Siem verabschiedet besonderen Charakter
Abschiede im Golfsport verlaufen meist leise. Nicht so bei Mike Lorenzo-Vera. Der Franzose ist seit fast zwei Jahrzehnten ein fester Bestandteil der DP World Tour und sagt in den Schweizer Alpen „Au revoir“ – an einem Ort, der für ihn wie kaum ein anderer von Freude und Schmerz geprägt ist. Hier, beim Omega European Masters in Crans-Montana, erhielt er vor zehn Jahren während seiner ersten Runde die Nachricht vom Tod seines Vaters Urbano. Nun beendet er genau hier seine Karriere, begleitet von seiner Familie, seinen Freunden und seinem Weggefährten Marcel Siem, mit dem er in den ersten beiden Runden spielte.
Wer Lorenzo-Vera nur nach seinen Ergebnissen beurteilt, greift zu kurz. Natürlich gab es sportliche Höhepunkte: sieben Profisiege, darunter ein Triumph auf der Challenge Tour, fünf zweite Plätze auf der European Tour und Rang 16 bei der PGA Championship 2019.
Doch er wurde vor allem durch sein Wesen berühmt: laut, humorvoll und nahbar. Der „charismatische Franzose mit feinem Schnurrbart“, wie ihn einmal das Spielerhandbuch der PGA of America beschrieb, war nie nur Golfer, sondern immer auch Geschichtenerzähler, Entertainer und Freigeist.
Ein Major-Märchen
Seinen größten internationalen Auftritt hatte er 2020 bei der PGA Championship im kalifornischen San Francisco. Während Stars wie Brooks Koepka, Justin Rose oder Tommy Fleetwood im Fokus standen, schob sich Lorenzo-Vera nach zwei Runden völlig unerwartet ins Rampenlicht: Er belegte den geteilten zweiten Platz und lag nur zwei Schläge hinter dem Führenden, Haotong Li. Plötzlich fand sich der Franzose auf dem Leaderboard eines Majors zwischen den ganz Großen wieder – und genoss jede Sekunde dieses „unerwarteten Wunders“.
Dass er dort überhaupt stehen konnte, grenzt tatsächlich an ein kleines Wunder. Gleich zu Beginn seiner Karriere geriet er durch „falsche Entscheidungen, Partys und zu große Großzügigkeit“ in eine Schuldenfalle von fast 400.000 Euro. Auch Ängste und Selbstzweifel begleiteten ihn. Die Wende brachte Psychologin Meriem Salmi. Sie brachte ihn wieder auf Kurs und sorgte dafür, dass er sein Potenzial ausschöpfen konnte. Durch seinen offenen Umgang mit diesen Themen wurde er für viele Fans nahbarer als manch Major-Sieger.
Haltung statt Anpassung
Doch Lorenzo-Vera war nie jemand, der stillhielt. Wenn ihm Entwicklungen im Sport missfielen, sagte er es laut. So kritisierte er etwa die wachsende Kommerzialisierung des Golfsports: „Es sieht nicht mehr wie ein Sport aus, sondern mehr wie ein Geschäft.“ Besonders enttäuscht zeigte er sich über Idole wie Lee Westwood oder Sergio García, die sich LIV Golf anschlossen. Für ihn stand immer fest: Golf ist mehr als Business, es lebt von Geschichte, Werten und Persönlichkeiten.
Sein Abschied in Crans-Montana war daher kein stilles Verschwinden, sondern ein bewusstes Finale. „Ich fühle mich großartig. Ich habe meine Familie hier – meine Kinder, meine Mutter, auch Freunde. Ich habe großartige Unterstützung, wir sind einfach hier, um es zu genießen.“ Worte, die zeigen, dass der 40-jährige Lorenzo-Vera mit sich und seiner Karriere im Reinen ist. Ein Typ, den der Golfsport vermissen wird – und den Marcel Siem beim Abschied zurecht als „besonderen Charakter“ bezeichnet.









