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Scottie Scheffler am vierten Tag der Open Championship in Royal Birkdale. | © Stuart Franklin/R&A/R&A via Getty Images

Schefflers Gratis-Drop sorgt für Diskussionen

Scottie Scheffler sorgte bei der 154. Open Championship nicht nur mit seinem Golf für Schlagzeilen. Eine Regelsituation am 17. Loch der Schlussrunde löste unter Fans, Experten und Spielern eine hitzige Debatte über die sogenannte TIO-Regel (zeitweiliges unbewegliches Hemmnis) aus, obwohl der Weltranglistenerste regeltechnisch alles richtig gemacht hatte.

 

Auf dem Par 5 der 17. Bahn verzog Scheffler seinen zweiten Schlag deutlich nach links. Der Ball verschwand hinter einer Hospitality-Struktur und konnte trotz intensiver Suche nicht gefunden werden. Da die Referees jedoch zu dem Schluss kamen, dass der Ball mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit innerhalb des Bereichs eines zeitweiligen unbeweglichen Hemmnisses (Temporary Immovable Obstruction, TIO) gelandet war, erhielt Scheffler gemäß Musterplatzregel F-23 straflose Erleichterung.

 

Von seiner Drop-Zone aus spielte der Amerikaner den Ball bis auf rund drei Meter an die Fahne und lochte den Birdie-Putt. Damit blieben seine ohnehin nur noch theoretischen Siegchancen zunächst am Leben. Am Ende belegte der Titelverteidiger Rang vier, drei Schläge hinter dem Sieger Ryan Fox.

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Die Szene wurde erst nach der Runde besonders brisant. Scheffler verriet, dass er die Helfer bewusst darum gebeten hatte, die Suche nach seinem Ball einzustellen. Der Grund: Wenn der Ball gefunden worden wäre, hätte er ihn aus einer deutlich ungünstigeren Lage spielen müssen. Ohne Fund durfte er hingegen den Punkt, an dem der Ball das TIO betreten hatte, zugrunde legen und von dort Erleichterung in Anspruch nehmen.

 

Der Amerikaner erklärte zudem, dass ihm eine vergleichbare Situation bereits beim Byron Nelson Tournament in dieser Saison passiert sei. Auf diese Art der Regelanwendung sei er allerdings nicht stolz gewesen. Nach den Golfregeln ist die Entscheidung des R&A nicht zu beanstanden. Befindet sich ein Ball bekannt oder so gut wie sicher innerhalb eines zeitweiligen unbeweglichen Hemmnisses, erhält der Spieler straflose Erleichterung – selbst dann, wenn der Ball nicht gefunden wird.

 

Zu den TIOs zählen beispielsweise Tribünen, Fernsehtürme oder Hospitality-Zelte, die ausschließlich für ein Turnier errichtet werden und deshalb nicht als Teil des Platzes gelten.

Kritik: „Das widerspricht dem Geist des Spiels“

Trotz der regelkonformen Entscheidung riss die Diskussion anschließend nicht ab. Vor allem die Tatsache, dass Scheffler die Suche nach seinem Ball selbst stoppte, stieß vielen Beobachtern sauer auf. Golf-Journalist Andy Johnson (Fried Egg Golf) kritisierte, dass dieses Vorgehen zwar dem Regelwerk entspreche, jedoch nicht dem Geist des Spiels. Es fühle sich falsch an, aktiv verhindern zu wollen, dass der eigene Ball gefunden wird, nur weil dadurch eine günstigere Erleichterung möglich ist.

 

Auch PGA-Tour-Profi Michael Kim zeigte sich in den sozialen Netzwerken verwundert über die Auslegung der Regel. Auch unter Golf-Fans gingen die Meinungen weit auseinander. Viele forderten, dass ein nicht gefundener Ball grundsätzlich als verloren gelten müsse. Andere schlugen vor, den Bereich um Tribünen künftig wie eine Penalty Area zu markieren, damit riskante Schläge zumindest einen Preis haben.

 

Gerade Longhitter könnten die derzeitige Regel bewusst einkalkulieren, lautete ein häufig geäußerter Vorwurf. Es gab aber auch zahlreiche Stimmen, die keinerlei Problem sahen. Die Regeln seien eindeutig, die Entscheidung korrekt getroffen worden und Scheffler habe lediglich die Möglichkeiten genutzt, die das Regelwerk ausdrücklich vorsehe.

 

Dieser Vorfall dürfte die Debatte über TIO-Erleichterungen weiter anheizen. Zwar handelte die R&A regelkonform, doch der Fall zeigt, dass nicht jede regeltechnisch richtige Entscheidung von allen Beteiligten als fair empfunden wird.

Das sagt Regelexperte Dietrich von Garn dazu:

„Je größer ein Turnier ist, desto mehr wird der Platz durch Einrichtungen wie Tribünen, Imbissbuden, Kameratürme und Ähnliches von seinem ursprünglichen Aussehen verändert. Dort, wo man normalerweise mit einem einfachen Schlag vom Semirough das Grün erreicht, steht nun eine Tribüne im Weg. Es ist verständlich, dass mit Platzregeln auf eine solche Situation reagiert wird, denn die Tribünen sind zum Nutzen der Zuschauer und nicht zum Nachteil der Spieler gedacht.

 

Die Regeln empfehlen in diesen Fällen, alle ähnlichen Einrichtungen gleich zu behandeln, also beispielsweise alle Tribünen zu zeitweiligen Hemmnissen (TIO) zu erklären, um alle Spieler in vergleichbaren Situationen gleich zu behandeln. Und dann schlägt der Zufall zu: Bei der Entscheidung der Spielleitung, welche Einrichtungen als gemeinsames TIO zu behandeln sind, weil sie so nah beieinanderliegen, wird zur Tribüne auf einem Loch auch noch der Bereich dahinter ergänzt, da eine Erleichterung von nur einer der beiden Flächen nicht möglich ist. Das ist ein ganz normaler Vorgang, und die Spieler, die sich intensiver mit den Platzregeln beschäftigen, wissen das auch.

 

Alle Spieler halten die Regeln zu TIO für sinnvoller, als direkt am Fairwayrand zu Beginn der Tribüne eine Ausgrenze vorzufinden. Zudem haben alle Spieler die Möglichkeit, diese TIO in ihre Spieltaktik miteinzubeziehen. Wer von uns würde nicht lieber links in eine als Boden in Ausbesserung gekennzeichnete Neuanpflanzung schlagen als in den tiefen Bunker rechts am Fairwayrand?

 

Ob der Schlag von Scheffler nun absichtlich oder aus Versehen ins TIO ging, ist unerheblich, denn die Regeln behandeln die Lage des Balls, nicht wie er dorthin gelangte. 1999 schlug Jean van de Velde bei der Open in Carnoustie auf dem letzten Loch ebenfalls in die Tribüne, von wo aus der Ball in einen Strafbereich sprang. Unabhängig davon, ob der Schlag in die Tribüne Zufall oder Absicht war, hat ihn das unglückliche Ergebnis des Schlags den Sieg bei der Open gekostet. Ein Ball, der in Richtung eines TIO geschlagen wird, führt also nicht immer zu einem vorteilhaften Ergebnis.

 

Dementsprechend würde ich die Regel zu TIO nicht ändern. Allerdings würde es mich reizen, in diesem oder einem vergleichbaren Fall die Spielfortsetzung aus einer Dropzone im tiefen Rough festzulegen. Dann wäre der mögliche Vorteil eines absichtlichen Schlags in das TIO verschwunden."

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