Kippt der Cup? Über Fairness und Feindseligkeit
Es war zu erwarten, dass die Atmosphäre in Bethpage, New York, hitzig wird. Insbesondere die US-Fans gelten als leidenschaftlich, lautstark, grenzüberschreitend oder wild, wie es US-Kapitän Keegan Bradley beschreibt. Und ein Ryder Cup lebt schließlich von Emotionen. Doch was sich am Samstag im Duell Europa gegen die USA auf und rund um den Platz in Long Island abspielte, hatte mit sportlicher Leidenschaft bisweilen nur noch wenig zu tun. Das war Pöbelei. Einschüchterung. Persönlicher Angriff. In einer Frequenz und Intensität, die verstörend wirkte.
Was Rory McIlroy während seiner Runde über sich ergehen lassen musste, war schlicht entmenschlichend. „F*** you, Rory!“ – noch während der Schlagvorbereitung. Sexistische und homophobe Beleidigungen. Ständiges Geschrei, Störung, Diffamierung – unter den Augen von Referees, Marshals und Polizei. Dass sich McIlroy überhaupt noch zusammenreißen konnte, grenzt an mentale Höchstleistung. Sein Blick war leer, seine Schultern schwer. Der sonst so kontrollierte Nordire schien auf dem Weg zum zehnten Abschlag mehr Gefangener als Golfer. „Das war eine Herausforderung”, schmunzelte er. „Ich werde gut schlafen.” Natürlich war auch McIlroy nicht ganz unschuldig an der aufgeheizten Stimmung: Am Freitag zeigte er mit dem Mittelfinger ins Publikum und auch am Samstag schrie er unschöne Dinge in Richtung der Fans. Nicht wirklich zielführend, aber eben menschlich.
Natürlich: Nicht alle Zuschauer verhalten sich so. Und leider gibt es auch auf europäischem Boden unschöne Kommentare. Aber vor allem in den USA fällt diese lautstarke, alkoholisierte Minderheit auf, die leider den Ton angibt – und das Klima vergiftet. Eine Minderheit, die sich – auch ergebnisbedingt – offenbar nicht mehr für das Spiel selbst interessiert, sondern nur noch für das Niedermachen der Gegner. Selbst Xander Schauffeles Vater äußerte sich kürzlich irritiert über die aggressive Stimmung bei Ryder Cups – und kündigte an, den Wettbewerb nicht mehr zu verfolgen. Es sei nicht mehr das Event, für das er einst brannte.
Auch US-Medien kritisch
Auch in den US-Medien wird das Ausmaß an Pöbeleien kritisch gesehen. In einem lesenswerten Stück berichtet Golf-Digest-Reporter Joel Baell hautnah von einem Umfeld, das die Grenzen des guten Geschmacks längst überschritten hat.
Auch Ryan Lavner (Golf Channel) beschreibt das Verhalten als das feindseligste in der Geschichte des Wettbewerbs und kritisierte auch die PGA of America. Der Veranstalter habe Ticketpreise von 750 Dollar aufgerufen – was viele Fans offenbar als Freifahrtschein für hemmungslose Pöbeleien verstanden. Und sie schien am Samstag völlig unvorbereitet auf die Welle an Beleidigungen und Anfeindungen, die über den Platz schwappte. Für Kopfschütteln sorgte bereits am Morgen eine weibliche Moderatorin der Organisatoren am ersten Abschlag, die, um die Stimmung auf der Tribüne anzuheizen, per Megafon einen „F*** you, Rory!“-Chor anstimmte – noch vor Beginn der Foursomes am Morgen. Ein Unding.
Umso bemerkenswerter war die Reaktion der europäischen Spieler. Sie blieben – bis auf ein paar emotionale Ausbrüche – weitestgehend ruhig. Sie ließen sich nur selten provozieren. Sie konterten nicht mit Worten – sondern mit Birdies, Fairness und einem historischen Auftritt auf feindlichem Boden. Am Ende des Samstags war es auf den Tribünen seltsam still geworden. Nur noch die europäischen Fans feierten – und das völlig zu Recht.
Was bleibt, ist ein Nachdenken. Über Fairness. Über Anstand. Und über die Frage: Muss ein traditionsreicher Wettbewerb wie der Ryder Cup etwas in die Wege leiten, wenn der Respekt vor dem Gegner durch primitive Rufe vom Rand zersetzt wird?









