„Mit dem Gewehr treffe ich deutlich besser“
Wiesbadener Golf-Club, ein Freitag im April. Der erste Ball ist flach, gesliced und bleibt viel zu kurz. Jonas Hüttner verfolgt die Flugbahn mit einem Lachen, dann senkt er den Blick, atmet durch und richtet sich neu aus. Eine Reaktion, die er jeden Tag trainiert. Nur dass es sonst um Millimeter geht – und nicht um Fairwaytreffer.
Doch an diesem Nachmittag trainiert der 19-jährige Sportschütze nicht im gewohnten Bundesstützpunkt des Deutschen Schützenbundes (DSB), sondern rund 500 Meter weiter stadtauswärts im Wiesbadener Golf-Club. Der Weg zwischen beiden Sportstätten ist kurz, der Perspektivwechsel umso größer.
Neben ihm stehen sechs weitere Athleten aus dem Junioren-Nationalkader der Gewehrschützen auf der Driving Range: Hannah Anastasiadis, Annabelle Lotter, Lenja Möller, Finnja Rentmeister, Alexander Karl und Marlon Feldhaus.
Zusammen bilden sie eine Trainingsgruppe, die an diesem Tag bewusst aus der gewohnten Umgebung herausgeführt wird. Begleitet werden die Junioren des DSB von der verantwortlichen Bundestrainerin Claudia Kulla und Assistenztrainer Lars Walker.
Die beiden Coaches stehen etwas abseits und beobachten die ersten Schwünge. Ein sauber getroffener Ball, ein misslungener Versuch, höchste Konzentration – alles wird registriert.
„Der Schießsport und Golf ähneln sich in überraschend vielen Elementen“, sagt Claudia Kulla, deren Mann selbst begeisterter Golfer ist. In beiden Sportarten gehe es um eine gute Auge-Hand-Koordination, am Ball wie am Schießstand seien innere Ruhe und Konzentration gefragt – und bei Schützen wie bei den Golfern stehe das Training von möglichst wiederholungsgenauen Bewegungsabläufen im Vordergrund. „Genau deshalb“, unterstreicht die Diplom-Psychologin, „haben wir uns für einen Tag im Golfclub entschieden.“ Die jungen Schützen sollen etwas für ihr eigenes Metier mitnehmen, gemeinsam Spaß haben und eine für sie neue Sportart entdecken.
Spaß haben die jungen Leute der Jahrgänge 2006 bis 2009: Es wird viel gelacht und gealbert, doch je länger der Schnupperkurs dauert, desto mehr steigt der Ehrgeiz – und der Ausflug auf die Driving Range entwickelt sich zum Härtetest. Manche Bälle werden getoppt, gefettet, kaum berührt. Nichts ist identisch, kaum etwas lässt sich exakt reproduzieren. Für Athleten, die darauf trainiert sind, jeden Handgriff, jeden Atemzug zu standardisieren, eine echte Herausforderung.
Der ungewohnte Sport verlangt nicht nur die tausendfach geschulte Konzentration, sondern auch ein ganz neues Gespür für Koordination, Timing und Bewegungsdynamik. „Golf ist schwieriger und anstrengender als ich dachte. Mit dem Gewehr treffe ich deutlich besser“, betont Jonas Hüttner.
Lars Dittmar, Clubmanager des Wiesbadener GCs, greift immer wieder helfend ein. Als ausgebildeter Golflehrer führt er durch die Einheit, korrigiert Griff, Haltung, Rhythmus. „Den perfekten Treffer wollen beide“, sagt er, „Golfer und Schützen. Nur macht Golf aus dem Vorhaben eine längere Geschichte. Man merkt aber sofort, dass hier geschulte Sportler schwingen. Für das erste Mal Golf sind sie richtig gut!“
Nach zwei Stunden stehen Alexander, Hannah, Annabelle, Lenja, Jonas, Finnja und Marlon immer noch auf der Range. Die Schwünge werden ruhiger, die Kontakte sauberer.Den letzten Schlag macht Jonas Hüttner. Kein perfekter Schwung, aber ein deutlich besserer als zu Beginn. Er schaut kurz nach, nickt leicht und entdeckt noch einen Ball im Rough. Diesmal fliegt er weit und gerade.
(Text/Bilder: Lars Rosmanith)







