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Relikt aus der deutschen Kaiserzeit: Das „Olympiastadion“ in Slubice. | © W.Weber

Golf und Olympia im Grenzbereich

+++ Berlin, so haben es der Regierende Bürgermeister Kai Wegner und sein Senat angekündigt, bewirbt sich als Austragungsort der Olympischen Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044. Die Bundeshauptstadt will damit eine Sportgeschichte fortschreiben, die deutlich älter ist, als die meisten Berliner wissen: Schon 20 Jahre vor den nazi-braun gefärbten Spielen von 1936 sollte ursprünglich die Flagge mit den Olympischen Ringen an der Spree wehen; doch die für 1916 geplanten Spiele wurden ein Kollateralschaden des Ersten Weltkriegs. Spuren davon sucht man in Berlin selbst vergeblich. Fündig wird man hingegen gut 100 Kilometer weiter östlich. Kommen Sie mit auf einen Ausflug ans östliche Oder-Ufer - und in ein längst vergessenes Kapitel deutscher Sportgeschichte. +++

Es gibt Rekordmarken, die braucht kein Mensch. Kaspar Frey, der Präsident des „Golfclubs an der Oder“, etwa könnte auf den einen oder anderen Superlativ, der seinem Club anhaftet, gut und gerne verzichten. In Frankfurt/Oder beheimatet, ist er notabene der östlichst gelegene und zugleich mitgliederschwächste aller dem Landesgolfverband Berlin-Brandenburg angeschlossenen Clubs. 

 

Wenn die Frankfurter Golfer ihrem Hobby auf ihrem „heimatlichen“ Golfplatz frönen wollen, müssen sie noch ein paar Kilometer weiter nach Osten fahren, auf der Stadtbrücke die Oder überqueren und die seit 2024 wieder verschärften deutsch-polnischen Grenzkontrollen passieren. Denn ihre Spielstätte ist die „Debowa Polana“ - zu Deutsch „Eichenlichtung“ - am südlichen Stadtrand der Nachbarstadt Slubice. Die Nutzung des in der östlichen Oder-Niederung gelegenen 9-Loch-Platzes teilt sich Kaspar Freys Frankfurter Club mit dem polnischen Nachbarclub Slubickie Pole Golfowe. 

 

Der östlichste deutsche Golfclub fristet schon seit der Gründung vor knapp zwei Jahrzehnten ein recht bescheidenes Dasein - auch für die meisten Golfer im eigenen Landesverband hart an oder gar unterhalb der Wahrnehmungsgrenze. Der 2007 eröffnete Golfplatz in der Oder-Niederung auf der polnischen Flußseite war ursprünglich eine dänische Gründung. DieInvestoren, ein Vater-Sohn-Duo aus dem Land der Wikinger, hatten optimistisch auf einen großen Golfboom im deutsch-polnischen Grenzgebietspekuliert. Als der ausblieb, machten sie sich eines Nachts, mitten in der Saison 2011, überstürzt und abschiedslos vom Acker. Zurück blieben eine führungslose Golfanlage und jede Menge unbeglichener Steuerschulden. 

Mitgliederzahl schrumpft

Das kommunale Slubicer Sport- und Erholungszentrum SOSIR übernahm notgedrungen das finanziell ziemlich marode Erbe; und man kann dessen damaligem Geschäftsführer absolut nicht vorwerfen, kein Herz für den Golfsport gehabt und die Spielstätte stiefmütterlich behandelt zu haben: Zbigniew Sawicki geht bis heute mindestens einmal wöchentlich selbst mit geschultertem Golfbag auf die Runde in der Debowa Polana. 

 

Bisweilen ist er dort mutterseelen-allein unterwegs. Zählte der SlubicerGolfclub vor Corona noch rund 30 aktive Mitglieder, ist deren Zahl seitherum etwa die Hälfte geschrumpft. Und auf der deutschen Flußseite sieht es kaum besser aus: Von etwa 130 Mitgliedern des Golfclubs An der Oder im Jahr 2020 sind bis dato gerade mal 75 geblieben. 

 

Kaspar Frey und ein paar engagierte Mitstreiter bemühen sich nach Kräften, den Abwärtstrend zu stoppen. Der aus dem Rheinland stammende, inzwischen emeritierte Jura-Professor an der deutsch-polnischen Viadrina-Universität in Frankfurt/Oder ist seit Jugendjahren passionierter Hobbygolfer. Seit er vor ein paar Jahren die Clubpräsidentschaft übernahm, ergreift er jede sich bietende Gelegenheit, Nachwuchsgolfer und neue Mitglieder zu gewinnen. Wenn er eine Gruppe Interessenten gefunden hat, verdingt ersich sogar als ehrenamtlicher Golflehrer bei Schnupperkursen auf derEichenlichtung. 

Großes Sportangebot

Und doch ist all dies möglicherweise vergebene Liebesmüh. Denn der an vielen Tagen nur spärlich genutzte, in der Unterhaltung aber vergleichsweise teure Golfplatz steht quasi in hautnaher Konkurrenz zu zahlreichen anderen, zum Teil deutlich intensiver genutzten Sportstätten, um die sich das kommunale Unternehmen SOSIR kümmern muß. Auf dem Gelände gleich hinter dem von überwiegend deutschen Schnäppchenjägern tagtäglich gut besuchten, wuseligen „Basar Slubice“, landläufig auch „Polenmarkt“ genannt, gibt es unter anderem ein Beach-Volleyball-Feld, einen Schießplatz, Minigolfanlage, Tennis- und Turnhalle sowie eine auch von Frankfurter Grenz-gängern gern genutzte Eissporthalle.

 

Über alledem aber erhebt sich ein unübersehbares, wenn auch - trotz seiner monumentalen Größe - westlich der Oder weitestgehend vergessenes Erbe aus deutscher Vergangenheit: der “Olimpik Park Slubice”, in der Vorkriegs-zeit weit über Brandenburg hinaus bekannt als “Ostmarkstadion”. 

Olympia auf Schritt und Tritt

Zwar hat, streng genommen, diese Sportstätte mit den olympischen Ringen ähnlich viel zu tun wie der unmittelbar benachbarte Golfplatz auf der Eichenlichtung mit der PGA Tour oder dem Ryder Cup. Doch hartnäckig halten sich in der Region Legenden, das Fußball-, Leichtathletik- und Schwimmstadion im einstigen Ostteil von Frankfurt/Oder sei für die Olympischen Spiele 1936 in Berlin als Ergänzungs-Wettkampfstätte oder als Trainingscamp für die deutschen Olympioniken geplant gewesen. 

 

Die polnischen Sportstätten-Vermarkter setzen jedenfalls konsequent aufdie besondere Zugkraft des Namenszusatzes „Olimpik“ und benutzen ihn geradezu inflationär für das Stadion, das unmittelbar an die Laufbahn angrenzende Freibad „mit olympischem Schwimmbecken“ und auch fürs benachbarte, vor wenigen Jahren frisch aufgemöbelte Sporthotel ausjüngerer Zeit. Olympia auf Schritt und Tritt - auch wenn sich die Fans der Ringe dabei, historisch gesehen, ein wenig vergaloppiert haben - immerhin um zwei volle Jahrzehnte.  

 

Viele Besucher halten die 2003 aufwendig renovierte, heute rund 7.000 Sitzplätze umfassende Tribüne mit ihren trutzigen, aus massiven Bruchsteinen gemauerten Rundbogen-Kolonnaden und Arkaden-Gängen in der Tat für ein architektonisch passendes Relikt aus der NS-Zeit. Doch in Wahrheit ist die ziemlich aus der Zeit gefallene und für eine Kleinstadt wie Slubice krass überdimensioniert erscheinende Sportstätte noch um Einiges älter. 

Kopie des kaiserlichen Stadions

An ihr gebaut wurde schon ab 1914 und dann, nach einer kriegsbedingten mehrjährigen Unterbrechung, wieder in den zwanziger Jahren, nach Plänen des Frankfurter Baustadtrats Otto Morgenschweis. Der städtische Spitzenbeamte hielt sich bei seinem Projekt preußisch korrekt an eine Blaupause aus der nur 100 Kilometer entfernten Reichshauptstadt: Sportliches Vorbild war das 1913 von Kaiser Wilhelm II. eröffnete “Deutsche Stadion” im Westen Berlins. 

 

Mit seinen rund 40.000 Zuschauerplätzen war diese Arena vorgesehen als zentrale Wettkampfstätte für die Olympischen Sommerspiele 1916. Doch dazu kam es nicht: Statt im friedlichen sportlichen Wettbewerb um Medaillen wettzueifern, schlugen sich mittlerweile die Nationen in Mitteleuropa gegenseitig die Köpfe ein. Die Olympischen Spiele von Berlin wurden zum Kollateralschaden des Ersten Weltkriegs. 

 

Berlin verpaßte damals - 20 Jahre nach den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit 1896 in Athen - eine ganz besondere Premiere: „Spree-Athen“ wäre Gastgeber der ersten Spiele im Zeichen der fünf miteinander verbundenen Ringe gewesen; denn dieses neue offizielle Symbol der Olympischen Spiele hatte deren Erfinder, der Franzose Pierre de Coubertin, erst 1913 entworfen. Die Flagge mit den die fünf Kontinente symbolisierenden Ringen wehte dann erstmals 1920 im belgischen Antwerpen. 

Zu klein für die Spiele 1936

Als Berlin mit zwei Jahrzehnten Verspätung endlich Olympiastadt wurde, war das kaum zu sportlichen Ehren gekommene Deutsche Stadion nur noch eine verblaßte Fußnote der Geschichte. Für die gigantische Propaganda-Show, als die die neuen braunen Herrscher die Olympischen Spiele von 1936 nutzen wollten, war das Stadion aus der Kaiserzeit im Stadtteil Charlottenburg ein bis zwei Nummern zu klein geraten. Es wurde kurz nach der Machtergreifung Hitlers geschleift und an gleicher Stelle durch das riesige neue Olympiastadion ersetzt - und geriet in der Berliner Stadthistorie, wie die ausgefallenen Spiele selbst, vollends in Vergessenheit.

 

Die kleine Kopie des „Deutschen Stadions“ am Ostufer der Oder hingegen wurde in den zwanziger Jahren vollendet und überstand in der Folgezeit weitgehend unbeschadet alle Irrungen und Wirrungen des 20. Jahrhunderts.Freilich waren die Zuschauerränge des Frankfurter Stadions schon in den Anfangsjahren nur bei seltenen Anlässen gut gefüllt, etwa bei der “Ostmarkschau für Gewerbe und Landwirtschaft“, die 1924 an mehreren Tagen insgesamt über 50.000 Besucher in das damals noch unvollendete Stadion lockte, sowie bei einem Brandenburgischen Kreissportfest 1930.

 

Und ein drittes Mal beim Besuch eines weithin bekannten Gastrednersweitere zwei Jahre später: 1932, kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten und dem Beginn ihres unseligen „Tausendjährigen Reichs“, soll ein gewisser Adolf Hitler im Ostmarkstadion bei einer NSDAP-Wahlkampf-Veranstaltung in gewohnter Manier ins Mikrofon gebellt haben - zynischerweise am Fuß der „Judenberge“, damals so genannt wegen eines nahe gelegenen alten jüdischen Friedhofs in den sanften Hügeln oberhalb der Oder-Wiesen. Jetzt nennt man sie die Kleisthöhe, und der unlängst neu errichtete, 30 Meter hohe Kleist-Aussichtsturm bietet einen wunderbaren Panoramablick über die Oder-Niederung, den Fluß und die beiden Schwesterstädte am linken und rechten Ufer. 

Olympiabecken als Freibad

Heute geht es in dem beeindruckenden Stadion-Oval weitaus ruhiger zu. Und es wirkt um etliche Nummern zu groß geraten für den örtlichen Leichtathletik-Verein LKS Lubusz und den Fußball-Regionalligisten Polonia Slubice, deren sportliche Aktivitäten sich in aller Regel vor einer sehr überschaubaren Zuschauerkulisse abspielen. Am besten besucht sind noch die alten „olympischen“ Schwimmbecken, die jahrzehntelang in den Sommermonaten den Slubicern als Freibad im doppelten Sinne dienten: das Schwimmen und Planschen dort war stets ohne Eintrittsgelder möglich. 

 

Seit 2021 freilich ist das Schwimmbad geschlossen. Die dringend notwendige Generalsanierung der Rohrsysteme und der Becken-Böden sollte eigentlich schon im Sommer 2024 fertig sein; doch die beauftragte Baufirma erwies sich als überfordert. Ob die Slubicer und Frankfurter Wasserfrösche im nächsten Sommer hier endlich wieder ins Wasser springen und die geplanten neuen Nackenmassage-Duschen genießen können, ist mehr als ungewiß.

 

Besser voran geht es mit anderen Modernisierungs-Arbeiten im alten Stadion: Die Tartan-Laufbahn wurde ebenso erneuert wie die Kugelstoß-, Weit-, Hoch- und Stabhochsprung-Anlagen sowie die Stadionbeleuchtung. Rund zwei Millionen Euro stecken SOSIR und das polnische Ministerium für Sport und Tourismus in die Renovierung. Und damit nicht genug: Derzeit wartetein Antrag aus Slubice beim Ministerium für Kultur und Nationales Erbe in Warschau auf die Genehmigung; von dort sollen die Mittel kommen für die notwendige Renovierung der historischen Arkaden im Stadion. 

100jähriges Jubiläum steht an

“Wir hoffen sehr”, ließ sich SOSIR-Direktorin Anna Szmyt-Szymczak kürzlich in der in Frankfurt erscheinenden Märkischen Oder-Zeitung zitieren, “daß wir 2027 nach Abschluß der Renovierungsarbeiten gemeinsam das 100. Jubiläum des Olympiastadions in Slubice feiern können.” Vielleicht bekommen Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner und sein Senat dazu ja eine Einladung und können sich schon mal einen Vorgeschmack holen auf Feierlichkeiten im Zeichen der olympischen Ringe.

 

All das verringert freilich nicht die Sorgen der Golfer links und rechts der Oder um Kaspar Frey und Zbigniew Sawicki. Letzterer mußte, als er noch zuständig war, nüchtern konstatieren: “Sport und Kultur sind grundsätzlich nicht rentabel.” Um zu verhindern, daß SOSIR mit dem großen Erholungs- und Sportzentrum allzu tief in die roten Zahlen rutschte, überließ der Stadtkämmerer der Betreibergesellschaft die Einnahmen eines kleinen Teils des “Polenmarkts” inklusive eines Restaurants und einer Tankstelle. 

 

Doch es half alles nichts. Vor ein paar Jahren  verkaufte die Stadt einen Teil ihres “Olimpic Park” an den Großunternehmer Janusz Chmiel. Der verdient seine Brötchen mit Hotels, Lebensmittel-Handel und als Immobilien-Entwickler. Jetzt betreibt er auch das Olimpik-Sporthotel und den Golfplatz. Und die ”Debowa Polana” setzt unter seiner Führung das fort, was sie schon seit etlichen Jahren tut: sie schrumpft.

Ungewisse Zukunft

Im Grunde hat sich die Spielwiese in der Oderniederung längst den Titeleines “Metamorphosen-Weltmeisters des Golfsports” redlich verdient.Wohl kein anderer Golfplatz wurde schon so oft umgemodelt, neu vermessen und vom polnischen Golfverband immer wieder neu geratet. Mal stand beim Angolfen im Frühling eine Tennishalle dort, wo im Herbst zuvor noch dieerste Bahn verlaufen war. Mal mußte die eine oder andere Bahn zugunsten anderer, lukrativerer Nutzungen verkürzt oder verschmälert werden. 

 

Nahezu ein Drittel ihrer ursprünglichen Fläche hat die “Debowa Polana” in den vergangenen Jahren bereits eingebüßt. Und hinter der Frage, ob es den bislang bestehenden 9-Loch-Platz mit je vier Par-3- und Par-4-Löchern und einem - freilich recht kurzen - Par-5-Loch noch lange geben wird, stehen gleich mehrere Fragezeichen.  

 

So kündigte Slubices Bürgermeisterin Marzena Slodownik unlängst den Bau einer neuen Eissporthalle an, die außerhalb der Wintermonate auch für das bei Jugendlichen populäre Inline-Skating genutzt werden soll. Ob dafür wieder ein Stück Golfplatz dran glauben muß, steht noch dahin. 

 

Böte Janusz Chmiel statt des bestehenden Golfplatzes nur noch einen als “Golf-Akademie für Jugendarbeit” ausgewiesenen Kurzplatz an, würde das seinem Unternehmen nach geltendem polnischen Steuerrecht einen guten Teil der bislang jährlich anfallenden Grundsteuer einsparen. Und noch weitaus verlockender für den erfolgreichen Geschäftsmann wäre die Umwandlung der “Debowa Polana” in Bauland. Schließlich gilt Slubice schon seit langem als eine der wohlhabendsten und am schnellsten wachsenden Kommunen in ganz Westpolen. Wird sich die Stadt irgendwann auch nach Süden ausdehnen?

 

Professor Dr. Kaspar Frey, der Präsident des östlichsten deutschen Golfclubs, ist weit davon entfernt, die Flinte ins Korn zu werfen. Immerhin hat er eine mündliche Zusage von Janusz Chmiel, daß die Frankfurter und die Slubicer Golfer auch in der nächsten Golfsaison ihrem geliebten Sport auf der Eichenlichtung frönen können. Und daß Sportanlagen am rechten Oder-Ufer einen sehr langen Atem haben können, zeigt ja der unmittelbare Nachbar in beeindruckender Weise: Das “Olympiastadion in Slubice” hat schon ganz anderen Krisen und Stürmen getrotzt. Und aller Voraussicht nach wird es noch bestehen, wenn auch die nächsten Olympischen Spiele im nahen Berlin schon längst Historie sind…

Die ganze Geschichte erzählt die neueste Episode des Golfreise-Podcasts “Ever-Greens”. Den Podcast unseres Autors Wolfgang Weber finden Sie überall, wo es gute Podcasts gibt.

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