Boll: „Wenn der Ball gerade fliegt, bin ich zufrieden“
Fußballer (Harry Kane, Thomas Müller etc.), Tennis-Stars (Rafa Nadal, Alexander Zverev etc.), olympische Wintersportler (Thomas Dreßen, Leon Draisaitl etc.) – so viele tun es. Er tut es auch. Timo Boll (45) war die Nummer eins der Tischtennis-Welt. Eine Leidenschaft für kleine, weiße Bälle hatte er schon immer. Heute lebt Boll in Höchst im Odenwald, hat ein Indoor-Golfkino bei sich zu Hause im Wohnzimmer und erzählt Golf.de, dass alles mit einem gebrochenen Driver angefangen hat. „Als ich damals beim TTV Gönnern gespielt habe, hat der Journalist, der immer über uns berichtet hat, die Mannschaft auf den Golfplatz eingeladen, um uns schnuppern zu lassen. Da haben wir einen halben Tag Bälle auf der Range des GC Dillenburg geschlagen und waren sofort infiziert. Ich war 17 Jahre alt und habe den neuen Driver des Journalisten kaputt gemacht“, erinnert sich Boll.
Das sei zwar bitter gewesen, aber Boll war so gefesselt, dass er in der gleichen Woche wieder auf die Range ging und sich gleich ein Set gekauft hat, „das ich ungefähr zehn Jahre lang gespielt habe“. Golf sei damals ein schöner Ausgleich zum Tischtennis gewesen, da er zum Trainieren und an Spieltagen immer in der Halle war. Beim Golf dagegen draußen in der Natur. „Mein größter Fehler war nur, dass ich mir damals keinen Trainer genommen habe. Das bereue ich bis heute“, erzählt Sport-Star Boll. In den folgenden Jahren rückte Golf wieder mehr in den Hintergrund, weil ihm schlicht die Zeit fehlte. „Als Tischtennis-Profi war ich zu dieser Zeit 300 Tage im Jahr nur unterwegs und später, als unsere Tochter geboren wurde, gab es auch andere Prioritäten.“
Timo Boll wird einer der besten Tischtennis-Spieler der Welt, schafft es bis auf Position eins der Weltrangliste und lehrt den starken Chinesen, die den Sport an der Platte bis heute dominieren, das Fürchten. Er holt zahlreiche WM-, EM- und Olympia-Medaillen, wird siebenmal Champions-League-Sieger mit Gönnern (2) und Borussia Düsseldorf (5). Bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris, wo Golf-Nationalspielerin Esther Henseleit aus dem Elite Team Germany Silber für Deutschland holt, bleibt Boll eine Medaille verwehrt. Er beendet seine Karriere, die Tischtennis-Welt verneigt sich beim Abschied vor einem der Besten, die je an der Platte standen.
Plötzlich also wieder mehr Zeit für Golf? Genau. „Ich habe mir gleich einen Golf-Simulator zu Hause mitten im Wohnraum eingebaut und spiele seit meinem Karriere-Ende so drei- bis viermal die Woche. Da ist man daheim und fühlt sich nicht so schuldig, dass man gleich wieder mehrere Stunden weg ist. Es macht großen Spaß, morgens meine Tochter zur Schule zu bringen und gleich zum Golfclub Odenwald zu fahren. Da bin ich meistens der Erste, der unterwegs ist. Ich spiele sowieso gerne alleine, aber auch gerne mit Jörg Roßkopf oder Sebastian Rode (ehemaliger Fußball-Profi bei Eintracht Frankfurt und Borussia Dortmund/Anm.d.Red.) oder mit einem Bekannten, dessen Sohn in der 1. Bundesliga spielt. Da lernt man natürlich viel von den Cracks“, so Boll. Sein Handicap-Index? 16. Ziel: einstellig.

Aber er ist nicht nur selber gerne auf dem Platz unterwegs, sondern auch eine Art Golf-TV-Junkie. „Ich schaue jedes Turnier. Es ist abends perfekt, bevor man ins Bett geht, das passt einfach. Ich kenne fast jeden Spieler auf der Tour, sehe, ob er gut drauf ist und kenne ja einige persönlich. Ich habe mal 18 Löcher mit Justin Rose gespielt. Das war auch sehr speziell, ein guter, sympathischer Typ, ein cooles Erlebnis. Aber ja, ich schau sehr viele Golf-Events im Fernsehen.“ Und deutsche Golf-Stars hat er auch schon getroffen. Martin Kaymer und Marcel Siem begegnete Boll beim BMW Masters in Shanghai im Fitnessraum. „Da war ich echt überrascht, wie hart die Top-Golfer an ihrer Fitness geackert haben. Da weiß man dann, warum die Jungs den Ball so weit hauen“, so Boll. Er selbst komme mit dem Driver so auf 230 Meter. „Wenn er gerade fliegt, bin ich schon zufrieden.“ Marcel Siem habe ihm damals erzählt, dass er früher lieber Tischtennis-Profi geworden wäre. Die beiden Sportstars wollten sich immer mal zu einer Tischtennis & Golf-Challenge verabreden, aber das hat bislang noch nicht geklappt. Und Kaymer begleitete Boll ein paar Bahnen bei Olympia in Rio.
Fahnenträger bei Olympia
Apropos Rio: Bei den Sommerspielen 2016 führte Boll Team Deutschland als Fahnenträger bei der Eröffnungsfeier ins Stadion. „Das war Wahnsinn, ein überragendes Gefühl. Ich habe mich sehr geehrt gefühlt, weil zum ersten Mal Athleten und die Öffentlichkeit jeweils zu 50 Prozent abgestimmt haben, wer das machen soll. Vorher hatte es der DOSB entschieden. Das war definitiv ein unvergessliches Erlebnis, vorneweg ins Maracana einzulaufen.“ Und Kino-Star ist Boll inzwischen ebenfalls, denn in „Marty Supreme“ hatte er eine Rolle. „Der Regisseur ist ein großer Fan von Tischtennis und auch Fan von mir. Er wollte mich im Cast haben, hat mich angerufen und gefragt, ob ich Lust hätte. Das war in meiner Abschieds-Saison, aber es hat sich terminlich einrichten lassen. Da war ich bei Dreharbeiten zwei Wochen lang in New York. Klar habe ich auch schon Dokus oder Werbespots gedreht, aber das war nochmal eine Nummer größer und detailverliebter.“ Schauspielerei sei schön, aber Golf bleibt seine Leidenschaft. Erst vor kurzem drehte Boll eine Runde im Hofgut Georgenthal zu Hause im Taunus.
Heute dreht sich sehr viel um Golf im Hause Boll. Mit Freunden unternimmt er einmal im Jahr einen Golf-Trip. „Letztes Jahr waren wir auf der Anlage von Camiral bei Girona in Spanien, wo 2031 der Ryder Cup stattfinden wird. Die Plätze waren echt schwer, ich habe wenig getroffen und ziemlich gelitten. Aber meinen letzten Schlag auf der 18 habe ich aus 100 Metern mit dem 50-Grad-Wedge eingelocht. Das war cool, weil die anderen schon durch waren, oben gewartet, es live mitverfolgt und gegrölt haben. Von unten habe ich es erst gar nicht gesehen, weil ich meinen Ball noch gesucht hatte. Das war vielleicht das bisher schönste Erlebnis.“ So ist das im Golf. Es gibt Höhen und Tiefen.
Bei aller Liebe zu Technik und Equipment – die Freude sollte nicht zu kurz kommen, betont der Linkshänder, der aber rechts schlägt. Boll: „Golf ist wie Tischtennis eine sehr technische Sportart. Man muss bei beiden viele Achsen drehen und einsetzen. Dabei ein Feingefühl über viele Wiederholungen entwickeln, jede Achse im Schlag spüren.“ Sein Tipp: eine feste Routine. Das helfe, nicht zu verkrampfen, locker zu bleiben. Boll: „Ich bin ja wirklich ein sehr technischer Spieler, habe Sensoren auf meinen Schlägern, um die Ergebnisse zu tracken und auf meiner Garmin zu sehen.“ Aber eines dürfe man nicht vergessen: „Golf und Tischtennis – beides sind immer noch Spiele, die vor allem Spaß machen sollen.“






