Partner des DGV

Die Kinder hatten viele Stationen zu absolvieren | © DGV/Eibl

DGV Talent Cup 2026 schärft den Blick für Potenziale

St. Leon-Rot/Zuzenhausen - Wer den DGV Talent Cup nur aus der Distanz betrachtet, könnte auf den ersten Blick ein großes Nachwuchstreffen vermuten: Kinder in Teamkleidung, Golfschläger, Scorekarten, kleine Wettkampfsituationen, konzentrierte Trainer, viele Helferinnen und Helfer. Doch wer länger hinsah, erkannte schnell, dass diese Veranstaltung einem anderen Gedanken folgte. Hier ging es nicht darum, möglichst früh Ranglisten zu zementieren. Es ging darum, Potenziale besser zu verstehen.
 

Beim zweiten DGV Talent Cup wurde dieser Ansatz weiter geschärft. Auf den Anlagen des GC St. Leon-Rot, im ResearchLab und in diesem Jahr auch beim FC Zuzenhausen durchliefen die jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein umfangreiches Programm aus Golf, Koordination, Wahrnehmung, Motorik, Anpassungsfähigkeit, mentalen Aufgaben und ergänzenden Einschätzungen. Das Ziel blieb klar: Talente sollten nicht nur über aktuelle Ergebnisse erkannt werden, sondern über jene Merkmale, die für eine langfristige Entwicklung bedeutsam sein können.

 

Breite Diagnostik statt früher Etiketten

Der DGV Talent Cup war damit bewusst anders angelegt als ein klassisches Jugendturnier. Zwar gehörte auch ein 9-Loch-Zählspiel auf einem altersgerechten Kurzplatz zum Programm. Dieses Ergebnis war aber nicht als reine Leistungsrangliste gedacht. Es lieferte vielmehr einen Baustein in einem größeren diagnostischen Bild und diente unter anderem der Einordnung weiterer Wettkampfsituationen.



 

Die Kinder wurden erneut durch mehrere Module geführt. Beim Zielgenauigkeits-Mehrkampf mit Bowls, Darts und Torwandschießen ging es um Koordination unter Präzisionsdruck. Auf dem Golfplatz und in den Testbereichen wurden Distanzen eingeschätzt, Schlaglängen reguliert, Bewegungen dosiert und Aufgaben unter wechselnden Bedingungen gelöst. Hinzu kamen Elemente zur Anpassungs- und Lernfähigkeit, zur Abschirmung gegen äußeren Druck sowie zur mentalen Stärke.
 

Gerade in dieser Breite lag der besondere Wert des Formats. Ein Kind konnte im Zählspiel noch unauffällig wirken, aber in Koordination, Wahrnehmung, Anpassungsfähigkeit oder Entscheidungsverhalten starke Voraussetzungen zeigen. Umgekehrt konnte ein gutes aktuelles Ergebnis durch frühe körperliche Entwicklung, mehr Trainingserfahrung oder bessere Rahmenbedingungen begünstigt sein. Der DGV Talent Cup versuchte, diese Unterschiede sichtbar und interpretierbar zu machen.
 

Sebastian Rühl, Bundestrainer Diagnostik und Wissenschaft, ordnete den fachlichen Kern entsprechend ein: „Der DGV Talent Cup in St. Leon-Rot hat mit vielseitigen Tests in Athletik, Koordination, Wettspielleistung und Schlagweite ein authentisches Bild gezeichnet. Diese Diagnostik ermöglicht, schwer zu trainierende, erfolgsrelevante Merkmale früh zu erkennen. Langfristig wollen wir so besser verstehen, welche Faktoren maximal mit späterem Erfolg korrelieren.“



 

Neue Station beim FC Zuzenhausen

Inhaltlich blieb das Programm gegenüber der ersten Auflage von 2025 weitgehend stabil. Eine organisatorisch sichtbare Änderung gab es jedoch bei der Längen- und Richtungsregulierung. Diese Testteile wurden in diesem Jahr zum FC Zuzenhausen ausgelagert. Dort fanden die Kinder auf dem Sportgelände die passenden Bedingungen vor, um horizontale und vertikale Zielfelder mit Golf- und Fußballaufgaben zu bearbeiten. Auch die Mittagsverpflegung wurde in der dortigen Gastronomie eingenommen.
 

Diese Verlagerung veränderte den Charakter der Veranstaltung nicht, gab dem Ablauf aber eine zusätzliche räumliche Struktur. Zwischen Golfanlage, ResearchLab und Fußballumfeld wurde deutlich, wie sportartübergreifend der DGV Talent Cup gedacht ist. Golf wurde nicht isoliert betrachtet, sondern im Zusammenspiel mit allgemein-motorischen, koordinativen und wahrnehmungsbezogenen Aufgaben. Genau darin lag ein zentraler Gedanke moderner Nachwuchsförderung: Je jünger die Kinder sind, desto wichtiger sind Vielseitigkeit, spielerische Aufgaben und entwicklungsgemäße Anforderungen.
 

Auf dem Gelände des FC Zuzenhausen ließ sich dieser Gedanke besonders anschaulich beobachten. Die Kinder mussten nicht einfach nur Bälle schlagen oder schießen. Sie mussten Distanzen einschätzen, Richtungen kontrollieren, Kraft dosieren und ihre Bewegungen an klar definierte Zielräume anpassen. Solche Aufgaben wirkten spielerisch, lieferten aber wertvolle Hinweise auf grundlegende Regulationsfähigkeiten.

 

Digitalisierung als großer Schritt
Die wohl bedeutendste Weiterentwicklung im Vergleich zur Premiere lag nicht in einem neuen Test, sondern in der Art der Datenerhebung. Durch die von Dominik Wilke vorangetriebene Digitalisierung der Datenaufnahme wurde der Ablauf spürbar vereinfacht und beschleunigt. Ergebnisse mussten nicht mehr in gleichem Umfang manuell zusammengetragen werden. Die Arbeit an den Stationen wurde effizienter, die Rückführung der Daten klarer, die Gesamtlogistik schlanker.

Für ein Format, das viele Kinder, mehrere Orte, zahlreiche Module und unterschiedliche Testdimensionen verband, war das mehr als eine technische Verbesserung. Es war ein wichtiger Schritt hin zu einer belastbaren, wiederholbaren und perspektivisch weiter auswertbaren Talentdiagnostik. Je präziser und schneller Daten erfasst werden, desto besser lassen sie sich später in Rückmeldungen, Trainingshinweise und langfristige Vergleichswerte übersetzen.

Ob sich durch diese Entwicklung in Zukunft sogar ein Testtag einsparen lässt, ist noch offen. Sicher ist aber: Die Digitalisierung hob den DGV Talent Cup 2026 organisatorisch auf ein neues Niveau. Sie machte sichtbar, dass das Projekt nicht nur fortgeführt, sondern aktiv weiterentwickelt wurde.

ResearchLab erweitert den Blick
Eine weitere Veränderung gab es im ResearchLab, das eine gemeinnützige Tochtergesellschaft der TSG Hoffenheim ist. Die psychologische Untersuchung wurde gegenüber dem Vorjahr vereinfacht und zugleich praxisnäher ausgerichtet. Zum Einsatz kam unter anderem ein Fragebogen zu sogenannten Life Skills. Er basiert auf einer englischen Version für Erwachsene von Lorcan Cronin und Justine Allen und wurde für den Einsatz mit Kindern kindgerecht ins Deutsche übersetzt.
 

Dabei ging es ausdrücklich nicht darum, weitere Leistungskriterien oder zusätzliche Talentmerkmale zu definieren. Die erhobenen Informationen sollten vielmehr helfen, besser zu verstehen, wie sich Fähigkeiten wie Teamarbeit, Zielsetzung, Problemlösen, Kommunikation oder Verantwortungsübernahme durch das Golftraining entwickeln und wie sie im Training gezielt gefördert werden können. Der Fragebogen wurde zunächst erprobt und sollte den Blick auf die Kinder ergänzen, nicht bewerten.

Parallel dazu wurde eine Trainer-Version eingesetzt. Sie fragt danach, welche Erwartungen Trainer an den Golfsport im Hinblick auf solche Life Skills haben. Die Gegenüberstellung von Kinder- und Trainerperspektive kann künftig Hinweise darauf geben, welche Entwicklungsräume das Training eröffnet und wo Wahrnehmungen auseinanderliegen oder zusammenpassen.

Ergänzt wurde dieser Bereich durch computerbasierte Aufgaben. Anhand von zwei Tests wurde untersucht, wie gut Kinder ihre Aufmerksamkeit auf die wesentlichen Bestandteile einer Aufgabe richten und irrelevante Reize ausblenden können. Die Aufgaben erfassten diese grundlegende Fähigkeit mithilfe ablenkender Symbole am Computer. Der Bezug zum Golf liegt nahe: Auch auf dem Platz müssen Kinder lernen, sich auf Schlag, Aufgabe und Spielsituation zu konzentrieren und sich nicht von Zuschauern, Eltern, Mitspielern oder anderen äußeren Einflüssen ablenken zu lassen.

Freude als Leistungsgrundlage
So wissenschaftlich die Anlage des DGV Talent Cups im Kern auch war, so lebendig blieb die Atmosphäre vor Ort. Zwischen Teststationen, kurzen Wartezeiten, Teamwegen und Pausen war spürbar, dass die Kinder das Format nicht als sterile Untersuchung erlebten. Sie feuerten einander an, lachten über gelungene und misslungene Versuche, probierten Aufgaben mit Neugier aus und fanden schnell in ihre Gruppen hinein.

Auch im ResearchLab wurde dieser spielerische Zugang sichtbar. In der Helix konnten die Kinder neueste Technologie aus dem Fußball in einer 360-Grad-Bildschirmumgebung kennenlernen und im Rahmen einer Orientierungsaufgabe ausprobieren. Für viele war das ein besonderer Moment: eine ungewohnte Umgebung, moderne Technik, eine neue Aufgabe und die Möglichkeit, mit Freude und Neugier etwas auszuprobieren, das weit über den klassischen Golfplatz hinausging.

Gerade dieser Punkt war für ein Format im U11-Bereich entscheidend. Talentdiagnostik darf in diesem Alter nicht nach Aussortieren wirken. Sie muss kindgerecht, motivierend und spielerisch angelegt sein. Der DGV Talent Cup versuchte, diesen Anspruch einzulösen: Die Aufgaben waren klar strukturiert, aber abwechslungsreich. Sie lieferten Daten, ohne den Kindern das Gefühl eines permanenten Prüfstands zu geben.

Michael Scholl, im DGV für Nachwuchsleistungssport, Ergebnismanagement und Anti-Doping zuständig, hob genau diese Beobachtung hervor: „Faszinierend ist es, zu beobachten wie schnell die einzelnen Teams, deren Kinder sich im Vorfeld der Veranstaltung lediglich zu einem kurzen Kennenlernen getroffen haben, zu einer eingeschweißten Truppe werden, die einfach nur noch Spaß miteinander haben. Die Begeisterung, mit denen die Kinder den Miniplatz in St. Leon-Rot nutzen, sollte eigentlich jeden Golfclub in Deutschland beflügeln, einen solchen zu bauen. Dann wird Golf für Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahr auch attraktiv!“

Damit beschrieb Scholl einen Kern, der über die Veranstaltung hinauswies. Wenn Golf für Kinder im Grundschulalter attraktiv sein soll, braucht es Orte, an denen sie spielen, ausprobieren, erleben und in Gruppen wachsen können. Der Miniplatz in St. Leon-Rot zeigte erneut, wie kindgerechte Infrastruktur Begeisterung erzeugen kann. Nicht das große Turnierbild stand im Vordergrund, sondern die unmittelbare Freude am Spiel.
 

„Ein herzlicher Dank gilt der Sportwissenschaftlichen Fakultät der Universichtät Heidelberg, insbesondere Thorsten Damm und seinen studentischen Hilfskräften. Sie sind mittlerweile Teil des gesamten Teams geworden und ohne deren Hilfe wäre die Veranstaltung vor Ort nicht durchführbar“, weiß Michael Scholl den Wert der vielen Helfer sehr zu schätzen.

Ein Impuls bis in die Clubs
Der DGV Talent Cup blieb eine nationale Veranstaltung. Seine Bedeutung sollte jedoch deutlich weiter reichen. Die erhobenen Daten, die Erfahrungen der Landestrainer, die wissenschaftliche Einordnung und die Rückmeldungen an die Landesgolfverbände sollen mittelfristig bis in die Vereine wirken. Dort beginnen die ersten sportlichen Erfahrungen, dort werden Kinder für Golf begeistert, dort entscheidet sich häufig, ob Potenziale erkannt, gefördert oder eben doch übersehen werden.

Marcus Neumann, Vorstand Sport im DGV, formulierte diesen strategischen Anspruch deutlich: „Wir bedanken uns ganz herzlich beim GC St. Leon-Rot, beim FC Zuzenhausen, beim ResearchLab der TSG Hoffenheim und ganz besonders auch bei der Dietmar Hopp Stiftung für die großartige Unterstützung. Der DGV Talent Cup ist als nationale Veranstaltung so angelegt, dass seine Wirkung weit über das einzelne Event hinausreichen soll. Entscheidend ist, dass die richtige Denkweise mit wissenschaftlich gestützten Kriterien und unsere Art, Talente zu erkennen und gezielt zu fördern, über die Landesgolfverbände bis in die Clubs hinein ausstrahlen. Denn genau dort müssen die Talente detektiert werden, die möglichst früh begleitet werden sollten. Solange sich diese Systematik einer frühen, wissenschaftlich fundierten Talentdiagnostik noch nicht in allen Strukturen etabliert hat, gehen wir als olympischer Spitzenverband bewusst in Vorleistung. Wir sind aber sehr zuversichtlich, dass der Wert des DGV Talent Cups auch in den Landesgolfverbänden und Clubs erkannt wird und die Impulse aus St. Leon-Rot Schritt für Schritt in die Breite getragen werden. Aus sportwissenschaftlicher Sicht kann der Golfsport in Deutschland damit einen wichtigen Entwicklungsvorsprung gewinnen, damit eine starke Zukunft der Sportart in der Breite und zugleich in der Spitze gesichert werden kann.“

Diese Ausstrahlung war der entscheidende Punkt. Der DGV Talent Cup sollte nicht als isoliertes Schaufenster für besonders frühe Begabungen verstanden werden. Er sollte eine Denkweise fördern, in der kindgerechte Ausbildung, vielseitige Bewegungserfahrung, individuelle Entwicklungsverläufe und wissenschaftlich gestützte Beobachtung zusammengehören. Das betrifft die Landesgolfverbände ebenso wie die Clubs, die Trainerbildung und die tägliche Arbeit mit jungen Kindern.

Mehr Gerechtigkeit in der Talenterkennung
Ein zentrales Anliegen blieb die gerechtere Interpretation von Leistung. Kinder im U11-Alter entwickeln sich sehr unterschiedlich. Körperliche Reife, bisherige Sportbiografie, Trainingsumfang, motorische Vorerfahrungen und familiäre Rahmenbedingungen können aktuelle Ergebnisse erheblich beeinflussen. Genau deshalb reicht der Blick auf Scores, Schlagweiten oder Turnierplatzierungen nicht aus.

Der DGV Talent Cup versuchte, diese Faktoren einzuordnen. Er erhob Merkmale, die Hinweise auf langfristige Entwicklungsmöglichkeiten geben können, und verband sie mit Informationen aus Wettkampf, objektiven Tests und Trainereinschätzung. Ziel war nicht die fehlerfreie Prognose. Ziel war eine bessere, differenziertere und verantwortungsvollere Grundlage für Förderung.

Gerade für spätere Entwickler kann dieser Ansatz wichtig werden. Wer heute körperlich noch nicht so weit ist, kann dennoch über Wahrnehmung, Koordination, Lernfähigkeit, mentale Stabilität oder Spielfreude Merkmale zeigen, die langfristig bedeutsam sind. Umgekehrt hilft die differenzierte Diagnostik, frühe Vorteile nicht vorschnell mit gesichertem Talent gleichzusetzen. „Es geht hier ganz zentral nicht um die Talenteinschätzung, sondern um die Bedeutung der Verantwortung aller an der Entwicklung eines Akzelerierten beteiligten Personen, die Tatsache zu erklären, dass die retardierten Kinder irgendwann aufholen und sich dann Leistungen anpassen. Der Retardierte genau wie der Akzelerierte kann nichts für die biologische Entwicklung, man muss es nur erklären und mit ihm zusammen einordnen“, betont Michael Scholl.

Ein Projekt mit langer Perspektive
Der zweite DGV Talent Cup zeigte, dass das Format nach der Premiere nicht stehen geblieben war. Die modulare Struktur blieb erhalten, die Durchführung wirkte eingespielter, die digitale Datenerfassung brachte einen deutlichen Fortschritt, und die ergänzenden Fragebögen sowie die computerbasierten Aufgaben erweiterten den Blick auf die Kinder. Zugleich blieb die Atmosphäre nah an dem, was Nachwuchssport in diesem Alter leisten muss: fordern, ohne zu überfordern. Beobachten, ohne abzustempeln. Fördern, ohne den Spaß zu verlieren.

Der sportwissenschaftliche Anspruch war hoch. Doch die eigentliche Stärke des Talent Cups lag darin, dass er diesen Anspruch in eine kindgerechte Praxis übersetzte. Ein Dartpfeil, eine Bowls-Kugel, ein Fußball, ein Driver, ein ungewohnter Schlägerkopf, eine Orientierungsaufgabe in der Helix oder ein Fragebogen konnten hier zu Bausteinen eines größeren Bildes werden. Aus vielen kleinen Beobachtungen entstand ein differenzierterer Blick auf junge Golfkinder.

Der DGV Talent Cup 2026 war damit mehr als eine Fortsetzung. Er war eine Bestätigung des eingeschlagenen Weges und zugleich ein Schritt nach vorn. St. Leon-Rot, Zuzenhausen und das ResearchLab wurden erneut zu Orten, an denen Nachwuchsförderung nicht über frühe Siegerbilder definiert wurde, sondern über die Frage, wie Kinder langfristig, fair und mit Freude entwickelt werden können. Die Antworten darauf werden sich nicht sofort in Medaillen oder Ranglisten zeigen. Ihr Wert liegt darin, Talente und Potenziale für die Zukunft zu erkennen.

 

Weiteres zum Thema

Tipps der Redaktion