Europa holt den Pokal zurück
Vier Sessions, 16 Matches, jeweils acht Punkte – die ersten beiden Tage des Solheim Cup in Bernardus hielten, was sie versprachen: einen Kontinentalvergleich auf Augenhöhe und allerhöchstem Niveau. Für die Europäerinnen war die Ausgangslage vor dem zunächst verregneten Finaltag in den Niederlanden klar. 6,5 Punkte aus zwölf Partien mussten her, um den Pokal zu gewinnen. Den als Titelverteidigerinnen angetretenen Amerikanerinnen reichten sechs Punkte aus den Einzeln, um den Solheim Cup erneut in Empfang zu nehmen.
Charley Hull hatte an den ersten beiden Tagen mit Lottie Woad auf dem Papier die beste europäische Golferin an ihrer Seite. Doch das englische Duo blieb in vier Partien überraschend ohne Sieg. So musste die extrovertierte Solheim-Cup-Legende (seit 2013 acht Mal in Folge dabei) vor ihrem Einzel sowohl die Enttäuschung über die magere Ausbeute als auch die Belastung von vier Matches in zwei Tagen abschütteln. Was eindrucksvoll gelang: Ihr Einzel gegen Megan Khang endete für Hull nach einer bogeyfreien Vorstellung bereits am 16. Loch. Das Endergebnis: 3&2.
Wenn es vor dem Solheim Cup bei einigen Spielerinnen Fragezeichen bezüglich der Form gab, fielen häufig die Namen Linn Grant und Angel Yin. Die Schwedin Grant hatte vier ihrer letzten fünf Cuts auf der LPGA Tour verpasst, während Angel Yin mit gesundheitlichen Problemen kämpfte, die eine längere Auszeit zur Folge hatten. Der Solheim Cup schien beide zu beflügeln. Grant glänzte an der Seite von Maja Stark in den Team-Formaten und auch Angel Yin holte bei ihrem einzigen Einsatz am Freitagnachmittag einen halben Punkt. Spannend wurde die Partie nur zu Beginn, als Yin an Loch zwei mit 1 auf in Führung ging. Doch Grant glich gleich auf dem nächsten Loch aus und brachte die Begegnung mit drei Lochgewinnen in Folge zwischen Loch fünf und sieben auf ihre Seite. 4&3 hieß es am Ende für Grant.
Henseleit erst 4 auf, dann 1 down
Für Esther Henseleit verlief der Sonntag zunächst überragend. Die Deutsche, die ihre beiden Foursomes-Partien an der Seite von Leona Maguire gewinnen konnte, spielte gegen Alison Lee nahezu fehlerfreies Golf und gewann vier der ersten sieben Löcher. Mit 4 auf ging es auf die hinteren Neun, doch ab Bahn zwölf lief nach dem ersten Lochverlust des Tages (Par gegen Birdie) gegen die Amerikanerin leider nicht mehr viel zusammen. Zwei Bogeys in Serie führten zu weiteren Lochverlusten und trotz vier Pars zum Abschluss der Runde sorgten zwei weitere Birdies ihrer stark aufspielenden Kontrahentin schließlich für die Niederlage. Am Ende hieß es 1 auf für Lee.
Keine Blöße gab sich Nelly Korda. Die beste Spielerin der Welt hatte die englische Debütantin Mimi Rhodes spielerisch im Griff und dominierte ihr Match bis zum 16. Loch, als der Sieg mit 4&2 feststand.
Zu diesem Zeitpunkt hatten die Europäerinnen in den meisten Matches die Nase vorne. Und weitere Punkte folgten schnell. Nastasia Nadaud krönte ihren unglaublichen Rookie-Auftritt mit einem souveränen 3&2 gegen Andrea Lee, Nanna Koerstz Madsen spielte ihren Längenvorteil gegen Major-Siegerin Allisen Corpuz aus und siegte 2&1. Auch für Julia Lopez Ramirez endete ein unvergesslicher Premierenauftritt mit einem Moment für die Ewigkeit. Die 21-Jährige beendete ihr Match gegen Yealimi Noh mit 3&2 auf der 16 und blieb bei ihrem ersten Solheim Cup ohne Niederlage.
Woad bringt die Entscheidung
Es sah gut aus für Europa, dem nach den drei Punkten innerhalb kürzester Zeit nur noch 1,5 Punkte zum Sieg fehlten. Und es lief auch gut weiter. Mit Lottie Woad (gegen Auston Kim) und Carlota Ciganda (gegen Jennifer Kupcho) gingen zwei weitere Größen aus dem Team von Kapitänin Anna Nordqvist mit einem Vorsprung in den Endspurt – und lieferten die entscheidenden Punkte. Ausgerechnet Woad, die an Hulls Seite noch ohne Sieg geblieben war, machte den europäischen Triumph mit ihrem 2&1 perfekt, da Ciganda in ihrer Partie zu diesem Zeitpunkt bereits einen halben Punkt sicher hatte. Es war der dritte Punkt einer europäischen Rookie-Spielerin am Sonntag.
„Ich wusste gar nicht, dass es der Putt zum Sieg war“, gestand Woad. „Es waren nur wenige Zentimeter, aber in dem Moment hat sich der Putt deutlich länger angefühlt. Ich war vorher ziemlich enttäuscht über die bisherigen Matches, weil ich das Gefühl hatte, das Team im Stich gelassen zu haben. Wir haben danach einige Gespräche geführt, aber so ist Golf manchmal. Dass mir dann ausgerechnet der letzte Putt vorbehalten war, ist wirklich cool.“
Auch Ciganda gewann in der Folge ihr Match mit 4&2, während Lauren Coughlin (2&1 gegen Leona Maguire), Lindy Duncan (3&1 gegen Maja Stark) und Rose Zhang (2auf gegen Céline Boutier) Punkte für das US-Team verbuchten. Es ist nach 2019 (Gleneagles) und 2023 (Finca Cortesin) der dritte europäische Heimtitel in Folge. Das Endergebnis: 15 zu 13.
Nordqvist stolz auf ihr Team
„Es fühlt sich unglaublich gut an. In dieser Woche und eigentlich schon in den vergangenen zwei Jahren ist unglaublich viel Arbeit hineingeflossen. Wir hatten eine richtig gute Stimmung und großartige Teamkolleginnen. Ich war von jeder einzelnen Spielerin beeindruckt, wie bereit sie am ersten Abschlag war. Irgendwie hat uns sogar der Regen gutes Mojo gebracht. Uns war wichtig, schnell Löcher zu gewinnen. Lottie hat die ganze Woche so gut gespielt, ohne wirklich etwas dafür zu bekommen. Deshalb freut es mich umso mehr, dass ausgerechnet sie den entscheidenden Putt lochen durfte. Für mich persönlich ist das natürlich sehr emotional. Es war ein langer Weg. Ich habe erst vor zwei Wochen meine Karriere beendet. Ich bin 2006 in die USA gegangen und durfte seitdem meinen Traum leben. Der Solheim Cup ist aber etwas ganz Besonderes, weil man diese Momente mit anderen teilen kann.“
„Es zeigt, wie schwierig es ist, diesen Cup zu gewinnen", kommentierte US-Kapitänin Angela Stanford. „Wir haben in dieser Woche viele Dinge richtig gemacht und die Spielerinnen haben bis zum Ende unglaublich hart gekämpft. Aber die Europäerinnen haben heute sehr gut gespielt. Es ist wahrscheinlich noch zu früh, um meine Entscheidungen aus dieser Woche zu beurteilen. Ob ich noch einmal Kapitänin sein möchte? Wir haben viele großartige potenzielle Kapitäninnen, die dafür infrage kommen. Deshalb würde ich im Moment eher sagen: wahrscheinlich nicht.“
Die Matches im Überblick
- Charley Hull (Europa) besiegt Megan Khang (USA) 3&2
- Alison Lee (USA) besiegt Esther Henseleit (Europa) 1 auf
- Linn Grant (Europa) besiegt Angel Yin (USA) 4&3
- Nelly Korda (USA) besiegt Mimi Rhodes (Europa) 4&2
- Nanna Koerstz Madsen (Europa) besiegt Allisen Corpuz (USA) 2&1
- Nastasia Nadaud (Europa) besiegt Andrea Lee (USA) 3&2
- Julia Lopez Ramirez (Europa) besiegt Yealimi Noh (USA) 3&2
- Lottie Woad (Europa) besiegt Auston Kim (USA) 2&1
- Lauren Coughlin (USA) besiegt Leona Maguire (Europa) 2&1
- Lindy Duncan (USA) besiegt Maja Stark (Europa) 3&1
- Carlota Ciganda (Europa) besiegt Jennifer Kupcho (USA) 4&2
- Rose Zhang (USA) besiegt Céline Boutier (Europa) 2 auf








