriebs möglich. Für Martin Kaymer und seine Kollegen bedeutet das, dass sie derzeit nicht nur über ihre sportliche Zukunft, sondern auch über die eines Unternehmens entscheiden, dessen Fortbestand auf der Kippe steht.

 

Quo vadis, LIV? Eine Antwort darauf dürfte es noch im Oktober geben. Bis dahin bleibt die angekündigte Neuauflage ein Plan und der Fortbestand der Liga eine offene Frage.

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