„Den Golfsport in eine positive Richtung bewegen“
Losgelöst vom eigenen Trainingsregime, das den Alltag einer Playing Proette bestimmt, hat die National-Team-Germany-Spielerin aus Stuttgart mit einem Bachelorabschluss in Biochemie und Biophysik einen durchaus analytischen Blick auf ihre Umgebung. Leonie Harm ist 29 Jahre alt, sie hat in diesem Jahr das Amundi German Masters gewonnen, ihre siebenjährige Profi-Karriere auf der Ladies European Tour damit zu einem neuen Höhepunkt getrieben. Aber das reicht ihr nicht mehr und sie sagt: „Ich bin in einer neuen Phase meiner Karriere. Ich frage mich, was kann ich selbst machen, damit sich der Golfsport in eine positive Richtung bewegt.“
Das Amt der Athletenvertreterin im Deutschen Golf Verband ist eine ihrer Antworten darauf. Seit Mitte des Jahres 2026 repräsentiert sie Deutschlands Profis, Proetten und Leistungsspieler aus den Nationalkadern. „Ich möchte ihre Stimme sein, die in den entscheidenden Gremien gehört werden soll.“ Im Sportrat des Deutschen Golf Verbands zum Beispiel, der regelmäßig die Entwicklung sowohl des Breiten- als auch des Spitzensports diskutiert und berät.
Wer Leonie Harm bei Pro-Ams oder Turnieren beobachtet, erkennt: Sie ist engagiert, emotional, empathisch. Passt so ein Typ Mensch zu einem Verbandsjob, würde ein Skeptiker an dieser Stelle einwerfen? Zu Sitzungen, in denen man stundenlang mit mehreren Personen um Details ringt und am Ende den bestmöglichen Kompromiss sucht? „Die erste Sitzung hat mich optimistisch gestimmt“, lautet ihr positives Resümee der ersten Sportrats-Sitzung. „Ich konnte bei vielen Themen meine Meinung einbringen.“
Im Moment durchlebt sie sowieso noch die Einstiegsphase ihres Amtes, „will die Strukturen erst einmal verstehen“. Sie muss die Themen kennenlernen, die ihren Kollegen wichtig sind. Schließlich ist die Bandbreite der Athleten im Deutschen Golf Verband groß: Sie reicht von Spielern wie Stephan Jäger auf der PGA Tour, der faktisch seit mehreren Jahrzehnten in Amerika zuhause ist, und Martin Kaymer, der zuletzt auf der LIV Tour spielte, bis zu den Teenagern, die gerade einmal 15 Jahre alt sind, gerade den Sprung in den Nationalkader geschafft haben und in Deutschland von einer großen Karriere träumen.

Bei den Damen, die sie aus ihrem Arbeitsalltag auf der LET kennt, tut sie sich leicht. Auch von den jüngeren Nachwuchsspielerinnen kennt sie viele aus dem GC St. Leon-Rot, seit langem ihr eigener Trainingsstandort, wenn sie in Deutschland ist. Aber bei den Herren wird es schwieriger, „da habe ich demnächst einen Vorstellungstermin“, erzählt sie. Und dann? „Dann bin ich das offene Ohr des DGV-Kaders“, gibt sie ihre Zielsetzung aus. Heikle Themen gibt es für Athleten reichlich – das weiß sie selbst aus der eigenen Amateurzeit. Wie werden Kader besetzt und wer erhält eine Nominierung für ein Turnier? Was passiert, wenn ich mich über einen Trainer beschwere, der womöglich bei diesen Entscheidungen mitbeteiligt ist? Bei wem kann ich Trainingsreisen oder eine Turnierplanung kritisieren, die aus der eigenen Perspektive nicht optimal gelaufen sind? Der Weg eines Athleten innerhalb eines Verbands ist immer gekennzeichnet vom Hoffen auf Fördertöpfe, auf Wild Cards und Nominierungen; von der Arbeit mit Trainern, die manchmal zum eigenen Typus passen, manchmal aber auch nicht. Harm sieht sich als Mittlerin, die an dieser Stelle nichts zu verlieren hat. Ihre Karriere hat sie längst selbst in der Hand. Sie hat die Möglichkeit, für andere zu sprechen, ohne selbst mit möglichen negativen Konsequenzen zu hadern.
Darüber hinaus fasziniert sie der Blick auf das System des Golfsports und die Frage, wie man Spitzensport fördert: „Wir brauchen ein System, das Golf in der Breite attraktiver macht, um dann die Spitze zu ermöglichen“, findet sie. Jetzt geht es ihr darum zu verstehen, wie das System in Deutschland derzeit funktioniert. „Wieviel wird im Moment bei den Spitzensportlern individuell gemacht, welchen Anteil trägt das System?“ Die Deutsche Golf Liga jedenfalls entwirft aus ihrer Sicht die Breite, nicht die Spitze. Sie selbst wird jede Woche mit der weltweiten Spitze im Damensport konfrontiert. Unter den Top 100 der Weltrangliste der Damen findet sich derzeit mit Esther Henseleit eine Deutsche. Leonie Harm gehört zu den insgesamt fünf deutschen Spielerinnen, die unter den Top 200 gelistet sind. Bei den Herren ist Matti Schmid der einzige Spieler unter den Top 100, Stephan Jäger der einzige Andere unter den Top 200. „Wie holt man das meiste aus den Menschen heraus?“ Diese Frage bewegt Harm angesichts der aktuellen Situation im deutschen Spitzengolf.
Vielleicht hilft ihr der Blick über den deutschen Golfsport hinaus. Als Athletenvertreterin des deutschen Golfsports ist sie in Zukunft auch bei Tagungen der DOSB Athletenkommission beteiligt. Zwei dieser Treffen hat sie bis dato mitgemacht. Die Strukturen in der gesamten deutschen Sportszene verstehen, Entscheidungsprozesse lernen – auch hier stehen diese Punkte für sie im Moment im Vordergrund. Aber sie hat Zeit: Für vier Jahre ist sie gewählt. Vier Jahre, in denen sie die Situation der Athleten in Deutschland ein Stück weit verbessern kann. Vier Jahre, in denen sie an einer positiven Entwicklung des deutschen Golfsports mitarbeiten will. „Ich bin der geduldigste Mensch, wenn ich weiß, dass die richtigen Leute an den richtigen Schrauben drehen“, erklärt sie sich selbst. Ob sie irgendwann ungeduldig wird, kann sie noch nicht absehen.








