Brennend für Olympia – 25 Jahre Marcus Neumann beim DGV
Wenn Marcus Neumann von Olympischen Spielen spricht, lächelt er. Dass Golf 2009 in Kopenhagen wieder ins olympische Programm aufgenommen wird, ist für ihn „ein echtes Geschenk“ und der Startpunkt einer Neuordnung des deutschen Golfsports. Seit mehr als 25 Jahren arbeitet der Diplom-Trainer für den Deutschen Golf Verband, erst als Bundestrainer, dann als Sportdirektor und Vorstand Sport. In dieser Zeit hatte er maßgeblichen Anteil daran, den DGV vom klassischen Golfverband zu einem olympischen Spitzensportverband weiterzuentwickeln.
Fußball und Fulford
Neumann ist in Bochum geboren und verwurzelt, sportlich sozialisiert wurde er in Braunschweig. Als Torwart stand er kurz vor einem Profivertrag beim VfL Bochum, bis eine Verletzung bei der letzten Untersuchung den Weg in den Profifußball versperrte. Golf war zunächst Ausgleichssport, kennengelernt in den Schulferien im englischen Sheffield. In Fulford stand der junge Neumann unter jenem Baum, auf den Bernhard Langer kletterte und vor seinen Augen den legendären Schlag spielte – die Initialzündung seiner Golfleidenschaft. Nach dem Studium in Bonn folgte die Golflehre im GC Juliana, später war Neumann viele Jahre Teaching Pro und Head-Pro im Bochumer GC. Die Arbeit an der Basis prägte ihn. An der Trainerakademie in Köln lernte er im Austausch mit anderen Sportarten, wie Hochleistungssport funktioniert und baute mit Heiner Langenkamp, Michael Terwort, Anne Dinser und Christian Marysko ein Team auf, das junge Sportler gezielt förderte. Die Erfolge stellten sich nach und nach ein, in jedem Jahr wurden wertvolle Erfahrungen gewonnen.
2000: Bundestrainer
Im Jahr 2000 holte der DGV den PGA Professional als Bundestrainer der Damen. Golf war nicht olympisch, Amateur- und Profibereich waren strikt getrennt, der Sprung von den Nationalkadern auf die Tour war brutal groß. Neumann versuchte, seine Spielerinnen konzeptionell und mit viel Gespür auf diesen Schritt vorzubereiten. Zwischen 2000 und 2012 prägte er die deutsche Damen-Nationalmannschaft mit Europameistertiteln, Medaillen und Topplatzierungen bei Team-Europameisterschaften mit Spielerinnen wie Caroline Masson, Nico Rössler, Lara Katzy, Pia Halbig, Thea Hoffmeister, Sophia Popov und Valerie Sternebeck. Hinzu kamen Siege und Medaillen bei internationalen Einzelturnieren wie den Spanish Ladies, bei denen Deutschland 2007 alle vier Halbfinalistinnen stellte, sowie eine Finalteilnahme bei den US-Women’s Amateurs mit Katharina Schallenberg.
Golf ist mehr als ein technisch guter Schwung
Neumann erkannte früh, wie wichtig Trainingssteuerung, Wettkampfplanung, Anreiseorganisation und Teambildung sind. Team-Weltmeisterschaften wurden zu Meilensteinen: 2002 in Malaysia war vieles neu, 2012 in der Türkei wurden die deutschen Damen hinter dem favorisierten Team aus Südkorea Vizeweltmeister. Für diese Arbeit zeichnete die PGA of Germany Marcus Neumann 2012 als „PGA Teacher of the Year“ aus. Erstmals erhielt ein reiner Teamcoach diese Auszeichnung. Die langjährige Physio- und Athletikbetreuerin Anne Dinser hebt in der Rückschau seine Einfühlsamkeit, Fachkompetenz und die von ihm geschaffenen Rahmenbedingungen hervor, in denen Spielerinnen sich entwickeln und Träume formulieren können. Sie erinnert sich an die Abschlussfeier einer EM in Schweden, als das Team verkleidet eine verrockte Version von „Pippi Langstrumpf“ aufführte, Neumann als „Polizist Kling“ Luftgitarre spielte und trotz des eher enttäuschenden neunten Platzes der Teamgeist stärker wirkte als das Ergebnis.
2012: Sportdirektor
Im Oktober 2012 berief das DGV-Präsidium Marcus Neumann zum Sportdirektor, ab Januar 2013 wurde er zudem Vorstand Sport. Für ihn hatte sich jedoch bereits 2009 mit der IOC-Entscheidung in Kopenhagen, Golf wieder olympisch zu machen, alles komplett gedreht. Der Verband sollte zum olympischen Spitzensportverband werden, mit einer Sportkonzeption und der DGV-Rahmentrainingskonzeption, die sportartübergreifend und auch international Beachtung findet. In dieser wird für die Trainer der mögliche Weg für optimales Training vom Kleinkind bis zum Hochleistungssportler beschrieben. Zudem wurden Wettkampfstrukturen überarbeitet, Kaderwege neu definiert und die Trennung von Amateur- und Profibereich aufgebrochen. Die Integration von Professionals ins Fördersystem ist eine fundamentale Änderung, die bedingt durch die Aufnahme in die olympische Familie in seiner Amtszeit betrieben wurde: Mit Partnern wie Rainer Goldrian von der PGA of Germany und den Landesverbänden entstanden durchgängige Linien vom Breitensport über Nachwuchs- und Leistungssport bis hin zum Profibereich. Meilensteine für junge Profis sind Turniere der Profis, bei denen der DGV sich einbringt, vor allem auf der heute HotelPlanner Tour genannten zweiten Liga der Profis, die für etliche Deutsche Sprungbrett für die DP World Tour war, sowie beim einzigen Turnier der LET auf deutschem Boden, den Amundi German Masters, wo deutsche Talente sich mit den Granden der Tour messen können.
Das System von der Breite zur Spitze
Als Scharnier zwischen Breite und Spitze entwickelte sich unter Neumanns Verantwortung die Deutsche Golf Liga (DGL) zu einer Galionsfigur des Leistungssports: Clubs werden systematisch eingebunden, Profis treten an der Seite von Amateuren an, der Übergang vom Breitensport zum Leistungs- und Spitzensport wird als Teamsport gelebt. Gleichzeitig etablierte der Vorstand Sport Deutsche Meisterschaften in allen Altersklassen leistungsorientiert Vom Nachwuchs über Männer, Frauen, Senioren bis zu den Behinderten. Eine gesunde Leistungssportkultur bedeutet für ihn, alle Bereiche in der Waage zu halten: Ohne Jugend keine olympischen Erfolge, ohne ältere Athleten kein solides Fundament zur Finanzierung der Jugendförderung.
Sein Mantra lautet: „Alles hängt mit allem zusammen.“ Weil der Club im Zentrum steht, wurde auch die Rahmentrainingskonzeption von dort aus gedacht. Aus dem In- und Ausland und aus anderen Sportarten kamen Anfragen zum systemischen Leistungsaufbau; Trainerinnen und Trainer finden darin Leitlinien für jede Entwicklungsphase. Der nächste Schritt ist eine Neuauflage der Konzeption mit Einbindung von Künstlicher Intelligenz, mit deren Hilfe Trainer Trainingspläne entwickeln sollen, die die DGV-Grundsätze altersgerecht und situationsorientiert berücksichtigen.
Sportförderung als Anerkennung
Gemeinsam mit seinem Team gelang es Neumann, Golf in der olympischen Sportwelt und beim DOSB so zu verankern, dass der DGV den Status eines regulären Spitzensportverbandes erreichte. Damit wurde eine neue Qualität der Förderung möglich, die auch junge Athleten einschließt, die den Schritt ins Tourleben wagen. Zugleich wurden Qualitätsmanagement in Landesgolfverbänden und Clubs zu zentralen Förderinstrumenten. „Wir fördern und fordern“, sagt Neumann. Der DGV bindet die Ebenen unterhalb des Bundes ein und macht sie mitverantwortlich für die sportliche Entwicklung. Programme wie „Jugend trainiert für Olympia“ und „Abschlag Schule“ machen Schülerinnen und Schülern Golf zugänglich und tragen die Sportart gleichzeitig in die Familien.
Wissenschaftlich
Von Beginn an trieb Neumann den Aufbau eines sportwissenschaftlichen Beirats voran, um Wissen aus der Forschung für den Golfsport nutzbar zu machen. Das DGV-Trainerportal ist ein Wissenspool für Aus- und Weiterbildung, die Trainerausbildung aus einem Guss bildet die Basis für die Entwicklung der Athleten. Nominierungskultur spielt dabei in den unterschiedlichen Kadern ebenso wie bei internationalen Mannschaftsmeisterschaften eine entscheidende Rolle. Entscheidungen senden Botschaften, auch Nichtnominierungen können Impulse setzen. Im Fördersystem folgen Ressourcen klaren sportlichen Kriterien und sollen zugleich Entwicklung ermöglichen.
Sportler durch und durch
Dass er ein „Sportleben“ führt, wie sein langjähriger Weggefährte Stephan Morales betont, macht Neumann zu einem guten Gesprächspartner weit über Golf hinaus. Morales, zunächst Trainer der Mädchen, später Bundestrainer der Frauen und inzwischen Chef-Bundestrainer Frauen beim DGV, erinnert sich an die Einkleidung für die Olympischen Spiele in Rio: Beide strahlten, weil sie erstmals Teil der olympischen Familie waren. Zwölf Jahre später gemeinsam die erste deutsche Golfmedaille feiern zu können, sieht Morales als besonderes Geschenk dieser langen gemeinsamen Reise. Neumann begleitete alle Olympischen Spiele des Golf Team Germany vor Ort. Auch dort, wie auch bei Welt- und Europameisterschaften, verbindet sich für ihn die Perspektive des Systemverantwortlichen mit der des Trainers, der sportliche Vorgänge „lesen“ kann.
Bestätigung für Henseleit und das System
Die Silbermedaille von Esther Henseleit in Paris ist für ihn mehr als der gelochte Putt einer außergewöhnlichen Athletin. Die Falkensteinerin hat den Schlag gemacht und die Medaille gewonnen, zugleich sieht Neumann darin aber auch die Bestätigung eines Systems, in das Henseleit über viele Jahre eingebettet war. Er spricht von erarbeitetem Glück, sowohl aus Sicht der Spielerin als auch aus Verbandssicht. Die Medaille ist für ihn Antrieb und Belohnung, ein Signal, dass die Leistungssportstruktur funktioniert und Lust auf mehr macht.
Humor und Empathie
Privat blieb Neumann immer mit dem VfL Bochum verbunden. Dessen Wechsel zwischen Bundesliga und Zweitklassigkeit, mit Höhen wie Platz fünf in der 1. Liga im Jahr 2004 und langen Jahren im Unterhaus, spiegelt eine Haltung, die auch im Golfsport spürbar ist: Durchhaltevermögen und die Überzeugung, dass nachhaltiger Erfolg über lange Linien entsteht. So wie er 2021 den Wiederaufstieg seines VfL feierte, erlebt er im DGV sportliche Entwicklung über viele Zyklen. In Bochum verwurzelt, ist Neumann offen für Impulse aus anderen Ländern und Sportarten und für Technologien wie KI, ohne den Menschen aus dem Blick zu verlieren. Kolleginnen und Kollegen, wie Michael Terwort, der ebenfalls aus dem Ruhrgebiet stammt und 25 Jahre als Co-Trainer im Frauenbereich fast den gesamten Weg von Marcus Neumann miterlebte, schätzen seinen Humor, seine Bereitschaft, andere in den Vordergrund treten zu lassen und seine Empathie, durch die aus professionellen Beziehungen teils tiefe Freundschaften werden.
Der Mensch im Mittelpunkt
Vom Teaching Pro im Club über die Rolle des Bundestrainers bis hin zum Vorstand Sport spannt sich eine konsequente Kette. 2009 kam vieles zusammen, 2012 markierte den Gipfel seiner Trainerlaufbahn. Seither trägt Marcus Neumann die Verantwortung, den deutschen Golfsport in Wettkampf, Training und Förderung weiterzuentwickeln. Heute steht der DGV als olympisch ausgerichteter Spitzenverband da, dessen Struktur vom Nachwuchs bis zum Profi und vom Club bis zur Nationalmannschaft denkt. Dass all dies nur im Team möglich war und ist, betont Neumann. Er ist in diesem Team Gestalter, Coach, Netzwerker und jemand, der für Olympia brennt, hat dabei aber immer die Menschen im Mittelpunkt.








