Bild Information: Beckenbauer Course (Photo: Quellness Golf Resort Bad Griesbach)

Golfen, eine Ökoschweinerei?

Kolumne
 

taz-Kolumnist Bernd Müllender widmet sich der Klimabilanz im (Golf-) Sport - und rechnet mit Vorurteilen und Umweltsünden ab.

"Einst sah sich der Golfsport schweren Vorwürfen ausgesetzt. Dabei wird in deutschen Vorgärten und Maisfeldern weitaus mehr gegiftet", beginnt Bernd Müllender seine monatliche Kolumne vom 30. Juni in der taz. Seit 30 Jahren schreibt der passionierte Golfer für die überregionale deutsche Tageszeitung, seit über einem Jahr auch in einer monatlichen Kolumne über Golf. Diesmal geht es um eines der großen Themen, die Golfer und ihren Sport seit jeher mit einem "Geschmäckle" begleiten. Der 63-Jährige aus Aachen widmet sich der Klimabilanz im (Golf-) Sport…

"Zerstörerischer Golfboom. Internationale Opposition formiert sich." 

Mit dieser Headline vom 15.5.1993 war die taz damals voll Mainstream. Ringsum hieß es, von Umweltverbänden, der Zeitschrift Natur bis zur später so golfaffinen SZ, der Golfsport angle sich "artenreiche Filetstücke der Landschaft" und mache sich vieler "ökologischer Sünden" schuldig, etwa durch "giftige Grüns". Anklagepunkte: Pestizidbombardement, Landschaftsfraß, Naturvernichtung. Golf leiste sogar, so die taz, "einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Zementierung, wenn nicht gar Verschärfung des Nord-Süd-Gefälles". Golf, igitt.

Da möchte man als ertapptes Ökoschwein sofort die Schläger fallen lassen. Oder genauer hingucken.

Golf verbraucht Landschaft? Ein wirklich schwaches Argument: Für Fußballplätze und große Hallen werden Areale weitflächig zerpflügt und Böden versiegelt. Die Betonschüsseln der Fußballbundesligen brauchen oft eigene Autobahnrampen und kilometerweit asphaltierte Parkplätze. Golf entzieht Flächen den Nichtgolfern? Für neue Plätze müssen vorhandene Wanderwege erhalten bleiben, sonst gibt es keine Baugenehmigung. Ein Spazierweg durch ein Bundesligastadion ist dagegen selten.

Paradies für Insekten

Einige hunderttausend Autos brausen jedes Wochenende, oft Hunderte Kilometer, in die Fußballarenen. Das holen Golfer nicht auf, auch wenn die Anfahrt mit den Giftverbrennern zum Naturerleben Freizeit fatal ist. Aber man kann auch, die Ausrüstung ist im Spind, das Pedelec nehmen und mancherplatzes Bus und Bahn, etwa nach Berlin-Wannsee oder St. Leon-Rot.

Golfplätze sind mehr als weite Rasenflächen. Der kleinere Teil einer 70-Hektar-Gebietes sind die geschorenen Spielbahnen, ansonsten: Wälder, dichte Gebüsche, Seen und Bachläufe, naturbelassene oder renaturierte Wiesen, zusätzlich gepflanzte Bäume. Dazu kommen oft extra ausgewiesene Biotope mit strengem Betretungsverbot: Paradiese für Insekten und kleine Amphibien, Brutstätten und Rückzugsorte für zahllose Vogelarten. All das fehlt in den durchgegifteten Monokultur-Agrarflächen drum herum.

Ja, auch auf den Golfgrüns wird kunstgedüngt, trotz aller Umweltauflagen bisweilen auch zu viel. Aber Grüns machen kaum mehr als ein Prozent der Platzfläche aus. Und mittlerweile wissen Greenkeeper auch, wie man Schimmel und Moosen intelligenter trotzt als mit Chemie - durch Belüftung, Sonneneinstrahlung, Vermeidung von Staufeuchtigkeit und mit standortoptimalen Rasenmischungen.

Zudem emanzipiert sich die Szene immer weiter vom Augusta-Syndrom. Das ist der Glaube, ein Platz müsse dem naturfremd manikürten Masters-Edelgeläuf in den USA möglichst nahekommen. Glyphosat und Nitrat gibt es auf hiesigen Golfplätzen nicht mehr. Die Ökobilanz ist herausragend besser als bei Maislandschaften, Weizenfeld-Unkulturen oder Kuhgüllewiesen. Und in deutschen Vorgärten wird, round-up, weit mehr gegiftet (oder steingartengewütet) als auf den 800 Golfplätzen.

Anders in anderen Welt­gegenden: Umsiedlungen (sprich: Vertreibungen) und Rodungen für Golfplatzbau wie in Südostasien muss man Verbrechen nennen. Touristenanlagen im trockenen Nordafrika sind Unfug, weil so viel knappes Grundwasser verballert wird, wie es bei uns die nächsten zehn Hitzesommer nicht nötig machen werden. Schlau geht aber auch: Die Greenkeeper auf La Gomera pumpen Meerwasser aus einer eigenen Aufbereitungsanlage vom Strand zum Golfterrain - ohne Kosten für Dritte und Wasserverknappung.

Golf kann tatsächlich renaturieren helfen. André Baumann, Biologe und Staatssekretär im Stuttgarter Umweltministerium, sagt über unsere ökologische Zukunft: "Golf ist nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung."

Der Handicap-15-Spieler vom Mergelhof GC bei Aachen schließt seine Kolumne mit J wie Jetset aus dem Abc der Vorurteile: "Golfer fliegen um die halbe Welt, nur um mal woanders auf die Bälle einzuschlagen. Widerlich!" Stimmt natürlich - aber bitte: Golflose Fernreisen sind der gleiche Ökoirrsinn. Fortsetzung gibt's jeden letzten Freitag im Monat - Sie dürfen gespannt sein auf Zeilen über Crossgolf oder das Erfolgsgeheimnis von Esther Henseleit.

Mehr von Autor Bernd Müllender in der taz

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