Henseleit: „Der Sieg ist mein Ziel Nummer eins“
Die Amundi Evian Championship ist Kontinentaleuropas einziges Major-Turnier. Ein spezielles Turnier an einem speziellen Ort: Hoch oben über dem Genfer See erstreckt sich das Turniergelände entlang einem großen Hang. Die Weltspitze ist eingelaufen. Mit dabei als beste Deutsche: Esther Henseleit. Die Hamburgerin, derzeit auf Rang 49 der Weltrangliste geführt, ist entspannt und gut gelaunt. Man merkt ihr an: Bei diesem Major-Turnier fühlt sie sich wohl.
Sie sind zurück zur Amundi Evian Championship – mögen Sie dieses Turnier?
Henseleit: Ja, doch. Die Atmosphäre ist immer extrem gut. Wir haben meistens Glück mit dem Wetter, dazu eine schöne Aussicht. Außerdem ist es schön, ein bisschen näher an der Heimat zu sein. Gefühlt ist auch das Gras ähnlich zu jenen Bedingungen, mit denen wir in Deutschland aufwachsen. Es fühlt sich also auch auf dem Golfplatz ein bisschen heimisch an.
Der Platz liegt an einem Hang, es ist manchmal relativ eng, insgesamt spielt sich die Anlage tricky. Liegt der Golfplatz Ihrem Spiel?
Henseleit: Ja, der Platz ist auf jeden Fall anders als die Plätze, die wir normalerweise spielen. Man hat deutlich mehr Hanglagen und man muss deshalb auch deutlich mehr darüber nachdenken, was mit dem Ball passiert, wenn der Stand über oder unter dem Ball ist. Aber ich bin ja quasi in Falkenstein (Hamburger GC, Anm. d. Red.) aufgewachsen und da hat man diese Schräglagen auch. Ich kenne mich damit also ein bisschen besser aus als andere Spielerinnen, die vielleicht in den USA aufgewachsen sind, wo es solche Plätze wirklich gar nicht gibt. Ich mag das gerne, wenn man ein bisschen taktisch an den Platz rangehen muss. Insgesamt ist es auf jeden Fall eine gute Herausforderung für uns.
Gibt es einen Teil des Platzes, an dem man besonders aufpassen muss?
Henseleit: Ich muss sagen, ich bin immer ganz froh, wenn man bei einem Start von Tee 1 die ersten fünf Löcher hinter sich hat. Die liegen extrem am Hang, es geht stark den Berg herunter. Da gibt es dann relativ schwere Lagen. Wenn ich diese Löcher hinter mir habe, denke ich immer – okay, jetzt kann es losgehen. Jetzt sind ein paar Birdies drin. Auf den Par 5s auf dem erhöhten Teil des Platzes hat man deutlich mehr Chancen.
Sie sind am Sonntag angekommen. Wie sieht ein normaler Montag oder Dienstag einer Turnierwoche für Sie aus?
Henseleit: Ich spiele normalerweise neun Löcher. 18 Löcher Proberunden spiele ich ganz selten. Man will eben ein bisschen Energie sichern fürs Turnier, vor allem, wenn es so hügelig und warm ist wie im Moment hier. Normalerweise trainiere ich zwei bis vier Stunden, spiele neun Löcher und gehe dann zu meinem Physio.
Die KPMG Women's PGA Championship ist gerade einmal zwei Wochen her. Sie sind geteilte 15. geworden und gut in Form…
Henseleit: Ja, auf jeden Fall. Ich habe mich über die letzten Wochen deutlich verbessert. Letzte Woche habe ich extrem gut gespielt. Ich hatte nur eine Phase am Freitagnachmittag und Samstagmorgen, wo es nicht ganz so gut lief. Aber ansonsten war es wirklich gut, sehr solide, und ich habe den Ball richtig gut getroffen. Auch um die Grüns war ich sehr aufgeräumt. Das braucht man bei den Major-Turnieren immer. Ich bin insgesamt auf jeden Fall zufrieden mit meinem Spiel.
Haben Sie im Hinblick auf diese Woche in Evian noch etwas speziell trainiert, Hanglagen zum Beispiel?
Henseleit: Dafür ist die Proberunde da. Da macht man jeden Schlag einmal, der auch im Turnier vorkommt, und bekommt ein Gefühl dafür. Das Gras ist jedes Jahr unterschiedlich hoch, die Fairways sind unterschiedlich hart und natürlich verändert sich auch die Technik ein bisschen. Aber wenn man den Schlag dann einmal geschlagen hat, ist er frisch im Kopf und dann kann es losgehen.
Sie sind 2020 auf die LPGA Tour gewechselt. Das Niveau dort ist erheblich höher als in Europa. Außerdem gibt es in Deutschland nur sehr wenige Plätze mit Grüns, die vom Niveau in etwa amerikanischem Niveau entsprechen. War der Wechsel für Sie deshalb ein extremer Aha-Effekt?
Henseleit: Mir hat das eine Jahr, das ich in Europa auf der LET gespielt habe, sehr gut getan. Ich habe da überall Erfahrung gesammelt, war das erste Mal in Asien und bin auch in die Major-Turniere reingekommen. Ich habe mich auch für die US Open qualifiziert und wusste also, dass die Grüns dort richtig schnell sind. Als ich dann die LPGA-Karte bekommen habe, hat mich das Niveau nicht mehr überrascht. Man muss einfach akzeptieren, dass es hier noch einmal viel mehr extrem gute Spielerinnen gibt und man auch mal einen Cut verpassen kann.
Haben Sie ab dann noch einmal mehr trainiert?
Henseleit: Die Anzahl der Stunden hat sich nicht verändert, aber natürlich lernt jeder Golfer mit der Zeit effektiver im Training zu sein. Außerdem muss man einsehen, dass es in Deutschland ok ist, wenn man ein, zwei verschiedene Schläge rund um Grüns kann. Wenn ich ein Major in den USA spiele, dann brauche ich vielleicht zehn bis 20 verschiedene Schläge ums Grün. Das lernt man mit der Zeit und dann hat man hoffentlich die richtigen Leute um sich herum, die einem dabei helfen können, spielerisch zu wachsen.
Das Feld dieser Amundi Evian Championship ist in hohem Maß von Asiatinnen besetzt, die das internationale Golf dominieren. Was machen diese Spielerinnen so gut?
Henseleit: Natürlich gibt es immer Ausnahmen, aber grundsätzlich sind sie alle relativ gerade vom Tee und sehr gut auf den Grüns. Sie verschwenden einfach keine Schläge.
Nach Ihrem zweiten Platz bei den Olympischen Spielen in Paris haben Sie gesagt, es fehle nur noch der LPGA-Sieg. Der fehlt immer noch – warum ist es so schwierig, auf der LPGA Tour zu gewinnen?
Henseleit: Zum einen ist es sehr kompetitiv und letztendlich kommt es eben auch nicht nur darauf an, dass ich eine Woche lang mein bestes Golf spiele. Es müssen auch die anderen Leute irgendwie mitspielen, damit ich am Ende ganz oben am Leaderboard stehe. Aber der Sieg ist auf jeden Fall immer noch mein Ziel Nummer eins. Ich bin einfach geduldig, warte auf meinen Moment und bin optimistisch. Ich habe jetzt das Gefühl, dass alle Bereiche in meinem Spiel auf einem Level sind, das ich so früher noch nicht hatte.
Solheim Cup im Hinterkopf
Der Solheim Cup im September steht an. Im Moment sind Sie laut der Qualifikation im Team Europa dabei, aber sicher ist die Qualifikation noch nicht. Haben Sie das hier in Evian auch im Hinterkopf?
Henseleit: Ja, auf jeden Fall. Es ist nämlich tatsächlich so, wie alle es immer erzählen: Wenn man einmal den Solheim Cup gespielt hat, dann will man einfach immer wieder mit dabei sein. Es ist also natürlich mein Ziel, die nächsten drei Wochen gut zu spielen und mir dann meinen Platz zu sichern, ohne auf eine Wildcard hoffen zu müssen.
Anna Nordquist ist Europas Kapitänin. Wie erleben Sie sie in dieser Rolle?
Henseleit: Ich finde, sie macht einen extrem guten Job. Sie gibt jedem das Gefühl, gehört zu werden und dass es ok ist, wenn man mit allen Anliegen zu ihr kommt. Ich muss sagen, bisher bin ich sehr beeindruckt davon, wie sie mit der Situation umgeht.
Gespielt wird in den Niederlanden auf dem Platz von Bernardus. Kennen Sie den Platz?
Henseleit: Nein, noch nicht. Aber nächste Woche schauen wir uns das mal an.








