Sportliche Entdeckungsreise nach Louisville am Ohio River
+++ Ost- oder Westküste? Dies ist in aller Regel die entscheidende Frage für USA-Reisende, insbesondere auch Golftouristen. In diesem Jahr, in dem die Vereinigten Staaten ihr 250. Unabhängigkeits-Jubiläum begehen, gibt es eine ganze Reihe von Gründen, von dieser Norm einmal abzuweichen. Heißer Tip für alle, die sich auch für andere Sportarten und darüber hinaus für Geschichte und Kultur interessieren: Louisville/Kentucky. Die Stadt am Ohio River überrascht mit legendären Persönlichkeiten, eigenen historischen Jubiläen, Museen, in die Sportfans aus ganz Amerika pilgern - und etlichen großartigen Golfplätzen, die zu entdecken sich lohnt! +++
Zugegeben – mit dem Schläger, für den Louisville von New York bis Los Angeles berühmt ist, kann man auf einem der vielen Golfplätze links und rechts des Ohio River wenig anfangen. Er ist weder Driver noch Fairwayholz noch Putter. Vielmehr handelt es sich beim “Louisville Slugger” um das Spielgerät schlechthin in der amerikanischsten aller Sportarten, dem Baseball.
Das Ganze begann mit einem Materialfehler. Pete Browning, seinerzeit Starspieler des heimischen Baseball-Teams Louisville Eclipse, zertrümmerte seinen Schläger in einem Heimspiel im Sommer 1884. Sein Kumpel Bud Hillerich bot ihm an, im väterlichen Betrieb in der Mainstreet einen neuen Schläger zu schreinern. Mit dem startete Pete Browning anschließend eine legendäre Siegesserie, die weit über die Grenzen Kentuckys hinaus Schlagzeilen machte.
Bestseller seit 1894
Der “Louisville Slugger” war geboren. 1894 patentiert, wurde das wichtigste Produkt der Schreinerei Hillerich & Bradsby seither über 100 Millionen Mal verkauft. Fast zwei Drittel aller Profispieler der Major League Baseball vertrauen auf den Schläger aus Louisville. Eine riesige Nachbildung aus Stahl, 34 Tonnen schwer, 120 Fuß hoch, genannt “The Big Bat”, überragt das vier Stockwerke hohe historische Ziegelgebäude des “Louisville Slugger Museum & Factory” um Längen – eine wahre Pilgerstätte für HardCore-Baseball-Fans aus aller Welt.
Die Produktion der Baseballschläger wurde mittlerweile in den Nachbarstaat Indiana am anderen Ufer des Ohio-River verlagert. Und das sportliche Sortiment wurde erweitert: Längst bietet Hillerich & Bradsby neben dem Louisville Slugger sowie Baseball-Handschuhen und -Kleidung auch Eishockey- und Golfschläger an.
Für letztere bieten sich in Louisville und seiner leicht hügeligen Umgebung jede Menge vortrefflicher Anwendungsmöglichkeiten. Bei vielen Besuchern des “Bluegrass-State” steht der Valhalla Golf Club, der schon etliche PGA-Championships erlebte, ganz oben auf der To-Do-List. Unvergessen die hauchdünnen Siege von Rory McIlroy 2014 und Xander Schauffele 2024 auf dem ebenso gepriesenen wie gefürchteten Jack Nicklaus-Kurs mit dem ikonischen 18. Grün, das sich in Hufeisenform um einen ekligen, tiefen Bunker mit scheinbar magnetischen Kräften schmiegt.
Prachtvolle Altstadt
Zu den mehr als zwei Dutzend Golfclubs im Umkreis von weniger als 15 Meilen um Louisvilles historische Altstadt – Amerikas größtes Stadtviertel mit prachtvollen viktorianischen Villen und mit ausgeprägtem Südstaaten-Flair – zählen auch wahre Veteranen wie der 1905 gegründete South Park Country Club oder der Audubon Country Club von 1908. Auch zahlreiche der östlich und südöstlich der City gelegenen Clubs wie Woodhaven, Wildwood, Hunting Creek, Oxmoor oder Hurstbourne sind vom Zentrum in weniger als einer halben Autostunde erreichbar.
Allerdings – auf welchen Plätzen man als Gastspieler willkommen ist, hängt im Einzelfall von der Tagesform des jeweiligen Golfmanagers und von “Vitamin C” ab; C wie Connections. Denn im Gegensatz zu vielen Golfresorts an der amerikanischen Ost- oder Westküste, die ganzjährig auf Touristen eingerichtet sind und vor allem von Greenfee-Spielern leben, sind zahlreiche Clubs im mittleren Westen geradezu “closed shops”, in denen Gäste eher gelitten denn mit offenen Armen empfangen, geschweige denn umworben werden.
Golf am Ohio-Ufer für zehn Dollar Greenfee
Die Bezeichnung “private club” wird in zahlreichen Clubs sehr strikt ausgelegt; für Gastspieler öffnen sich die Tore zum Clubgelände vielfach “nur in Begleitung von Mitgliedern”. Allerdings bieten auch zahlreiche Public Courses Golfvergnügen auf hohem Niveau – und für überraschend kleines Geld; beispielsweise der Shawnee Golf Course unmittelbar am Ufer des Ohio River oder der wenige Meilen südlich gelegene Iroquois Park Golf Course. Beide nach einheimischen Indianerstämmen benannten Clubs heißen Gäste für ein nahezu symbolisches Greenfee von gerade mal zehn oder zwölf Dollar willkommen.
Wir haben Glück und dürfen mit einheimischen Freunden den Platz des privaten Standard Golf Club erkunden – und die erfreuliche Erfahrung machen, daß der von Robert B. Harris Anfang der 50er Jahre entworfene Kurs wenige Meilen östlich von Louisville sehr viel herausfordernder ist, als es sein eher langweiliger Club-Name vermuten läßt – alles Andere als “Standard”. Und weil wir jemanden kennen, der jemanden kennt, erhalten wir auch eine Einladung in den vornehmen innerstädtischen Big Spring Country Club, der 2026 sein 100jähriges Bestehen feiert.
Der “Urvater aller Cocktails”
Eine Runde auf dem exzellent gepflegten Golfkurs zwischen den idyllischen, gutbürgerlichen Wohnvierteln St. Matthews und Kingsley gleicht einem Spaziergang durch einen großartigen Stadtpark, der augenscheinlich die ganze Palette der in Kentucky heimischen Laubbäume und Nadelgehölze präsentieren möchte - von Ahorn und Eichen über Rosskastanien und Walnussbäumen bis zu Hemlocktannen, Virginischem Wacholder und Zypressen.
Fast noch größer ist freilich die Auswahl an indigenem Hochprozentigem an der Bar im aristokratisch anmutenden Clubhaus; spätestens hier wird klar, warum Louisville auch auf den Beinamen “Bourbon City” hört: gut 90 Prozent allen auf der Welt konsumierten Bourbon-Whiskeys wird in Kentucky gebrannt. Und auch der berühmte “Urvater aller Cocktails”, der “Old Fashioned”-Cocktail auf Bourbon-Basis, wurde – logisch! – in Louisville erfunden.
Besucheransturm im Muhammad Ali Center
Doch allzu ausgeprägt sollte die Whiskey-Pause nicht ausfallen; denn es gibt in der Stadt noch eine Menge zu entdecken. Obwohl Louisville – inklusive diverser Vorstädte – nur wenig mehr als eine halbe Million Einwohner zählt, gilt es als eine der kulturell und historisch interessantesten Städte der USA, und in mancherlei Hinsicht kann die Stadt am Ohio-River sogar von sich behaupten: “I am the greatest!” So richtet sich das Muhammad Ali Center, eines von zahlreichen einzigartigen Museen im Stadtzentrum, im kommenden Frühjahr und Sommer auf Rekord-Besucherzahlen ein; denn am 3. Juni jährt sich der Todestag der 1942 als Cassius Clay in Louisville geborenen Boxlegende zum zehnten Mal.
Das Museum mit dem riesigen Muhammad Ali-Porträt an der Fassade zeichnet die einzigartige sportliche Karriere des berühmtesten Box Champion aller Zeiten mit einer eindrucksvollen multimedialen Ausstellung inklusive eines nachgebauten Boxrings nach. Doch es würdigt auch das Wirken Muhammad Alis als Bürgerrechtsaktivist und Philantrop; so beleuchtet das Center auch die Geschichte der Rassendiskriminierung und der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung.
Viele Muhammad Ali Fans zieht es anschließend zum Cave Hill Cemetary, wo ihr Idol seine letzte Ruhe fand – wie auch viele andere Prominente, die in Louisville bleibende Spuren hinterlassen haben. Wie zum Beispiel der Fastfood-Pionier Colonel Sanders, der das Kentucky Fried Chicken erfunden hat – das Headquarter des Konzerns ist selbstredend in Louisville – und dessen Konterfei bis heute die KFC-Verpackungen schmückt. Oder die legendären Schwestern Patty und Mildred Hill, die das weltberühmte “Happy Birthday”-Lied schufen.
Pferderennen, Flugschau und Raddampfer
Dieser laut Guinness World Records bekannteste aller englischsprachigen Songs wird im Herbst mit Sicherheit auch im historischen Brown Hotel an Louisvilles West Broadway ertönen; eine komplette Festwoche lang feiert die Stadt im Oktober das 100jährige Jubiläum des nationwide berühmten “Hot-Brown-Sandwich”, das mit geröstetem Truthahn, Speck und Tomatenscheiben belegt und dann mit einer cremigen Mornay-Soße goldbraun überbacken wird.
Dieses ikonische Sandwich ist auch ein Bestseller in vielen Golf-Clubhaus-Restaurants rund um Louisville – und bei den zehntausenden Besuchern des Kentucky Derby, des alljährlich Anfang Mai stattfindenden wichtigsten Pferderennens der USA. Oder auch beim “Thunder over Louisville”, einer gigantischen Flugschau des amerikanischen Militärs Mitte April, begleitet von zahlreichen Open-Air-Events in der ganzen Stadt und dem größten alljährlichen Feuerwerk ganz Nordamerikas im Waterfront Park am Ohio River.
Zuviel der Action? Dann buchen Sie doch, wann immer es Sie in die größte und spannendste Stadt Kentuckys verschlägt, eine River Cruise auf der Belle of Louisville. Der historische Raddampfer mit Baujahr 1914 ist ein Garant für Entschleunigung und “Feelings of the good old times”, und er hält, was der Name verspricht: Das alte Schiff ist eine echte Schönheit – genau wie die historische Altstadt von Louisville und dessen an Golfplätzen und vielen anderen Attraktionen reiche Umgebung. Schönes Spiel!
Die ganze Geschichte erzählt die neueste Episode des Golfreise-Podcasts “Ever-Greens” unseres Autors Wolfgang Weber.








