Comeback

Was geschah mit Anthony Kim?


27. Februar 2024 , Daniel Dillenburg


Anthony Kim bei einem seiner letzten PGA-Tour-Starts in 2012.
Anthony Kim bei einem seiner letzten PGA-Tour-Starts in 2012. | © Darren Carroll/Getty Images

Mit Anthony Kim kehrt ein verschollener, dreimaliger PGA-Tour-Sieger auf die Golfbühne zurück. Beim LIV-Event in Jeddah feiert der 38-Jährige sein Comeback nach zwölf Jahren Abstinenz. Wir blicken auf das einstige Wunderkind.

Als Anthony Kim in den späten 2000er Jahren in der Golfszene auftauchte, war er das nächste große Ding. Einige trauten ihm sogar zu, dass er in Tiger Woods‘ Fußstapfen treten könnte. Es gab nicht nur einen großen Hype um dieses junge Phänomen, sondern von 2008 bis 2010 schien er diesem Hype auch gerecht zu werden. Inzwischen wissen wir, dass Kim nur ein paar Jahre später komplett von der Bildfläche verschwinden würde. Aus dem Phänomen wurde ein Mythos. Aus dem Mega-Talent ein geplatzter Golftraum.

Anthony Kim war der Sohn koreanischer Einwanderer. Papa Paul, Kräuterladenbesitzer, brachte seinen Sohn schon früh mit Golf in Berührung. Wenn Kim als Baby weinte, schlug sein Vater ein paar Bälle, um seinen Sohn zu beruhigen. Von da an entwickelte er einen unstillbaren Appetit auf alle Sportarten und insbesondere auf Golf. Kim behauptete sogar bis zur neunten Klasse, dass er später einmal gleichzeitig in der NBA, der NFL und auf der PGA Tour spielen würde, bevor er aufgrund seiner fehlenden Größe und Schnelligkeit irgendwann nur noch Golf spielte.

Kim - Allein zu Haus

Um ihren Sohn Anthony aus den potenziellen Gefahren ihrer unmittelbaren Umgebung herauszuhalten, wurde Kim zunächst an der gehobenen Privatschule Campbell Hall angemeldet. Ärger gab es trotzdem. Gleich mehrmals war Kim in Schlägereien verwickelt. Wirklich diszipliniert zeigte er sich nie. Und so musste ein besseres Umfeld geschaffen werden, damit sich Kim voll und ganz aufs Golfspielen konzentrieren kann. Und wo soll das besser gehen als direkt an einem Golfplatz? Die Familie Kim kaufte ein Haus in der Nähe des ersten Grüns des Stadium Course im PGA West in La Quinta, Kalifornien.

Die Eltern kümmerten sich in Los Angeles weiter um das Familiengeschäft und so hatte Kim sehr häufig sturmfrei. Außer am Wochenende hatte er als damals 16-Jähriger das Haus weitestgehend für sich allein. Seinem golferischen Erfolg auf der High School tat dieser Umstand kein Abbruch. Kim gewann diverse Titel und zog das Interesse etlicher Colleges auf sich. An der Strenge seines Vaters änderten diese frühen Top-Leistungen wenig. Zweite Plätze waren nichts wert und selbst Trophäen von Turnieren, bei denen Kim mit einem Ergebnis über Par gewinnen konnte, wurden weggeworfen.

Frühe Erfolge

Auch um der Autorität seines Vaters zu entfliehen, nahm Kim ein Golfstipendium an der Universität von Oklahoma an. Dort genoss er seine College-Erfahrung in vollen Zügen, lebte seine Liebe zum Mannschaftssport aus und machte sich auf dem Campus schnell einen Namen als Partylöwen. Golftalent war genügend vorhanden, um trotzdem Rekorde aufzustellen und unter anderem 2005 den Walker Cup für Team USA zu gewinnen. Sein damaliger College-Trainer hätte Kim gerne härter trainieren sehen. Das Freiheitsgefühl, nicht mehr in der Nähe der Eltern zu wohnen, habe jedoch häufig überwogen.

Im September 2006 wechselte Kim dann ins Profilager. Bei seinem PGA-Tour-Debüt wurde er direkt Zweiter und dank einer hervorragenden Rookie-Saison stand er bereits 2007 unter den Top 100 der Weltrangliste. Im Mai 2008, im Alter von 22 Jahren, folgte der erste Titel. Zwei Monate später dann Titel Nummer zwei beim AT&T National, einem von Tiger Woods ausgetragenen Turnier. Kim war damit der erste Spieler seit Woods, der vor seinem 25. Lebensjahr zwei PGA-Tour-Turniere in einem Jahr gewinnen konnte. Die ersten Parallelen zwischen den beiden Kaliforniern wurden gezogen - und dies lag nicht nur am selben Ausstatter.


Kim ging als Nummer sechs der Welt in seinen ersten Ryder Cup und holte dort 2,5 von vier möglichen Punkten. Besonders beeindruckend hierbei: Sein 5&4-Sieg gegen Sergio Garcia am Finaltag. Kim ließ ein solides Jahr ohne weitere Trophäe folgen, in dem er beinahe seinen Titel beim AT&T National verteidigt hätte, letztlich aber dem Turnierhost den Vortritt lassen musste. Seine Stärke bei Team-Events bestätigte er bei seinem Presidents-Cup-Debüt, wo er drei von vier Punkten holte. 2010 konnte Kim auch wieder einen Einzeltitel gewinnen. Sein Sieg bei der Houston Open sollte aber sein letzter bleiben. Zu dem damaligen Zeitpunkt kaum vorstellbar, auch weil er in demselben Jahr beim Masters am Green Jacket schnupperte und Dritter wurde.

Nach diesen großartigen ersten Schritten auf der PGA Tour hatte Kim schnell viele Fans gewonnen. A.K., wie er bald nur noch genannt wurde, war allen voran aufgrund seiner Ausstrahlung, der auffälligen Gürtelschnallen sowie seines draufgängerischen Golfspiels sehr beliebt und eine Person des öffentlichen Sportlebens. Einladungen zu Formaten mit NBA-Legende Shaquille O’Neal oder Celebrity All-Star-Games flatterten in seinen Briefkasten. Wenn er nicht gerade gegen Woods und Phil Mickelson auf dem Platz um Titel kämpfte, verbrachte Kim seine Freizeit an der Seite von berühmten Persönlichkeiten und schönen Frauen. Der neu gewonnene Ruhm stand ihm gut.

Der Absturz

Noch gegen Ende des Jahres 2010 sollte Kims Karriere jedoch einen Knick bekommen. Eine Verletzung zwang den neuen Star zu einer längeren Pause und somit verpasste er auch den Ryder Cup. 2011 kehrte er auf die Tour zurück, doch die Kim-Magie schien verpufft. Die Top-Ergebnisse blieben weitestgehend aus, ein geteilter fünfter Platz bei der Open die Ausnahme. Seine Konstanz aus den vorangegangenen Jahren war weg. Im Juni 2012 musste sich Kim dann unters Messer legen. Seine linke Achillessehne machte ihm zu schaffen und eine Ausfallzeit von bis zu zwölf Monaten wurde kommuniziert.

Anthony Kim und Tiger Woods bei der Farmers Insurance Open 2011.
Anthony Kim und Tiger Woods bei der Farmers Insurance Open 2011. | © Donald Miralle/Getty Images


Obwohl Kim 2013 dank einer Medical Exemption auf die Tour hätte zurückkehren können, warteten Fans vergeblich auf ein Comeback. Die einstige Golfhoffnung aus Los Angeles tauchte nie wieder aus der Versenkung auf. Laut einem Bericht aus 2014 soll Kim seine Schläger an den Nagel gehängt haben und nicht einmal mehr privat auf den Platz gehen. Die Sports Illustrated will damals erfahren haben, dass Kim eine Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen habe, die ihm 15 bis 20 Millionen Dollar einbrächte, solange er verletzungsbedingt nicht auf die PGA Tour zurückkehren kann.


Ob dies der Grund für Kims Abtauchen war, ist bis heute nicht endgültig geklärt. Der dreimalige PGA-Tour-Sieger konnte nie wirklich Licht ins Dunkel bringen, habe aber eigenen Aussagen zufolge von einem Comeback abgesehen, da er sich nicht mehr in der Lage sah, mit den besten der Welt mitzuhalten. Fest steht: Seine letzte Runde als Profigolfer spielte Kim ausgerechnet bei der Wachovia Championship im Mai 2012, also jenem Turnier, bei dem er vier Jahre zuvor seinen ersten Sieg gefeiert hatte. Und fest steht auch: In Woods‘ Fußstapfen konnte er niemals treten.

Beim LIV-Event in Jeddah (1. bis 3. März) kehrt Kim nach zwölf Jahren Abstinenz auf die Golfbühne zurück. Der Mythos lebt - und LIV Golf hofft, von ihm zu profitieren. Zur Tour-Vorschau >>>