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Sebastian Rühl, Bundestrainer Diagnostik und Wissenschaft im DGV, im Golf.de-Interview über Daten, Deutschland und Disziplinen | © Stefan Heigl

„Wir verknüpfen Daten, Diagnostik und Training“

Herr Rühl, Glückwunsch zur Ernennung zum PGA Professional of the Year. Wo zu Hause steht die Trophäe und wie viele Nachrichten sind nach Bekanntgabe der Wahl auf Ihrem Handy eingegangen?
Vielen Dank, ich habe mich wirklich sehr über die Auszeichnung gefreut. Die Trophäe hat bei mir zu Hause einen Platz gefunden – bewusst eher im Hintergrund. Für mich ist sie weniger ein persönlicher Pokal als vielmehr ein Symbol für viele Menschen und gemeinsame Arbeit über Jahre hinweg. Die Nachrichten waren zahlreich – deutlich mehr als ich erwartet hätte. Besonders gefreut hat mich die Bandbreite: von langjährigen Wegbegleitern über Spielerinnen und Spieler bis hin zu Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Bereichen. Das zeigt, wie sehr unser Sport von Beziehungen lebt. Am Ende fühlt sich diese Auszeichnung für mich nicht wie ein Abschluss an, sondern eher wie ein Zwischenmoment auf einem gemeinsamen Weg.

 

Sie sind Bundestrainer Diagnostik und Wissenschaft des Deutschen Golf Verbands. Das klingt im ersten Moment sehr technisch. In wenigen Sätzen: Was sind Ihre Aufgaben im Golf Team Germany?
Das klingt tatsächlich technischer, als es im Alltag ist. Im Kern geht es darum, Leistung im Golf besser zu verstehen und gezielt zu entwickeln. Meine Aufgabe ist es, gemeinsam mit Trainern und Spielern die richtigen Schlüsse aus Daten, Beobachtungen und Erfahrungen zu ziehen – also Diagnostik sinnvoll zu nutzen und daraus konkretes Training abzuleiten. Ich versuche, Wissenschaft und Praxis eng zu verbinden, damit am Ende genau das entsteht, was im entscheidenden Moment zählt: bessere Entscheidungen und bessere Leistungen auf dem Platz.

 

Sie haben die neue Rahmentrainingskonzeption des DGV erstellt. Wie viele Stunden, Tage, Wochen und Monate Arbeit stecken in diesem Werk und für wen ist es gedacht?
Wenn man es genau nimmt, lässt sich das kaum in Stunden oder Tage fassen – es ist eher das Ergebnis von vielen Jahren intensiver Arbeit, Austausch und Weiterentwicklung. Die konkrete Erarbeitung der neuen Rahmentrainingskonzeption hat sich über viele Monate gezogen, mit unzähligen Abstimmungen, Workshops und Iterationen. Es ist ein echtes Gemeinschaftswerk. Gedacht ist sie für alle, die Golf in Deutschland entwickeln: Trainerinnen und Trainer, Vereine, Landesverbände – aber auch Spieler und Eltern. Im Kern soll sie Orientierung geben, wie wir Ausbildung und Leistung langfristig, sinnvoll und gemeinsam gestalten.

Sie haben dabei Disziplinen übergreifend gearbeitet und sich Daten sowie Informationen und Tipps aus anderen Sportarten eingesammelt haben. Was kann Golf von anderen Disziplinen – von welchen speziell – lernen und was kann Golf an andere weitergeben?
Wir haben bewusst über den Tellerrand geschaut – vor allem in Sportarten wie Leichtathletik, Turnen, Tennis oder auch im Wintersport. Dort sieht man sehr klar strukturierte Ausbildungswege, eine hohe Konsequenz in der Trainingsplanung und ein starkes Verständnis für langfristige Entwicklung. Golf kann daraus vor allem lernen, Entwicklung noch systematischer und geduldiger zu denken – und Training konsequent entlang klarer Prinzipien aufzubauen. Umgekehrt hat Golf auch viel zu geben: den Umgang mit komplexen Entscheidungssituationen, die Verbindung von Technik, Taktik und Mentalem sowie die Fähigkeit, Leistung in offenen, nicht standardisierten Umgebungen zu erbringen. Gerade diese Vielschichtigkeit macht Golf auch für andere Sportarten interessant.

 

Geben Sie uns bitte zwei, drei Beispiele von Daten, die bei Ihnen zusammenlaufen und die Golfer auf höchstem Amateur- oder Profi-Niveau helfen sollen, besser zu werden.
Bei uns laufen tatsächlich sehr viele unterschiedliche Daten zusammen – von Strokes Gained über 3D-Analysen, Bodendruckmessplatten und SAM Puttlab bis hin zu Videoanalysen, Spielbeobachtungen im Wettkampf und auch physiologischen Daten wie HRV. Entscheidend ist für uns aber nicht die Datenmenge an sich und auch nicht die Frage, was grün oder rot ist. Wir nutzen diese Informationen vielmehr, um gezielt nach den entscheidenden Impulsen zu suchen – also nach den Faktoren, die die Leistung eines Spielers kurz-, mittel- oder langfristig wirklich verbessern. Dabei spielt die Spielbeobachtung im realen Kontext eine zentrale Rolle. Sie hilft uns, Daten richtig einzuordnen und nicht einfach Bewegungen oder Zahlen in Richtung eines vermeintlichen Neutralwerts zu optimieren. Unser Ziel ist nicht, Spieler zu standardisieren, sondern individuelle Lösungen zu entwickeln, die unter Wettkampfbedingungen funktionieren.

 

Gibt es Unterschiede im Zugang bzw. der Bewertung von Daten oder Analysen zwischen den deutschen Frauen und den Männern?
Grundsätzlich arbeiten wir mit denselben Daten und Analyseansätzen – unabhängig vom Geschlecht. Die Prinzipien von Leistung, Entwicklung und Trainingssteuerung sind für uns identisch. Unterschiede entstehen eher auf individueller Ebene: im Zugang zu den Daten, in der Art der Verarbeitung und in der Umsetzung im Training und Wettkampf. Einige Spielerinnen und Spieler arbeiten sehr Zahlen getrieben, andere eher über Bilder, Gefühl oder klare Handlungsideen. Unsere Aufgabe ist es, die Informationen so aufzubereiten, dass sie für die jeweilige Person maximal wirksam werden. Wenn man überhaupt einen Unterschied festhalten möchte, dann weniger zwischen Frauen und Männern, sondern zwischen unterschiedlichen Persönlichkeiten und Lernprofilen. Genau darauf richten wir unsere Arbeit aus.

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In Deutschland ist Ihre Stelle neu. Gibt es ähnliche Funktionen in anderen Golf-Nationen oder sind wir dahingehend Vorreiter?
In dieser Form ist die Stelle in Deutschland tatsächlich noch relativ neu. In anderen führenden Golf-Nationen gibt es vergleichbare Funktionen – oft eingebettet in interdisziplinäre Teams aus Coaching, Sportwissenschaft und Performance-Analyse. Was wir aktuell sehen, ist ein klarer internationaler Trend: Die gezielte Verknüpfung von Daten, Diagnostik und Training wird immer wichtiger. Ich glaube, unsere Stärke liegt weniger in der reinen Struktur, sondern in der Art der Umsetzung. Wir versuchen sehr bewusst, Wissenschaft und Praxis eng zu verzahnen und die Erkenntnisse direkt in den Trainings- und Wettkampfalltag zu übersetzen. In diesem integrativen Ansatz sehe ich durchaus die Chance, eine Vorreiterrolle einzunehmen.

 

Bleibt Ihr Kontakt zu Nationalspielern ähnlich intensiv wie bisher oder fehlt Ihnen der tiefere Austausch vor Ort mit den Athleten?
Der Kontakt hat sich definitiv verändert – und das ist ja auch Teil der Aufgabe: Wir haben in den jeweiligen Bereichen sehr starke Bundestrainer und gute Heimtrainer, die nah an den Spielerinnen und Spielern arbeiten. Meine Aufgabe sehe ich aktuell vor allem darin, diese Trainerteams im Hintergrund zu stärken und bestmöglich zu unterstützen. Das bedeutet: weniger permanente Präsenz vor Ort, dafür ein gezielterer Blick auf Analyse, Austausch und die gemeinsame Weiterentwicklung. Die Nähe zu den Athletinnen und Athleten bleibt wichtig, aber sie entsteht heute oft über den Weg eines gut vernetzten und eng zusammenarbeitenden Trainerteams.

 

Ihr Laudator Christoph Herrmann meinte, Sie als ehemaliger Bundestrainer Mädchen seien die teils doch recht flapsige Sprache der Jungs nicht gewöhnt. Stimmt das? Ist das Arbeiten mit Jungs schwieriger als mit Mädchen? Wo sind die Unterschiede?
Ich habe aktuell tatsächlich deutlich mehr Kontakt zur männlichen Seite als früher und ich habe früher auch immer mal wieder halb im Spaß gesagt, dass ich wahrscheinlich kein besonders guter Jungs-Trainer wäre, weil ich einfach kein klassisches Alpha-Tier bin. In der Praxis merke ich aber, dass ich hier eigentlich sehr gut connecte. Viele der Jungs sind extrem golfbegeistert – teilweise wirklich golfbesessen – und da findet ein Golf-Nerd wie ich natürlich sehr schnell Anschluss. Grundsätzlich würde ich aber gar nicht so stark zwischen Jungs und Mädchen unterscheiden. Die größten Unterschiede liegen aus meiner Sicht weniger im Geschlecht, sondern vielmehr in Persönlichkeiten, Denkweisen und Zugängen zum Spiel. Und was die flapsige Sprache angeht: Daran gewöhnt man sich schneller, als man denkt.

“Ohne Golf wäre ich Musiker geworden”

Ein in Deutschland erfolgreicher amerikanischer Pro meinte einmal, wir Deutschen seien viel zu technisch und analytisch, berechneten jeden noch so unwichtigen Winkel. Golf sei mehr Gefühl und Leidenschaft, mehr ein Spiel als Wissenschaft und Daten. Was sagen Sie zu seiner These?
Ich kann den Gedanken nachvollziehen und er ist auch ein wichtiger Impuls. Für uns steht der Mensch im Mittelpunkt, nicht das Neutralisieren von Daten oder Bewegungen. Alles beginnt bei der Spielleistung: Was passiert tatsächlich auf dem Platz und was hilft dem Spieler, dort besser zu werden? Gleichzeitig leben wir im Jahr 2026 in einer Zeit, in der die Anzahl an Messgeräten und Datenquellen gefühlt wöchentlich zunimmt. Eine meiner zentralen Aufgaben ist deshalb nicht, immer mehr zu messen, sondern bewusst zu reduzieren und immer wieder die Frage zu stellen: Was ist wirklich entscheidend? Dabei hilft uns auch der enge Austausch mit Universitäten sowie Professorinnen, Professoren und Doktoranden der Sportwissenschaft, um die wesentlichen Faktoren herauszufiltern. Am Ende geht es nicht um Gefühl oder Daten, sondern um das richtige Zusammenspiel. Gute Daten können Gefühl schärfen, aber sie ersetzen es nicht. Entscheidend ist, dass aus allem, was wir nutzen, etwas entsteht, das im Spiel unter Druck funktioniert.

 

Was macht Sebastian Rühl, wenn er gerade mal nicht Golf spielt, lehrt, denkt oder fühlt? Was machen Sie in Ihrer Freizeit am liebsten?
Unser Sohn Liam ist jetzt fast acht Jahre alt – und für einen sportbegeisterten Papa gibt es aktuell kaum etwas Schöneres, als Zeit mit ihm zu verbringen und gemeinsam aktiv zu sein. Und wenn mir mal alles zu viel wird, setze ich mich ans Klavier. Das ist für mich ein ganz besonderer Ausgleich. Viele wissen vielleicht nicht, dass ich, wenn ich nicht im Golf gelandet wäre, vermutlich Klavier studiert hätte und Musiker geworden wäre. Insofern ist die Musik bis heute ein wichtiger Teil von mir geblieben.

 

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg weiterhin! 

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