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„Das wird eine neue Erfahrung…”


3. Juni 2024 , Thomas Fischbacher


Im Gespräch: Bundestrainer Duncan Hannak
Im Gespräch: Bundestrainer Duncan Hannak | © DGV

Duncan Hannak betreut seit einigen Jahren die deutsche Nationalmannschaft der Golfer mit Behinderung. Wir haben mit dem Bundestrainer über sein Team, die Besonderheiten bei der Nominierung und die Vorfreude auf die Heim-EMM in Hösel gesprochen.

Vom 18. bis 20 Juli treten die begabtesten europäischen Athleten und Athletinnen bei der Europäischen Mannschaftsmeisterschaft (EMM) der Golfer mit Behinderung im GC Hösel an. An den drei Turniertagen geht es in unterschiedlichen Team-Formaten zur Sache. Dabei gestaltet sich die Kaderzusammenstellung für Bundestrainer Duncan Hannak anders als bei den Turnieren in der Vergangenheit. 

Der europäische Behindertengolfverband hat zu Jahresbeginn ein neues Klassifizierungssystem eingeführt, bei dem jeder Teilnehmer, basierend auf seinen Einschränkungen und medizinischen Unterlagen, in eine von neun Sportklassen und in der Folge in eine Band eingeteilt wird. Beim Turnier in Nordrhein-Westfalen muss jedes Team mindestens eine Frau oder einen Mann und vier Spieler aus vier unterschiedlichen Bands für den Kader nominieren. 

Um die Heimmannschaft auf das anstehende Highlight vorzubereiten, ging es für die potentiellen Teilnehmer zuletzt ins Trainingslager in den GC Hösel. Der gebürtige Oldenburger Hannak verrät im Interview seine Eindrücke vom Zusammenkommen der Kandidaten, die Besonderheiten im Team und beschreibt, auf was es bei der Heim-EMM ankommen wird. 


Herr Hannak, Sie haben zuletzt einige Kandidaten für den Kader zur EMM zu einem Trainingslager eingeladen. Wie war Ihr Eindruck von den Tagen im GC Hösel?
Duncan Hannak:
Es war schön, die Spieler kennenzulernen. Die meisten habe ich zum ersten Mal gesehen. Die Team-Zusammensetzung ist ja eine andere als in den vergangenen Jahren, deshalb war es ein enorm wichtiges Wochenende für uns. Ich musste mich herantasten, wie ich die unterschiedlichen Athleten belasten kann. Das ist ja individuell sehr unterschiedlich. Der eine kann sich länger konzentrieren als der andere und mehr Bälle schlagen.  

Sie haben die Zusammensetzung angesprochen. Was waren die Schwierigkeiten bei der Zusammenstellung des vorläufigen Kaders?
Durch den neuen Modus mit Bands und Sportgruppen gestaltet sich die Kadernominierung anders als in den vergangenen Jahren. Wir haben einen Überblick über die Spieler durch die Pässe. Aber es gibt Bands mit einigen sportlich sehr versierten Spielern, in anderen Bands haben wir überhaupt nur zwei Spieler, die in Frage kommen. 

Wie genau war der Ablauf?
Am ersten Tag ging es mir darum, einen Eindruck zu bekommen. Das geht am besten auf dem Platz. Während der ersten Runde habe ich aufmerksam verfolgt, was die Spieler gut können und wo die Schwächen liegen. Abends nach dem Essen habe ich mich dann hingesetzt und Pläne für mich geschrieben. Um 2.30 Uhr war ich dann fertig und hatte eine Idee, welche Schwerpunkte für die Spieler am wichtigsten sind. 

Obere Reihe: Kerstin Schulz, Jonas Rother, Christof Buhl, Duncan Hannak | Untere Reihe: Christian Nachtwey, Jennifer Sräga
Obere Reihe: Kerstin Schulz, Jonas Rother, Christof Buhl, Duncan Hannak | Untere Reihe: Christian Nachtwey, Jennifer Sräga | © DGV

Nicht nur Qualität, sondern auch Charakter gefragt

Welche Erkenntnisse konnten Sie ziehen? Auch in puncto möglicher Paarungen?
Bei einem Turnier wie der EMM ist es wichtig, dass alle an einem Strang ziehen. Bei drei Team-Formaten ist nicht nur die Spielqualität von entscheidender Bedeutung, sondern auch der Charakter. Klar ist: Wenn sich zwei Team-Mitglieder nicht verstehen, spielen sie keinen guten Klassischen Vierer. Wir haben diverse Konstellationen getestet und ich habe für mich meine Entscheidungen getroffen. Ich habe auch alle Spieler gebeten, mir ihre persönliche Meinung und Präferenzen mitzuteilen, das fließt natürlich auch mit ein. 

In Kürze folgt die Nominierungen für die Team-Paarungen. Sie kennen sie, ihre Spieler noch nicht. Gab es Entscheidungen, über die Sie lange nachdenken mussten?
Es hielt sich in Grenzen. Ich muss mit dem ein oder anderen Spieler sprechen, wie ich seine Rolle sehe und was ich mir wünsche. Ich denke aber, dass Verständnis für die Auswahl ist da. Alles andere würde mich wundern.  

Wie groß ist die Vorfreude auf das Turnier im eigenen Land?
Ich freue mich sehr auf die Turniertage und das wir vielleicht auch neue Leute begeistern und abholen können. Für meine Spieler, vor allem für die Neulinge, werden es spannende Tage mit vielen Eindrücken. Vielleicht werden streckenweise auch Spieler an ihre Grenzen stoßen, wenn inhklusive Proberunde an vier Tagen in Folge Golf auf dem Plan steht. Das wird eine neue Erfahrung und eine hohe Belastung sein. Wahrscheinlich wird sich das auch im Ergebnis widerspiegeln. 

EMM Golfer mit Behinderung in Hösel - Trainingslager

Team-Besprechung im GC Hösel
Christof Buhl ...
... und Christian Nachtwey trainieren das lange Spiel.
Jonas Rother aus dem Bunker
Schwungtipps vom Nationaltrainer
Jennifer Sräga mit dem Driver
Kerstin Schulz hört aufmerksam zu
Team Deutschland freut sich auf die Heim-EMM
Jennifer Sräga ...
... und Kerstin Richter beim Putt-Training

Hannak über deutsche EM-Chancen

Kann man aufgrund der veränderten Nominierung überhaupt einen Eindruck davon haben, ob man zu den Favoriten gehört?
Ich habe überhaupt keine Orientierung. Ich kenne die Kader der anderen Teams nicht, insofern kann ich nicht einschätzen, ob wir ein Team mit Chancen sind oder nicht. Das einzige, was ich machen kann, ist mir die Spielvorgaben anzusehen und die Paarungen dementsprechend zu bewerten. Ich kann meinen Teams sagen, wenn ihr das Ergebnis X spielt, dann habt ihr einen guten Job gemacht. Ob das aber gut ist im Vergleich mit den anderen Teams, das wird sich erst beim Turnier herausstellen.  

Wie beurteilen Sie die neuen Richtlinien bei der Nominierung des Kaders?
Ich kann die Beweggründe grundsätzlich verstehen. Im alten Modus hätten wir mit einem erfahrenen Team eine sehr gute Medaillenchance gehabt. Das ist natürlich etwas schade. Ich hätte mir gewünscht, dass wir eine längere Übergangszeit gehabt hätten. Dann hätten wir uns mit Lehrgängen besser vorbereiten können. Das kam schon sehr schnell um die Ecke, aber das gilt ja für alle. Schade ist, dass durch die Änderungen das Feld kleiner wird, weil einigen Nationen die Spieler fehlen. 

Sie arbeiten seit einigen Jahren als Captain beziehungsweise Trainer der Nationalmannschaft. Wie kam es dazu und was macht die Arbeit so besonders? 
Ich habe lange Zeit mit Timo Klischan zusammen gearbeitet. Wir haben uns sehr gut verstanden und er hat Golf und den Leistungssport für sich entdeckt. Dann habe ich ihn aus Interesse zu den größeren Turnieren begleitet, andere Spieler kennengelernt und spontan auch etwas Training für das Team gegeben. So hat sich meine Rolle entwickelt. 

Vielen Dank für das Gespräch.