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Eisberge und quietschbunte Häuser prägen das Bild an Grönlands Küsten | © W.Weber

Arktische Notlösung

Donald Trumps Besitzansprüche auf Grönland beherrschen seit Monaten die Schlagzeilen der Weltpresse wie kaum ein zweites Thema. Der Hunger des US-Präsidenten auf “Greenland” habe erstens militärisch-strategische Gründe und ziele zweitens auf die riesigen Bodenschätze der seit mehr als drei Jahrhunderten zum Königreich Dänemark gehörenden arktischen Insel, heißt es. Völlig ausgeblendet wurde bislang die Frage, ob Trump - der auch erfolgreicher Golf-Unternehmer ist, dem schon 15 Top-Golfresorts von Florida bis Schottland und Dubai gehören - auch Interesse an einem weiteren “Schatz” am Rande der grönländischen Hauptstadt Nuuk haben könnte. Wolfgang Weber war dort und hat einen guten, wenngleich augenzwinkernden Ratschlag für die Grönländer: wartet ein paar Monate, bis die meterhohe Schneedecke abgeschmolzen ist und ladet dann Donald Trump zu einer Golfrunde in Euren Nuuk Golfklub ein. Vielleicht schmilzt dann auch Trumps Grönland-Hunger ein Stück weit ab “like ice in the sunshine”…

Eigentlich sollte am ersten Tee, gleich neben dem Clubhaus, ein Warnschild stehen, möglichst dreisprachig, auf Kalaallissut (Grönländisch), Dänisch und Englisch: “Vorsicht vor Querschlägern und Gegenverkehr!” Auch ohne diesen Hinweis lehrt uns Grönlands einziger Golfplatz auf Bahn 2 auf nachdrückliche Art, daß hier der Grüne Sport auf eine etwas andere Weise funktioniert als im Rest der Welt.

 

Der leicht verunglückte Abschlag von Daniel Thorleifsen hat zu wenig Höhe, um das vom Tee hinter einer abgeflachten Granit-Kuppe nicht einsehbare schmale Fairway der Par-4-Bahn zu erreichen. Der Ball prallt von einer Felskante ab, springt links weg und vollführt dann zwischen teils nackten, teils mit etwas Moos und Flechten bewachsenen Granitplatten ein kurzes, aber heftiges Ping-Pong-Match, ehe er, gerade noch spielbar, auf einer kleinen Moosfläche inmitten der Felsen zur Ruhe kommt. 

Neun Bahnen, sieben Fairways

Mitspielerin Susanne Bisgaard Rasmussen hat sich nach Daniels „Fore!“-Warnruf blitzschnell weggeguckt und ihr Gesicht mit beiden Händen geschützt; sie hat Glück, von dem sekundenlang verrückt spielenden Ball nicht getroffen zu werden. Was sie da vorne, quasi mitten in der Schußlinie, zu suchen hatte? Diese Frage kann nur stellen, wer den Golfplatz von Nuuk auf Grönland noch nie gesehen hat. Ohne einen risikobereiten „Späher“, der von höherer Warte aus den Ballflug beobachtet, geht auf diesem arktischen 9-Löcher-Kurs gar nichts. Etwa jeder zweite Abschlag erfolgt „blind“; die schmalen Fairways und Miniatur-Greens sind winzige grüne Oasen in einer kargen, unübersichtlichen Felslandschaft; und lediglich fünf Bahnen sind, wie sonst auf Golfkursen üblich, „Einbahnstraßen“. 

 

Auf Bahn 2 ist besondere Vorsicht geboten. Sie teilt sich ihr Fairway mit der partiell gegenläufigen 9, der einzigen Par 5-Bahn des Platzes, wenn auch nur, von Gelb, bescheidene 392 Meter lang. Ohne einen wagemutigen „Warnmelder“, der ein wachsames Auge auf den „Gegenverkehr“ hat, würde das Spiel hier vollkommen unberechenbar und gefährlich. Die Flights auf den Bahnen 5 und 6 haben sich wenigstens gegenseitig im Blick, wenn sie ein und dasselbe Fairway aus entgegengesetzten Richtungen anspielen. Sieben schmale Fairways für neun Golfbahnen in ungezähmter, wilder Felslandschaft - Golf auf Grönland ist wahrlich kein Sport für „Warmduscher“ mit schwachem Nervenkostüm. 

Eine Zangengeburt

Nicht nur wegen des begrenzten Areals am Rande der grönländischen Hauptstadt war der Bau des Golfplatzes in den Jahren 1999 und 2000 eine komplizierte Zangengeburt. Bei Licht besehen ist der komplette Golfkurs oberhalb des selbst im Hochsommer mit zahlreichen kleinen Eisbergen gespickten Nuup Kangerlua-Fjord ein Komplett-Import:Mit Containerschiffen wurden damals gut 2.000 Kubikmeter Mutterboden aus Dänemark nach Nuuk verschifft. Auf den damit geschaffenen bescheidenen Fairway-Flächen wurden dann 45.000 Quadratmeter aus Island importierte, kälteresistente Grassoden ausgebreitet. 

 

Mit knapp 2,2 Millionen Quadratkilometern ist Grönland gut sechsmal so groß wie Deutschland. Zu über 80 Prozent ist die größte Insel der Welt von einem bis zu drei Kilometer dicken Eisschild bedeckt. In den während der kurzen Sommer weitgehend eisfreien Küstenregionen gedeiht lediglich eine karge Tundra-Vegetation. Bäume oder Sträucher als Orientierungshilfen auf dem Golfplatz? Fehlanzeige!

Die Rentierjagd ging vor

Der Nuuk Golfklub liegt am östlichen Stadtrand, zwischen den modernen Gebäuden des Campus der University of Greenland und dem Nuuk Airport. Der verdient zurecht die Zusatzbezeichnung “international”, seit Ende November 2024 die neue 2.200 Meter lange Runway und ein neues, den internationalen Sicherheitsbestimmungen entsprechendes  Terminal in Betrieb genommen wurden. Jets von Air Greenland und Icelandair bieten ganzjährig regelmäßige Verbindungen nach Reykjavik und weiter nach Kopenhagen an; saisonal fliegt auch Scandinavian Airlines (SAS) von der dänischen Hauptstadt nach Nuuk sowie United Airlines von New York aus. 

 

Allerdings verzeichnete der Nuuk Airport im vergangenen Jahr zahlreiche Flugstreichungen, und die dänische Civil Aviation Authority machte den Flughafen zur Sicherheit mehrmals tageweise dicht. Einer der Gründe: An dem Tag, an dem die neue Rentier-Jagdsaison begann, blieben etliche Flughafen-Beschäftigte - sich offenbar mehr der arktischen Tradition als ihrem Arbeitgeber verpflichtet fühlend - unentschuldigt dem Dienst fern.

Die Flaggen vor dem Arctic Command

Vom Golfplatz aus kann man auf dem benachbarten Airport, vor der imposanten Kulisse des schroffen Quassussuaq Mountain, die Starts und Landungen etlicher kleiner Regionalflugzeuge und großer Passagier-Helikopter beobachten. Damit verbindet Air Greenland die Hauptstadt mit zahlreichen Orten wie Kulusuk, Sisimiut, Ilulissat, Maniitsoq und dem 320 Kilometer nördlich von Nuuk gelegenen Kangerlussuaq Airport. 

 

Dieser auch für Interkontinental-Verkehr geeignete Flughafen gehörte einst als Sondestrom Air Base der U.S. Air Force und wurde - wie zuvor schon etliche andere amerikanische Militärstützpunkte - im September 1992 an die grönländische Regierung übergeben. Ob die Amerikaner den Airport in Zukunft wieder selbst nutzen wollen, ist eine der vielen noch offenen Fragen im politischen Streit um Grönland. Wie die Kardinalfrage, ob - wie seit Jahrzehnten - auch zukünftig vor dem Arctic Command, dem militärischen Hauptquartier für Grönland am Hafen von Nuuk, die Stars and Stripes sowie die dänische und die grönländische Flagge friedlich und auf Augenhöhe nebeneinander wehen werden. 

 

Das dichte Netz an Inlandsflügen ist essentiell auf der riesigen Insel, deren 17 Städte - die kleinste davon, Ittoqqortoormiit an der Ostküste, zählt gerade einmal 350 Einwohner - und 55 Dörfer durch keinerlei Überlandstraßen verbunden sind. Sämtliche Siedlungen, ausnahmslos an den Küsten gelegen, überwiegend an der Kanada zugewandten Westküste, sind nur auf dem Luftweg erreichbar - oder, in den weitgehend eisfreien Sommermonaten, per Schiff. 

Golf-Simulatoren im Hotel Egede

Erstmals gespielt werden konnte auf dem Golfplatz am Rande der rund 20.000 Einwohner zählenden Hauptstadt im August 2000. Dabei war der Nuuk Golfklub bereits acht Jahre zuvor gegründet worden. Die Spielstätte der grönländischen Golfer in den Anfangsjahren? Eine - im besten Sinne - arktische Notlösung: Zwei Golfsimulatoren im Kellergeschoß des Hotels „Hans Egede“ im Stadtzentrum. 

 

Das größte und komfortabelste Hotel von Nuuk trägt den Namen des „Apostels der Grönländer“ aus dem 18. Jahrhundert ebenso wie eine ganze Bergregion im Nordosten Grönlands, eine Kirche in Kopenhagen und sogar ein Mondkrater auf unserem bei den Inuit einst ebenso verehrten wie gefürchteten Erdtrabanten. Unter den gut 56.000 Grönländern ist „Egede“ bis heute einer der häufigsten Familiennamen; der ehemalige linke Premierminister, der in der aktuellen, nach den jüngsten Parlamentswahlen im März 2025 geschmiedeten Vier-Parteien-Koalition seines liberalen Nachfolgers Jens-Frederik Nielsen das Finanzressort leitet, heißt Mute Bourup Egede.

 

Jedes Schulkind hier kennt die Geschichte des von den norwegischen Lofoten stammenden lutherischen Pastors, der sich im 18. Jahrhundert die Missionierung der heidnischen Inuit zur Lebensaufgabe machte. Indem er am 3. Juli 1721 - in Begleitung seiner Frau Gertrud, ihrer vier Kinder und drei Dutzend weiterer Abenteurer im Namen des Herrn und des dänischen Königs - mit dem Segelschiff „Habet“ (Hoffnung) ganz in der Nähe des heutigen Nuuk vor Anker ging und eine erste Missions- und Handelsstation gründete, wurde Grönland zur dänischen Kolonie, weil seine Heimat Norwegen damals ebenfalls zu Dänemark zählte. Bis heute versteht sich die Insel als politisch selbstverwalteter Bestandteil des Königsreichs Dänemark, mit König Frederik X. als Staatsoberhaupt.

„Unseren täglichen Seehund gib uns heute“

Die seit drei Jahrhunderten andauernde Bindung ans 3.500 Kilometer entfernte Kopenhagen gilt ebenso als das Erbe Hans Egedes wie die Tatsache, daß Grönlands Bevölkerung heute zu nahezu 100 Prozent dem evangelisch-lutherischen Glauben angehört - und das, obwohl es im 18. Jahrhundert alles andere als einfach war, die christliche Heilsbotschaft in die von Schamanen und allerlei bösen Geistern geprägte Vorstellungswelt der Inuit zu implantieren. Wie zum Beispiel übersetzt man das „Vaterunser“ für Menschen, die kein Getreide und somit auch kein Brot kennen? Hans Egede erwies sich als gedanklich und lingual sehr geschmeidig und erfindungsreich: Er paßte den Gebets-Text an die grönländische Lebenswirklichkeit an: „Unseren täglichen Seehund gib uns heute“. 

 

Freilich sind die damaligen, teilweise rabiaten Methoden der Missionsarbeit Hans Egedes - Originalzitat: „Nichts kann sie (die Inuit) besser zur Vernunft bringen als Schläge und Strafe“ - heute alles andere als unumstritten. Eines Morgens im Sommer 2020 fand man die überlebensgroße Bronzestatue des „Apostels“, die seit über 100 Jahren von einem Hügel aus die Altstadt und den alten Kolonialhafen von Nuuk überblickt, mit kübelweise roter Farbe beschmiert. Am Sockel stand die Parole: „Decolonize!“ Offensichtlich handelte es sich um eine sorgfältig geplante Vandalismus-Aktion im Zuge der weltweiten Entkolonialisierungs-Debatten und der „Black-Lives-Matter“-Bewegung. 

Touristenmagnet Nationalmuseum

Gleich unterhalb des Egede-Denkmals ragt die von einem einheimischen Künstler geschaffene steinerne Statue „Mutter des Meeres“ aus dem Wasser des alten Hafenbeckens. Sie erinnert an die berühmte Kleine Meerjungfrau in Kopenhagen, doch wird die vollbusige Schönheit in Nuuk, Grönland-gerecht, von einem Walroß und einem Eisbär flankiert. Nur wenige Schritte entfernt am Ufer - wenig überraschend lautet die Adresse “Hans Egedesvej” - stehen die historischen Missionsgebäude der Herrnhuter Brüdergemeinde, die heute, ergänzt durch Neubauten, das Grönländische Nationalmuseum und -archiv beherbergen. 

 

Das Museum ist der Arbeitsplatz unseres Flightpartners Daniel Thorleifsen. Er leitet das Haus, einen der größten Touristenmagneten Grönlands, schon seit 2005 als Direktor. Rund 20.000 Einheimische und Touristen jährlich besuchen die diversen Ausstellungen des Nationalmuseums - von der Frühgeschichte Grönlands mit der Einwanderung der ersten Inuit-Kulturen vor rund 4.500 Jahren über die Zeit der aus Island gekommenen Wikinger, die vom 11. bis 15. Jahrhundert einige Fjorde an der Westküste als arktische Bauern besiedelten, bis zum kolonialisierten Jägervolk und dem unabhängigkeits-bestrebten Grönland von heute.

Finale auf dem Ryder-Cup-Platz in Rom

Zweimal pro Woche, sagt Daniel Thorleifsen, fröne er dem Golfsport, den er vor gut zehn  Jahren für sich entdeckte, als Ausgleich zum stressigen Job als Museumsdirektor: Immer donnerstags trifft er sich in den Sommermonaten mit Freunden zu einer Männerrunde auf dem Golfplatz, und am Sonntag ist er, so oft es geht, Stammspieler beim wöchentlichen Clubturnier. Noch ein wenig fleißiger betreibt die vor etlichen Jahren der Liebe wegen aus dem dänischen Odense nach Nuuk gezogene Maria Kruuse ihren Sport. In Dänemark einst als Klinikassistentin tätig, schultert sie heute gleich drei Jobs: als Club-Sekretärin, Akupunkteurin und Tanzlehrerin - und schon mehrmals hat sie die Damen-Clubmeisterschaft des Nuuk Golfklub gewonnen. 

 

Die durch US-Präsident Donald Trump verursachte weltweite Aufmerksamkeit für Grönland hat dessen kleine Hauptstadt Nuuk samt ihres bescheidenen und weitgehend unbekannten Golfplatzes unerwartet in nie gekanntes Rampenlicht gerückt. Grönlands einziger Golfklub sieht sich plötzlich in bester Gesellschaft mit renommierten Golfresorts wie dem Kingsbarns Golf Links im schottischen St. Andrews, dem Heritage Golf Club auf Mauritius, Antognolla Golf im italienischen Perugia oder deutschen Edelclubs wie Motzener See bei Berlin, Beuerberg bei München und Schloß Langenstein nahe dem Bodensee: Seit kurzem ist der Nuuk Golfklub jüngstes Mitglied der International Associate Clubs (IAC). Diesem globalen Netzwerk mit Headquarters in Hong Kong und Berlin gehören über 200 renommierte City-, Golf-, Yacht- und Country Clubs in mehr als 50 Ländern an - und mit dem grönländischen Solitär jetzt erstmalig auch ein Golfplatz mit lediglich neun Löchern und sieben Fairways. Donald Trump made it happen!

 

Und was passiert im Nuuk GK golferisch in der langen „dunklen Jahreszeit“ von Oktober bis Mai? Dann spielen der Inuk Daniel Thorleifsen, die Dänin Maria Kruuse und die anderen 140 Mitglieder des Nuuk Golfklub abwechselnd auf den schönsten Golfplätzen Amerikas und Europas - auf den beiden vielleicht meist genutzten Trackman-Simulatoren der Welt im kleinen, aber gemütlich eingerichteten Clubhaus am Rande des Eisfjords. Jeweils im April wird mit Hilfe der Simulatoren an drei aufeinander folgenden Tagen die grönländische Winter-Golfmeisterschaft ausgespielt. Da findet dann beispielsweise die  Qualifikation im Portland Golf Club in Oregon und die erste Runde auf dem Spyglass Hill Golf Course im kalifornischen Pebble Beach statt. Und das Finale steigt - in Erinnerung an den vorletzten Ryder Cup - im Marco Simone Golf Club bei Rom. 

 

Was zeigt uns das? Die Grönländer wissen ganz genau, was gut ist an Amerika und an Europa - und suchen für sich das Beste heraus aus beiden Welten… Schönes Spiel! 

 

Die ganze Geschichte erzählt die neueste Episode des Golfreise-Podcasts “Ever-Greens”unseres Autors Wolfgang Weber.

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