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Die Wutrede meines Pros

BenZinger
 

Ben wollte immer einmal gute Golf-Geschichten von einem Pro erzählt bekommen. Was er dann aber zu hören bekam, war mehr als erwartet.

Wer mehr über das Wesen des Golfsports erfahren will, muss sich mit einem Pro unterhalten. Den ganzen Tag auf dem Platz, tausende Golfer kommen und gehen sehen, Hacker, Talente, Alte, Junge, Dünne, Dicke, Große, Kleine. Da müssen doch einige Geschichten zusammen kommen. Lustige und traurige. In jedem Fall etwas zum Lachen. Neben einem Hole-in-One war das mein großes Ziel im Golf: Ein offenes Gespräch mit einem Golflehrer.

Jetzt war es soweit. Die Schatzschatulle ging auf, ein Pro erzählte mir von Abschüssen auf der Range, Schülern mit so viel Talent auf dem Golfplatz wie eine Robbe beim Stricken. All das war lustig - soll hier jetzt aber kein Thema sein.

Denn manchmal ist es halt doch so, dass die Wut noch viel spannender ist als die Freude und der Spott. Zumal er auch laut wurde, der Pro. Als es um die Deutschen ging, zu denen er ja auch gehört. Aber nicht wirklich gehören will.

"Dann wird mir übel!"

Also, Vorhang auf: Toni. So nenne ich ihn jetzt. Jonny schrie also plötzlich: "Am nervigsten ist diese blöde deutsche Mentalität, viel zu ehrgeizig an dieses Spiel heranzugehen. Wenn ich am 18. Grün stehe und die Gesichter sehe der Spieler, die sich aufregen, schmollen und ein Gesicht ziehen als hätte ihnen gerade jemand unberechtigt den Führerschein weggenommen, dann wird mir übel!"

"Warum spielen die denn Golf, bitte?" Toni war jetzt nicht zu halten. "Wegen diesem geilen Gefühl danach? Sicher nicht. Sind ja nicht alle Masochisten. Immer geht es ums Besserwerden, Ausredensuchen und sich an anderen orientieren. In Skandinavien, England, den USA - überall sind die Menschen auf dem Golfplatz viel entspannter. Es geht ums Spiel, darum, gemeinsam über den Platz zu gehen. In Deutschland droppen die Golfer an schlechten Tagen auf der Privatrunde dennoch 50 Mal und schimpfen die ganze Zeit vor sich hin. Unmöglich."

Toni kannte kein Ende. Der Rest der Rede versandete im Wutbrei. Und ich nickte weiter, die Richtigkeit seiner Aussagen bestätigend, zustimmend grinsen, dann vor lauter Unverständnis über diese Deutschen den Kopf auch mal schüttelnd. Mein Kopf tanzte den Tanz des Wutbürgers - und stand doch plötzlich still, als wäre die Batterie geleert.

Ich bin's, der Ben!

Ich dachte an mich, an Ben mit dem deutschen Pass, der gerne flucht, der nach der Runde oft hadert, der sich vor lauter Zählerei nicht an die Löcher erinnern kann, die er gespielt hat. Wie, da war auch ein anderer mit im Flight? Ja, ich bin’s, dachte ich, der verbissene Deutsche. Ein jeder meckert über den der meckert, über den anderen, der über den anderen meckert. Es ist der Kreislauf der Unzufriedenen. Im Kampf gegen die Welt, im Unreinen mit sich selbst. Und vor allem: kein guter Golfer.

Ein guter Golfer darf natürlich auch mal unzufrieden sein. Aber ein guter Golfer hat sich entdeckt, diese Mischung aus Demut und Freude. Demut deswegen, weil er weiß, schlechte Tage gehören dazu. Und Freude, weil er weiß, die guten kommen auch immer wieder.

Ich glaube, ich werde nun ein paar Stunden bei dem Pro in die Lehre gehen. Ohne Schläger. Ich werde mir meinen Frust rausschreien lassen. Meine Schwungfehler werden vorerst die gleichen bleiben. Aber ich werde sie mit Würde ertragen.

Alle Geschichten von Ben Zinger in seinem Blog

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Der Autor

Golf.de-Mitarbeiter Ben Zinger* musste sich monatelang die bösen Bemerkungen der Kollegen über sein Handicap gefallen lassen. Damit soll jetzt Schluss sein. Der gefühlte Endzwanziger hat ein Ziel: den Bogey-Golfer-Bereich schaffen - und vielleicht noch mehr? In seinem Blog schreibt Ben von Erfahrungen in der für ihn neuen Golf-Welt. (Die Anonymität soll ihm dabei alle Freiräume geben.)

*die Kollegen gaben ihm einen passenden Namen, der Zeichner Gerd Hilbig portraitierte den Junggolfer.

Ein Benzinger beschreibt einen Schlag, vorwiegend im kurzen Spiel, bei dem erst der Boden und dann der Ball getroffen wird. Man sagt auch: Er hat den Ball gebenzt. Der gespielte Ball ist daraufhin natürlich nicht wirklich brauchbar.

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