Sonya Knebel: Long Drive trotz Long Covid
Der erste Ball war kein Drive über 300 Meter. Es war ein halber Schlag auf der Driving Range. Mehr ließ ihr Körper im August des vergangenen Jahres nicht zu. Trotzdem ist dieser Moment für Sonya Knebel bis heute einer der wichtigsten. „Ich habe irgendwann Freudentränen bekommen. Es ging so lange nicht und plötzlich konnte ich wieder einen Ball schlagen“, erinnert sich die 29-jährige Long-Drive-Spezialistin. „Ich habe mich gefühlt wie ein kleines Kind, das zum ersten Mal wieder laufen lernt.“
Aus ein paar lockeren Schlägen wurden später einzelne Löcher. Erst mit dem Cart, irgendwann wieder zu Fuß. Für Knebel war das kein gewöhnliches Golftraining, sondern ein Zeichen, dass ihr Körper langsam wieder mitspielte. Dabei liegt ihr bislang größter sportlicher Erfolg noch gar nicht lange zurück.
Bronze trotz Krankheit
2024 gewann die Deutsche Bronze bei der Long-Drive-Weltmeisterschaft – ihr Drive flog über 320 Meter weit. Was nach außen wie der Durchbruch wirkte, war in Wahrheit das Ergebnis einer Saison, in der sie bereits mit gesundheitlichen Problemen kämpfte. „Am meisten stolz bin ich auf meine Energiemanagement-Skills und meine Taktik“, sagt die ehemalige bayerische Meisterin der Altersklasse 18 heute. Zwischen den Wettkämpfen zog sie sich ins abgedunkelte Hotelzimmer zurück, um Energie zu sparen. Im Wettkampf verzichtete sie bewusst auf das letzte Risiko. „Ich wusste, dass das Grid sehr schwierig ist. Deshalb habe ich mich eher auf eine Art Fairway Finder konzentriert. Der war am Ende mehr wert als der längste Ball.“
Die ersten Warnsignale hatte Knebel bereits nach der Europameisterschaft 2023 bemerkt. Nach Trainingseinheiten erholte sie sich kaum noch und gleichzeitig häuften sich die Infekte. Trotzdem trainierte sie weiter, arbeitete parallel in ihrem Beruf und suchte nach einer Erklärung. „Long Drive hat mir einfach unglaublich viel Spaß gemacht. Ich hatte plötzlich Sponsoren. Ehrlicherweise wusste ich aber lange gar nicht, was mir eigentlich fehlt.“
Erst später erhielt sie Diagnosen, die ihre Beschwerden erklärten. Nach eigenen Angaben leidet sie an einer durch das Epstein-Barr-Virus ausgelösten ME/CFS-Erkrankung, einer schweren neuroimmunologischen Krankheit, sowie an Long Covid und einer anhaltenden Fehlregulation des Immunsystems. Hinzu kommt eine mitochondriale Dysfunktion, durch die ihre Körperzellen Sauerstoff nicht mehr effizient in Energie umwandeln können. An strukturiertes Training war zeitweise kaum zu denken.
Umso bemerkenswerter sind ihre Erfolge: Den Europameistertitel 2023 und die Bronzemedaille bei der Weltmeisterschaft 2024 gewann Knebel eigenen Aussagen zufolge in einer Phase, in der ihr Körper die Belastungen des Leistungssports kaum noch verkraftete.
Der Weg zurück
Monate nach der WM verschlechterte sich ihr Zustand weiter. Im Frühjahr 2025 erreichte er seinen Tiefpunkt: „Ich habe mich eigentlich nur vom Bett zur Couch und ins Bad bewegt“, erzählt sie. „Haarewaschen war fast schon eine Tagesaufgabe.“
An Sport war damals nicht zu denken. „Ich wusste nicht, ob ich irgendwann wieder normal gehen kann oder mein Gedächtnis zurückbekomme. Leistungssport war für mich eine Utopie.“ Heute bestimmt Disziplin ihren Alltag – allerdings nicht auf der Driving Range, sondern vor allem daneben. Sie kocht nach eigenen Angaben täglich frisch und entzündungshemmend, verzichtet konsequent auf Fertigprodukte und betrachtet Ernährung als Teil ihrer Therapie. Selbst an schlechten Tagen geht sie spazieren. Hinzu kommen Meditation, eine tägliche Rotlichttherapie sowie ein umfangreiches Supplementprogramm, das sie selbst finanziert. „Was ich esse, ist Medizin.“
Allein im vergangenen Jahr investierte sie mehr als 30.000 Euro in Behandlungen. Viele dieser Therapien werden von den gesetzlichen Krankenkassen nicht übernommen. Deshalb hat sich Knebel entschieden, ihre Geschichte öffentlich zu machen und über eine Crowdfunding-Kampagne Unterstützung zu suchen. „Es war sehr schwer, aber gleichzeitig auch sehr leicht“, sagt sie rückblickend. „Ich wusste, dass dies meine letzte Option war, um überhaupt die Chance zu haben, wieder komplett gesund zu werden.“ Die Resonanz überraschte sie: „Es haben sich unglaublich viele Menschen gemeldet – Betroffene, Angehörige oder Menschen, die jemanden kennen. Viele haben mir Tipps zu Ärzten und Behandlungen gegeben. Dafür bin ich bis heute sehr dankbar.“
Golf spielt auf ihrem Weg zurück eine besondere Rolle. „Golf gibt mir Lebendigkeit, Freiheit und Freude am Spiel. Es ist die Zeit draußen, in der ich alles andere vergessen kann und wieder ein Stück meiner selbst bin.“ Inzwischen kann Knebel an guten Tagen wieder 18 Löcher zu Fuß spielen. Sie beobachtet ihren Belastungszustand genau und orientiert sich dabei unter anderem an Ruhepuls und Stresswerten, um einschätzen zu können, wie viel ihr Körper zulässt.
Das Ziel bleibt die WM
Die vergangenen Jahre haben ihre Sicht auf vieles verändert. „Wenn jede Entscheidung nicht mehr eine Frage des Wollens, sondern der Energie ist, wird man sehr konsequent.“ Sie freut sich heute über Dinge, die früher selbstverständlich waren: einen Spaziergang, einen Sonnenstrahl oder einfach einen guten Tag. „Es ist mir viel weniger wichtig geworden, was andere von mir denken. Ich weiß heute viel besser, was ich will – und was nicht.“
Ans Aufgeben habe sie dennoch nie gedacht. „Aufhören war für mich noch nie eine Option.“ Stattdessen richtet sie ihren Blick nach vorne. Ihr großes Ziel ist die Long-Drive-Weltmeisterschaft 2027: „Ich bin damals schon krank zu meinen ersten Wettkämpfen gefahren und konnte eigentlich nie richtig trainieren. Jetzt will ich es einmal richtig machen – und zwar gesund.“







