Erhaltung von Lebensräumen im Winter
Braun stechen die Stängel der Gräser und Pflanzen in die Höhe. Das Rough entlang der Spielbahn ist erkennbar nur teilweise gemäht. Nein, das Greenkeeping-Team wollte an dieser Spielbahn weder an Diesel für den Mäher sparen, noch kämpft es mit Personalknappheit. „Erfreulicherweise wissen inzwischen die Verantwortlichen bei einem Großteil aller deutschen Golfanlagen, wie wichtig die Erhaltung von Lebensräumen im Winter ist“, erklärt Marc Biber, Leiter der Abteilung Umwelt, Platzpflege und Nachhaltigkeit des Deutschen Golf Verbandes. „Die Vorstellung, dass eine Golfanlage mit komplett abgemähten Roughs und Wiesen in den Winter geht, ist völlig überholt.“
Naturnahe Flächen werden – nicht nur von Golfern – weitgehend positiv und als emotional bedeutsam empfunden. Die Naturbewusstseinsstudie 2023 des Bundesumweltministeriums zeigt, dass 90 Prozent der Befragten der Meinung waren, Natur stehe für Beruhigung. 84 Prozent verbanden Natur mit dem Begriff Freiheit. 65 Prozent stimmten der Aussage zu, dass Natur zu einem guten Leben gehört.
Bei Deutschlands Greenkeepern hat sich die teilweise Mahd der Roughbereiche längst durchgesetzt. „Wir lassen seit Jahren Streifen stehen“, resümiert Alexander Bayer, Course Superintendent des GC Abenberg. Die Golfanlage, die mehrfach beim Umweltzertifikat des Deutschen Golf Verbandes „Golf&Natur“ mit Gold zertifiziert ist und außerdem auch beim Forschungsprojekt „GolfBiodivers“ sowie dem „Blühpakt Bayern“ teilnimmt, steht stellvertretend für viele andere Golfclubs, die in den vergangenen 15 Jahren eine echte Umkehr beim Thema Mahd hingelegt haben. Im Golf- und Landclub Holledau hat die Neuansaat von Blühstreifen im Rahmen von GolfBiodivers zu einer Vergrößerung der Roughbereiche an den Hecken- und Waldrändern geführt. Auch diese werden zum Teil stehen gelassen.
„Das ist eine wirklich erfreuliche Entwicklung“, resümiert Dr. Gunther Hardt, Leiter des Arbeitskreises Biodiversität des Deutschen Golf Verbandes. „Vor 15 Jahren war der komplett durchgemähte Golfplatz im Herbst Standard. Das Gefühl, alles aufräumen zu müssen, war dominant. Nicht abgemähte Bereiche waren für viele Golfer unordentlich.“

Inzwischen gilt: Mindestens 20 Prozent der Roughbereiche und extensiven Wiesen werden nicht abgemäht – dadurch erhalten Golfanlagen auch im Winter wichtige Lebensräume für Insekten, Spinnen, Kleinsäuger und Vögel. Dabei erfüllen die nicht abgemähten Flächen mehrere Funktionen:
- In Halmen oder Stängeln wird überwintert. Hier finden sich Eier, Raupen und Puppen. Auch erwachsene Insekten hängen manchmal an den Pflanzen.
- Auch ausgeblühte Pflanzen sind noch Nahrung. Egal ob Wildblume oder Gras – für Vögel oder Insekten ist der Samen eine wichtige Nahrung.
- Mehr Pflanzen schützen den Boden und schaffen ein Mikroklima. Ist eine Wiese komplett abgemäht, können Wind, Sonne oder Kälte viel stärker wirken und Insekten und Tieren, die sich im Boden niedergelassen haben, unter Umständen schwer zusetzen.
- Wer die Pflanzen abmäht, die auch im Winter Entwicklungsstadien durchmachen, behindert deren Fortpflanzung.
All diese Faktoren werden inzwischen nicht nur auf Golfanlagen thematisiert. Auch Radiosender oder Tagezeitungen betonen in Beiträgen zum Thema Winterpflege des heimischen Gartens, dass doch nicht jede Pflanze radikal abgeschnitten werden sollte, um Lebensräume zu erhalten. Im gleichen Maße trägt inzwischen auch die Kommunikation im Golfsport Früchte: „Wir weisen die Golfanlagen seit Jahren bei Veranstaltungen, Workshops oder auch per Newsletter darauf hin, dass Golfplätze auch im Winter eine wichtige Funktion für die Artenvielfalt erfüllen“, erklärt Marc Biber. Die Golfclubs geben dieses Wissen dann an die Golfer weiter.
Ein erstklassiges Beispiel für die Bedeutung naturnaher Flächen ist der GC Ulm, der auf einer Fläche die Pflanze Großer Wiesenknopf im Bestand hat. Deren Blüten nützt ein Schmetterling, der Dunkle Wiesenknopf-Ameisenbläuling, zur Eiablage. Er braucht außerdem noch die Rote Knotenameise, die unterhalb der Pflanze im Boden ihr Nest hat. Hier überwintern die Raupen des Schmetterlings, bevor sie nach der Verpuppung als fertiger Falter im Frühjahr das Nest verlassen. Ein extrem komplexes Zusammenspiel also. Es zeigt, wie wichtig die richtige Pflege dieses Bereichs auf der Golfanlage ist.
Solche Zusammenhänge sind nur für Biodiversitäts-Experten erkennbar. Der Golfer selbst ist oftmals aber auch vom optischen Reiz der nicht abgemähten Flächen begeistert. Während einer Winterrunde punkten die Pflanzen mit unterschiedlichen Brauntönen und liefern – mit Rauhreif überzogen – auch noch echte Hingucker.







