Wiedemeyer vor dem Start der Open im Interview
Southport/England - Am Donnerstag startet Tim Wiedemeyer auf Royal Birkdale GC, in Southport um 15.26 Uhr gemeinsam mit dem Dänen Rasmus Neergaard-Petersen und dem US-Amerikaner Jacob Bridgeman in seine erste Major-Runde überhaupt.
Etwas früher geht mit Tiger Christensen vom Hamburger GC ein zweiter Athlet des Golf Team Germany auf die Runde.
Kurz vor dem Start in sein bislang größtes Golferlebnis hatte golf.de noch die Chance, mit Tim Wiedemeyer über diese für ihn so bewegten und bewegenden Wochen zu sprechen.
Ist Dein Sieg bei der Europameisterschaft und die Bedeutung dieses Titels inzwischen richtig angekommen und bei Dir etwas gesackt?
Europameister zu werden, ist natürlich ein Traum. Ich war diesem Titel ja schon einmal ganz nah. Tatsächlich musste ich in der Schlussrunde, vor allem am letzten Loch, noch einmal ganz kurz an das letzte Loch vor zwei Jahren denken. Umso glücklicher bin ich, dass ich es dieses Mal geschafft habe. Mit etwas Abstand wird mir auch immer mehr bewusst, was dieser Titel bedeutet.
Wieviele Nachrichten und Glückwünsche hast Du nach dem Sieg bei der EM bekommen?
Es waren wirklich unglaublich viele. Ich habe Nachrichten von meiner Familie, Freunden, Trainern, Mitspielern und auch von vielen Menschen bekommen, mit denen ich schon länger keinen Kontakt mehr hatte. Es war einfach schön, zu sehen, wie viele Leute sich mit mir gefreut haben. Ich habe versucht, jedem zu antworten. Das hat allerdings etwas gedauert.
Ist dieser Sieg auch in den USA wahrgenommen worden?
Ja, auf jeden Fall. Texas Tech hat den Europameistertitel natürlich direkt über die eigenen Social Media Kanäle veröffentlicht und auch von dort kamen viele Glückwünsche. Außerdem waren viele College Spieler aus den USA selbst bei der Europameisterschaft dabei und haben den Sieg direkt miterlebt. Deshalb wurde der Erfolg in den USA definitiv wahrgenommen, auch wenn der Fokus dort natürlich in erster Linie auf dem amerikanischen College und Amateurgolf liegt.
Du wirst ja viele der anderen Spieler beim Palmer Cup gekannt haben. Wie haben die auf Deinen Sieg bei der EM reagiert?
Die Spieler haben sich natürlich mit mir gefreut und mir direkt gratuliert. Im internationalen Amateurgolf ist man ein relativ kleiner Kreis und kennt sich untereinander ziemlich gut. Beim Palmer Cup war der Fokus dann aber sofort auf das Team gerichtet. Von Beginn der Woche an ging es nur noch darum, gemeinsam als Team International erfolgreich zu sein. Da rücken Einzelerfolge ganz automatisch in den Hintergrund.
Wie würdest Du den Sieg bei der EM von der Wertigkeit gegen den Palmer Cup einschätzen?
Das sind zwei völlig unterschiedliche Wettbewerbe. Die Europameisterschaft ist ein Einzelturnier, bei dem man sich über mehrere Tage allein beweisen muss. Der Palmer Cup lebt dagegen vom Teamgedanken und davon, gemeinsam für das Team International zu spielen. Die EM ist bisher mein größter Einzelerfolg. Der Palmer Cup ist dafür als Teamwettbewerb etwas ganz Besonderes.
Du hast ja bei vielen internationalen Matches der EGA gespielt. Wie war dort im Vergleich zum Palmer Cup das Drumherum, das Rahmenprogramm, die Organisation und das Setup?
Eigentlich kann man die Veranstaltungen gar nicht wirklich miteinander vergleichen. Ich gehe auch davon aus, dass die Budgets sehr unterschiedlich sind. Ich habe mittlerweile, glaube ich, sechs Events für die EGA gespielt und möchte wirklich keines davon missen. Der Palmer Cup wird natürlich typisch amerikanisch extrem groß aufgezogen. Die Spiele wurden teilweise live auf dem Golf Channel übertragen und insgesamt ist alles einfach noch etwas größer und aufwändiger. Trotzdem bin ich einfach dankbar, dass ich all diese Erfahrungen machen durfte. Jedes dieser Events war auf seine eigene Art etwas Besonderes.
Welche Bedeutung hat der Palmer Cup auf dem Weg auf die PGA Tour für Dich und die anderen Teilnehmer?
Der Palmer Cup bringt bei den Herren und Damen jeweils die 24 besten College Spieler der Welt zusammen beziehungsweise die besten, die für das Turnier verfügbar sind. Historisch gesehen schaffen viele dieser Spieler später den Sprung auf die großen Profitouren. Entsprechend hoch ist das Niveau.
Für viele ist der Palmer Cup deshalb ein wichtiger Schritt auf dem Weg ins Profilager. Man sammelt Erfahrungen auf höchstem Niveau und spielt unter Bedingungen, die dem Profigolf schon sehr nahekommen. Gleichzeitig trifft man Spieler, gegen die man später vielleicht auf der PGA Tour oder DP World Tour spielt. Der Palmer Cup ist deshalb für viele ein wichtiger Meilenstein.
Wie war es vom Gefühl her, als frisch gekürter Europameister zum Palmer Cup zu reisen?
Natürlich gibt einem so ein Sieg Selbstvertrauen. Gleichzeitig startet beim Palmer Cup wieder alles bei null. Dort treffen die besten College-Spieler der Welt aufeinander und jeder möchte seinen Beitrag zum Erfolg des Teams leisten. Ich habe mich natürlich gefreut, als Europameister dorthin zu reisen. Der Fokus lag aber sofort darauf, gemeinsam mit dem Team International erfolgreich zu sein.
Wie war der Platz in Irland? Was war Dein persönliches Highlight der Woche?
Der Platz war in einem hervorragenden Zustand und hat mit seiner Länge und den oft wechselnden Windbedingungen wirklich alles von einem verlangt. Man musste geduldig bleiben und sich jede Chance hart erarbeiten.
Mein persönliches Highlight war aber die gesamte Woche. Gemeinsam mit den besten College-Spielern der Welt in einem Team zu spielen, war eine besondere Erfahrung. Die Atmosphäre kommt dem Ryder Cup wahrscheinlich so nah wie kaum ein anderes Event, nur eben für College-Spieler. Auch die Zusammenarbeit mit den Captains und Co-Captains war etwas Besonderes und vergleichbar mit dem, was man sonst nur aus dem Fernsehen kennt. Dazu kamen die vielen Gespräche mit den anderen Spielern. Das macht den Palmer Cup zu einem außergewöhnlichen Event.
Was war Dein Schlag der Woche?
Einen einzelnen Schlag der Woche kann ich tatsächlich gar nicht nennen. Die Bedingungen waren die ganze Woche über so anspruchsvoll, dass eigentlich jeder Schlag eine Herausforderung war. Vor allem der Wind war teilweise so stark, dass man sich bei keinem Schlag entspannen konnte. Man musste ständig überlegen, wie der Ball reagieren wird und welche Entscheidung die richtige ist. Und auch auf den Grüns ging diese Herausforderung weiter. Deshalb kann ich mich ehrlich gesagt nicht auf einen einzelnen Schlag festlegen.
Jetzt steht The Open unmittelbar bevor. Mit welchen Gedanken, Hoffnungen und Erwartungen bist Du nach Southport gereist?
Ich bin inzwischen schon seit drei Tagen hier vor Ort und habe bereits zwei Proberunden auf Royal Birkdale gespielt.
Ich war vorher noch nie bei einem Major, nicht einmal als Zuschauer. Deshalb sind die Eindrücke einfach überwältigend. Schon am Montag bei der Proberunde waren mehr Zuschauer auf dem Platz als bei manchen anderen Turnieren am eigentlichen Wettkampftag. Die Fans applaudieren, freuen sich über jeden Spieler und gerade die Kinder fragen nach Autogrammen. Das macht schon etwas mit einem.
Morgen starte ich meine erste Runde direkt hinter Rory McIlroy. Darauf freue ich mich riesig und ich bin gespannt, wie sich die Menschenmengen auf mein Spiel auswirken. Ich weiß jetzt schon, dass die Zuschauer nach jedem Schlag weiterziehen und dadurch ständig Bewegung rund um den Platz entsteht. Daran muss ich mich erst einmal gewöhnen.
Wenn es mir gelingt, trotz all dieser Eindrücke und Ablenkungen einfach mein eigenes Golf zu spielen, dann wäre das für mich schon ein Erfolg.
Die Erfahrungen sind jetzt schon unglaublich. Das beginnt auf der Range, wenn man neben den besten Spielern der Welt seine Bälle schlägt. Besonders spannend war für mich auch die Proberunde mit Ludvig Åberg. Dabei konnte ich aus nächster Nähe sehen, wie er sich auf ein Major vorbereitet. Solche Erfahrungen sind unglaublich wertvoll.
Worauf freust Du Dich in dieser Woche am meisten?
Natürlich freue ich mich auf den ersten Abschlag und darauf, endlich ins Turnier zu starten. Gleichzeitig möchte ich die ganze Woche bewusst genießen. So eine Chance bekommt man nicht oft.
Ich glaube, jeder Spieler, der Profi werden möchte, hat das Ziel, irgendwann einmal bei The Open abzuschlagen. Die ersten Tage hier haben mir auf jeden Fall gezeigt, dass ich genau hierhin möchte. Genau auf diesen Bühnen möchte ich in Zukunft Golf spielen. Mir ist aber auch bewusst, dass der Weg dorthin schwer wird und nur mit viel harter Arbeit möglich ist. Als Amateur hier dabei zu sein, macht manches vielleicht etwas einfacher. Gleichzeitig hat mich diese Woche noch einmal darin bestärkt, dass genau das mein Ziel für die Zukunft ist.
Dann wünschen wir viel Erfolg und eine gute Woche. Danke, dass Du dir für dieses Gespräch die Zeit genommen hast.











