Bild Information: Titleist Senior Product Development Engineer Mike Madson im Interview (Photo by Golf.de)

"Aerodynamik des Golfballs nicht reguliert"

Inside Titleist
 

Mike Madson leitet die Aerodynamik-Abteilung von Titleist.


2008, direkt nach seinem Master Studium in Wirtschaftsingenieurwesen am Dartmouth College sowie der Angewandten Statistik an der Pennsylvania State University, kam Mike Madson zu Titleist. Heute ist er maßgeblich für das Dimple-Design des Pro V1 zuständig. Im Golf.de-Interview räumt Madson mit Mythen auf.

Golf.de: Ist es richtig, dass die Aerodynamik des Golfballs das größte Entwicklungspotential hat?
Mike Madson: Absolut, denn im Gegensatz zu vielen anderen Komponenten ist die Aerodynamik des Golfballs nicht reguliert. Natürlich gibt es eine maximale Länge, die ein Ball laut R&A und USGA fliegen darf. Das bedeutet aber nur, dass wir ein Oberflächen-Schema, dass den Ball fünf Meter weiter fliegen ließe, nicht auf dem jetzigen Ball platzieren dürften.
In so einem Fall würden wir uns mit den Jungs von der Konstruktion und der Materialzusammensetzung hinsetzen. Dann könnten sie einen Ball entwerfen, der sich besser kontrollieren lässt und mehr Spin erzeugt oder der sich im Treffmoment weicher anfühlt, ohne auf den Längenverlust Rücksicht nehmen zu müssen. Unsere Verbesserungen geben den anderen Abteilungen mehr Flexibilität bei ihrer Arbeit.

Gibt es nicht unendlich viele Möglichkeiten an Abmessungen, Anordnungen und Formen von Dimples?
MM: Es gibt schon ein paar, ja. (lacht) Deshalb leite ich eine tolle Gruppe von Leuten, die sich den ganzen Tag nur mit dem Thema Aerodynamik und Dimple-Design beschäftigen. Das Ganze erfordert jede Menge Tests, um das Beste zu finden.

Geht das nur über das Trial-and-Error-Prinzip?
MM: Die physikalischen Regeln der Aerodynamik sind extrem komplex. Wenn man sich nur einmal vorstellt, dass es in der heutigen Zeit keinen Computer gibt, der den Flug eines Golfballs zuverlässig vorhersagen kann, will das schon etwas heißen. Wir können uns nicht auf Computerprogramme verlassen, wie das die Auto- und Flugzeug-Industrie kann. Sie bewegen sich meist mit konstanter Geschwindigkeit nur in einer Richtung und müssen nur in dieser den Luftwiderstand reduzieren.

Aber der Golfball fliegt doch auch nur in eine Richtung.
MM: Das schon. Aber dabei verändert er die ganze Zeit seine Geschwindigkeit - zu Beginn ist er am schnellsten und wird dann immer langsamer. Außerdem dreht er sich ununterbrochen mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten und durchläuft in wenigen Sekunden mehrere Luftschichten sowie Steig- und Sink-Phasen.
Das macht das Themenfeld so komplex. Leider ist aktuell noch die einzig verlässliche Methode, um herauszufinden, wie sich der Golfball verhält, den Golfball wirklich zu schlagen und den Flug aufzuzeichnen.

Das hört sich sehr zeitaufwendig an.
MM: Das ist es auch. Wir haben tausende von Dimple-Muster entworfen, die wir produzieren ließen, getestet und analysiert haben. Alles mit dem Ziel, den nächsten Titleist-Ball noch besser zu machen. Über die Zeit haben wir einen recht guten Plan dafür entwickelt, welche Design-Ideen am besten funktionieren.

Die da wären?
MM: Grundsätzlich glauben wir, dass viele kugelförmige Dimples die besten Ergebnisse erzielen. Auch bei der Anzahl, Anordnung und Oberflächenabdeckung sind wir der Überzeugung, dem Optimum ziemlich nahe zu sein. Das bedeutet aber nicht, dass wir nicht auch mit anderen Formen experimentieren würden oder Wege beschreiten, die wir davor nicht beschritten haben. 

Zum Beispiel die Durchmesser der Dimples zu variieren?
MM: Das ist eines unserer üblichen Vorgehen. Aber die grundsätzliche Anordnung der Dimples von Pro V1 und Pro V1x hat sich seit knapp zehn Jahren nicht verändert. Es geht immer darum, an feinen Schrauben zu drehen, um das Ergebnis noch ein bisschen besser zu machen. Bei den Dimples bestehen diese Schrauben eben aus Oberflächenabdeckung, Durchmesser und Tiefe.

Wäre es falsch anzunehmen, dass eine vollständige Abdeckung der Oberfläche die besten Resultate liefert?
MM: So leicht ist es leider nicht. Erstens einmal sind uns mit kugelförmigen Dimples mathematische Grenzen gesetzt, wie viel Prozent der Oberfläche wie abdecken können. Es ist aber richtig, dass eine möglichst große Abdeckung in der Regel die besseren Resultate liefert.
Wir sprechen gerne davon, dass jedes Design einen eigenen Charakter entwickelt und seine Vorlieben hat. Nur weil die Anordnung und Form der Dimples beim einen Ball die besten Ergebnisse liefert - z.B. beim Titleist Velocity - heißt das noch lange nicht, dass die gleiche Anordnung auch beim Pro V1 die besten Ergebnisse liefert. Ganz im Gegenteil. Jeder Ball hat seine eigenen Vorlieben und muss gesondert betrachtet werden.

Was hat es mit dem Mythos auf sich, dass ein Golfball unterschiedlich gut fliegt, je nachdem wie man ihn zum Ziel ausrichtet?
MM: Gar nichts. Das würde den Anforderungen von R&A und USGA widersprechen. Der Ball wäre damit nicht zugelassen. Es gibt zwar Toleranzen, aber im Grunde muss der Ball immer gleich fliegen. Das ist eigentlich auch der wichtigste Teil unserer Arbeit. Immerhin ist der Golfball der einzige Teil der Ausrüstung, den man bei jedem einzelnen Schlag benutzt.
Da wäre es nicht hilfreich, wenn man schon in der Ansprechposition weiß, dass der Ball anders fliegen wird, weil z.B. das Logo in die falsche Richtung zeigt.

Wie erreicht man diese Gleichmäßigkeit im Ballflug?
MM: Das ist ein langer Prozess, der Hand in Hand mit der Entwicklung des Wissens über die Aerodynamik des Golfballs geht. 2007 hat uns die Staggered Wave Parting Line eine deutlich höhere Oberflächenabdeckung ermöglicht, was ein entscheidender Schritt fürs Dimple-Design war.
Die Staggered Wave Parting Line ist eine gezackte Trennlinie zwischen den beiden Hälften des Mantels, die bei der Produktion miteinander verbunden werden und die inneren Schichten überdecken.
2011 haben wir dann ein neue Dimple-Anordnung entwickelt, die uns 24 identische Flächen auf der Balloberfläche ermöglichte und gleichzeitig die Staggered Wave Parting Line beibehielt, um die Prozesse beibehalten zu können: das sogenannte Spherical Tiling Tetrahedral Layout. Dadurch haben wir noch mehr Ebenen ermöglicht, in denen der Ball in identische Hälften geteilt werden kann. Das hat enorm zu einer höheren Gleichmäßigkeit im Ballflug beigetragen.

Hat das auch was mit dem berühmten Fenster zu tun, von dem beim Pro V1 und Pro V1x gesprochen wird?
MM: Das eine hat viel mit dem anderen zu tun, ja. Es gibt eben keinen Ball, der in jeder Ausrichtung das identische Ergebnis liefern kann. Aber unser Ziel ist es, dass er in jeder Ausrichtung möglichst ähnliche Ergebnisse liefert. Mal ganz davon abgesehen, dass der Spieler die größte Variable in dieser Rechnung ist und auch der Wind ein zu beachtender Faktor ist, trägt der Ball ebenfalls seinen Teil zum Ergebnis bei.
Unser Ziel ist es, die Golfball-Variable aus der Rechnung weitestgehend zu entfernen und damit bei identischen Bedingungen und Schlägen möglichst gleiche Ergebnisse herauskommen. Um das bewerten zu können, sprechen wir vom sogenannten Fenster.
Das Fenster ist ein Bereich am höchsten Punkt der Flugkurve des Golfballs, der eine gewisse Breite und Höhe besitzt. Das Fenster wird mit einem von Titleist entwickelten Schwungroboter in deren Testeinrichtung gemessen. Je kleiner das Fenster, desto gleichmäßiger der Ballflug.

Vom Pro V1 und Pro V1x wird gesagt, dass er nicht so sehr vom Wind beeinflusst wird. Wie ist das möglich?
MM: Das ist keine Zauberei. Ein gutes Dimple-Design, das für hohe Ballgeschwindigkeiten ausgelegt ist, erzeugt automatisch weniger Luftwiderstand. So ein Design sorgt nicht nur für mehr Länge, es reduziert auch ganz automatisch den Einfluss von Gegen- und Seitenwind. Dem Ball ist es egal, ob er bei Windstille mit 150 km/h geschlagen wird oder bei 25 km/h Gegenwind mit 125. Für ihn ist das die gleiche Situation.
Aber es geht nicht nur darum, bei Gegen- oder Seitenwind bessere Ergebnisse zu liefern. Ein gutes Dimple-Design sorgt bei allen Windbedingungen für einen gleichmäßigeren Ballflug. Es bringt nichts, wenn ein Ball bei Gegenwind von rechts gut fliegt, aber sich bei Rückenwind von links anders verhält. Es geht um Konstanz bei jedem einzelnen Schlag. Das meinen wir mit "besseren Ergebnissen im Wind".

Apropos bessere Ergebnisse. Haben Sie jemals einen "Über-Ball" für sich selbst entwickelt, um gegen Ihre Kumpel zu gewinnen?
MM: Um das zu schaffen, müsste man den Golfball von Grund auf neu konzipieren.

Haben Sie, oder nicht?
MM: Ja, so einen Ball haben wir schon einmal gebaut. (lacht) Wir haben ihn so lang wie möglich gemacht, ungeachtet der Limitierungen von R&A und USGA. Einfach, um einmal zu sehen, was möglich ist. Ich kann mir auch durchaus vorstellen, dass der ein oder andere davon seinen Weg in ein freundschaftliches Wettspiel gefunden hat.

Vielen Dank für das Gespräch

Ein Blick hinter die Kulissen der Forschung und Entwicklung bei Titleist Der meistgespielte Ball im Golf wird Tag für Tag auf die Probe gestellt Wie ein verschobener Putt den Grundstein für ein Golfballimperium legte

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