„Ich lese das Grün mit den Füßen“
Wenn Karin Becker über Golf spricht, dann geht es nie bloß um Technik, Titel oder Handicap. Es geht um Wahrnehmung, Vertrauen, Rhythmus – und um einen Sport, der für sie tatsächlich erst im Zuge ihrer Sehbeeinträchtigung zugänglich wurde. Im Interview erzählt die 53-Jährige, wie sie Golf mit ihrem Guide spielt, was sie an den Tiroler Plätzen besonders schätzt und warum das Golfen für sie weit mehr ist als ein Spiel.
Wie kann man sich Blindengolf vorstellen und wie sind Sie darauf gekommen, selbst zu spielen?
Karin Becker: Ich bin eher spät zum Golf gekommen, aber es hat mich sofort fasziniert. Vor allem, weil ich gemerkt habe, dass dieser Sport nicht nur über das Sehen funktioniert, sondern über sehr viele andere Wahrnehmungen auch. Genau das hat mich angesprochen. Der große Vorteil ist: Der Ball liegt still. Ich muss nicht auf ihn reagieren, sondern kann mich ganz genau darauf ausrichten und den Schlag ausführen. Dazu kommt immer ein Guide, der mir die Richtung gibt und mich sozusagen mit den nötigen Informationen versorgt. Das ist ein Zusammenspiel, das sehr präzise sein muss.
Also ist Golfen für Sie immer Teamarbeit?
Ja, absolut. Ohne meinen Guide geht es nicht. Er oder sie ersetzt in dem Moment meine Augen, hilft bei der Ausrichtung und begleitet mich auch zum Ball. Wir müssen sehr gut eingespielt sein, damit ich die Hinweise richtig umsetzen kann.
Was macht das Zusammenspiel mit einem Guide so besonders?
Man entwickelt mit der Zeit ein gemeinsames Wording. Wenn jemand „ein bisschen links“ sagt, weiß man nach einiger Zeit ganz genau, was genau damit gemeint ist. Das ist fast wie eine eigene kleine Sprache. Und genau das macht es für mich auch so spannend.
Golf gilt als sehr visueller Sport. Wie erleben Sie ihn?
Über andere Sinne sehr stark. Mein Gehör ist sicher geschulter als bei sehenden Menschen, und auch mein Körpergefühl spielt eine große Rolle. Ich spüre beim Schwung oft sofort, ob der Schlag gut war oder ob der Ball eher nach rechts oder links gegangen ist, manchmal noch bevor ich die Rückmeldung bekomme.
Sie haben einmal gesagt, der schönste Schlag ist der, bei dem man die Augen schließt. Warum?
Weil ich dann den Treffmoment viel intensiver wahrnehme. Wenn ich den Ball perfekt treffe und der Schläger den Sweet Spot erwischt, dann macht das ein ganz eigenes Geräusch, fast ein kleines Klack. Das ist etwas ganz Besonderes, und ich weiß sofort: Jetzt war der Schlag gut.
Sie sagen gern, Sie würden den Platz mit Ihren Füßen lesen. Was heißt das?
Das Lesen des Grüns mit meinen Füßen! Also ich gehe die Strecke vom Ball zum Loch ab und zähle meine Schritte. Dabei spüre ich mit den Füßen, wie das Grün fällt oder bricht. Das ist oft sogar genauer als ein Blick, weil man direkt mit dem Boden verbunden ist.
Apropos Boden: Warum sind die Tiroler Golfplätze so ein guter Boden für diesen Sport?
Ich glaube, jeder Golfplatz hat eine ganz eigene Kulisse. Tirol ist sehr abwechslungsreich, und viele Plätze liegen eingebettet zwischen imposanten Bergen, Wäldern oder in hügeligem Gelände. Das macht jede Runde anders. Für mich ist das ein ganz besonderes Naturerlebnis mit einmaligen Aussichten. Ich kann einfach nur da sein, es ist ruhig, ich sehe die Natur, das Grün und alles hat so eine beruhigende Wirkung auf mich. Danach bin ich schon ein bisschen süchtig.
Entschuldigen Sie die Nachfrage: Aber Sie sprechen als Blindengolferin trotzdem von Aussicht?
Ja, ich sehe die Dinge so, wie ich sie halt wahrnehme. Meine Seheinschränkung ist hauptsächlich dann besonders stark, wenn ich etwas zentral direkt anschaue. Also wenn ich zum Beispiel auf den Ball schaue, sehe ich den Ball nicht scharf, aber mein Gesichtsfeld außen ist relativ gut. Das heißt, wenn ich jetzt quasi auf den Boden sehe, nehme ich im Gesichtsfeld schon die Berge im Hintergrund wahr. Da sehe ich, dass hier Bäume sind oder dass es dort flacher ist.
Wie nehmen Sie die gesellschaftliche Komponente des Golfens wahr?
Golf ist nicht nur Sport, sondern hat sehr viel mit Begegnungen zu tun, wie ich sie mag. Im Clubhaus trifft man Menschen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten und Lebensbereichen, mit denen man sich austauscht. Aber man hat nicht plötzlich riesige Menschenmassen vor sich. Diese halte ich nämlich nur schwer aus. Das ist sicher ein weiterer Grund, warum ich so gerne Golf spiele.
Sind dann Angebote wie die Golf Tirol Card nicht eher kontraproduktiv?
Nein, die sind sogar sehr sinnvoll. Solche Angebote machen es leichter, verschiedene Plätze kennenzulernen und flexibel zu bleiben. Gerade, wenn man nicht einfach spontan alleine losgeht, sondern immer jemanden dabeihaben muss, ist es hilfreich, wenn das Golfen gut organisiert und einfach zugänglich ist. Das hat mit Menschenmassen noch lange nichts zu tun.
Tirol wirbt mit dem Claim „Wo Birdies auf Adler treffen“. Was verbinden Sie mit diesem Satz?
Für mich passt das sehr gut zu Tirol. Birdies stehen für den Golfsport, die Adler für die alpine Landschaft und für Weite, Kraft und Freiheit. Es bringt ziemlich schön auf den Punkt, was Golfen in Tirol ausmacht: Sport in einer beeindruckenden Naturkulisse.
Im Sommer finden die Austrian Alpine Open in Tirol statt. Warum sind diese für Sie wichtig?
Weil dadurch Golf sehr sichtbar wird. Solche Turniere zeigen, wie attraktiv Tirol als Golfregion ist. Für mich ist das heuer noch einmal etwas ganz Besonderes, weil ich sogar die Chance haben werde, selbst aktiv dabei zu sein. In welcher Form ist noch nicht ganz klar, aber es sind genau solche Veranstaltungen, die sichtbar machen, dass Golf auch für Menschen mit Sehbeeinträchtigung offen ist.
Sie engagieren sich stark dafür, Blindengolf bekannter zu machen.
Ja. Viele Menschen wissen gar nicht, dass es das gibt. Viele glauben, sie könnten wegen einer Sehbeeinträchtigung nicht mehr golfen – dabei stimmt das nicht. Ich möchte zeigen, dass man mit einem Guide und den richtigen Rahmenbedingungen sehr wohl mitspielen kann. Für mich ist Golf der Sport, in dem Inklusion wirklich zu hundert Prozent stattfinden kann. Ich kenne keinen anderen Sport, bei dem das so gut möglich ist. Wir spielen nach denselben Regeln wie alle anderen, brauchen keine eigenen Turniere nur für blinde Spieler und Spielerinnen – auch wenn es die natürlich gibt. Ich kann bei ganz normalen Turnieren mitmachen. Meine einzige Ausnahme: Ich darf einen Guide mitnehmen, der mir Hinweise gibt, und im Bunker den Schläger aufsetzen. Das sind die einzigen Unterschiede. Sonst gilt für mich das internationale Regelwerk, und mein Handicap wird genau gleich berechnet wie bei allen anderen. Genau das finde ich so schön.
Was bedeutet Ihnen Golf persönlich abseits des Wettbewerbs?
Es ist mein Ausgleich. Ich muss nicht einmal spielen, um mich auf dem Platz wohlzufühlen. Allein dort zu sein, wirkt unglaublich beruhigend auf mich. Golf hat für mich etwas sehr Entspannendes. Schönes Wetter, nette Menschen, ein guter Platz und ein bisschen Ruhe reichen oft schon. Wenn ich pro Loch einen schönen Schlag habe, bin ich zufrieden. Mehr braucht es für mich eigentlich nicht.
Was sagen Sie Menschen, die Golf zum ersten Mal ausprobieren wollen?
Einfach anfangen. Golf ist ein Sport, bei dem man sehr viel über Gefühl lernt, über Rhythmus und Konzentration. Und in Tirol kommt noch dazu, dass man dabei eine Landschaft erlebt, die wirklich besonders ist.
Fakten zu Golf in Tirol
- 17 „Golf in Tirol“-Partnerclubs laden zu abwechslungsreichen Runden in ganz Tirol ein.
- Die Golf Tirol Card ermöglicht den Spielzugang auf 17 Partneranlagen und den flexiblen Wechsel zwischen verschiedenen Plätzen.
- 43 qualitätsgeprüfte Golfunterkünfte sind auf Golfgäste spezialisiert und liegen maximal 25 Kilometer vom nächsten Golfclub entfernt.
- Mit den Austrian Alpine Open 2026 ist die DP World Tour vom 28. bis 31. Mai 2026 in Tirol im Golf-Club Kitzbühel-Schwarzsee-Reith zu Gast.
- Alle Informationen zum Golfurlaub in Tirol sind zusammengefasst auf: www.tirolat/aktivitaeten/sport/golfen
- Inspirationen für einen rundum genussvollen Urlaub auf: www.tirol.at/geniesser-sommer
Zur Person: Karin Becker
Die 1972 geborene Tirolerin Karin Becker zählt zu den profiliertesten Persönlichkeiten des internationalen Blindengolfs. Trotz der Diagnose Morbus Stargardt, die mit 20 Jahren ihren Sehverlust auslöste, fand sie 2010 zum Golfsport. Ihren größten sportlichen Erfolg feierte sie 2023 mit dem Gewinn der Weltmeisterschaft in Kapstadt. 2025 erspielte sie in Simco, Kanada, den Vize-Weltmeistertitel. Über das rein Sportliche hinaus engagiert sich Becker unter anderem bei der International Blind Golf Association, um Inklusion im Sport nachhaltig voranzutreiben.
So funktioniert Blindengolf
Blindengolf unterscheidet sich in seinem Regelwerk nur in einem Aspekt vom klassischen Golfsport: Jede:r blinde oder sehbehinderte Golfer:in hat einen sehenden Guide an seiner Seite. Das ist bei Karin Becker meist ihr Sohn Jacob. Dieser erläutert die Umgebung, die Distanz zum Loch, Hindernisse und die Windverhältnisse. Er hilft bei der Schlägerwahl und beschreibt dem jeweiligen Spielenden genau, wo der Ball gelandet ist, um den nächsten Schlag planen zu können.









