Hintergrund

Gestopft, gewickelt, gebacken – Die Geschichte des Golfballs


11. Februar 2022 , Marcel Czack


Das Regensburger Golfmuseum stellt Exponate aus mehreren Jahrhunderten aus. Darunter sind auch zahlreiche Bälle, die als prägend für ihre jeweilige Ära gelten.
Das Regensburger Golfmuseum stellt Exponate aus mehreren Jahrhunderten aus. Darunter sind auch zahlreiche Bälle, die als prägend für ihre jeweilige Ära gelten. | © Archiv/Kirmaier

Wissen Sie, was Gänse mit Golfbällen zu tun haben? Oder der Milchsaft des malaiischen Gummibaums? Falls nicht, sind Sie hier genau richtig. Wir nehmen Sie mit auf eine kleine Zeitreise durch die wichtigsten Entwicklungen der Golfballgeschichte.

Die Entwicklung des Golfballs über die Jahrhunderte ist eine faszinierende Geschichte. Nicht nur für Equipment-Enthusiasten. Es reicht aus, sich für Geschichte zu interessieren. Oder für Wirtschaft und die Industrialisierung, für Soziologie, Biologie, Physik und Maschinenbau, gewerblichen Rechtsschutz oder Regelwerke. Alle diese Themen spielten und spielen eine Rolle bei der Erfindung und Weiterentwicklung des Golfballs, welcher eine herausragende Bedeutung für das enorme Wachstum des Golfsports seit Mitte des 19. Jahrhunderts zukommt.

Wir nehmen Sie mit: Von den frühesten, nur annähernd runden Kugeln, die in winzigen Stückzahlen aus tierischen und pflanzlichen Stoffen in Handarbeit „gebastelt“ wurden; bis in die heutige Zeit, in der die Golfindustrie mit modernster Technologie hochpräzise, mehrlagige Bälle aus ausgeklügelten synthetischen Materialien in Massenproduktion fertigt.

Hölzern oder haarig – Wie alles begann

Einige Historiker gehen davon aus, dass schon ab dem 14. Jahrhundert in den Niederlanden und in Schottland eine frühe Form von Golf gespielt wurde, bei der „Bälle“ aus Holz benutzt wurden. Man vermutet, dass dabei bevorzugt Harthölzer wie Buche, Buchsbaum und Esche verwendet wurden. Die Informationslage zu diesen Wooden Balls ist jedoch dürftig. Beweise dafür, dass es sich bei diesem Stock-Ball-Spiel tatsächlich um Golf gehandelt hat, scheint es nicht zu geben. Viele Geschichtsexperten aus Schottland gehen vielmehr davon aus, dass Golf bei ihnen auf den Linksplätzen der Ostküste mit sogenannten Hairys begann und nicht mit Holzbällen. Bei Hairys soll es sich um kleine Leder-Säckchen gehandelt haben, die mit Rindshaar oder Schafswolle gefüllt waren.

Der Feathery – Evolution im Gänsemarsch

Wooden Ball und Feathery im Regensburger Golfmuseum. I © Archiv/Kirmaier

Wooden Ball und Feathery im Regensburger Golfmuseum. I © Archiv/Kirmaier

Belegen lässt sich, dass bereits Anfang des 17. Jahrhunderts an der Ostküste Schottlands mit Featheries gespielt wurde. Die Herstellung dieser Golfbälle war ein arbeitsintensiver Prozess, bei dem der „Ballmaker“ Beutel aus nassem Rindsleder mit ebenfalls nassen Gänsefedern dicht stopfte, zunähte und trocknen ließ. Während das Leder beim Trocknen schrumpfte, dehnten sich die Federn aus und bildeten so einen verfestigten Ball. Ein guter Ballmacher konnte bis zu vier solcher Featheries am Tag produzieren. Leisten konnten sich ihre Anschaffung aber nur wenige wohlhabende Schotten, da sie sehr teuer und von kurzer Lebensdauer waren. Bei Nässe faulten die Nähte und der Ball wurde unbrauchbar. Häufig auftretende Verformungen waren kaum reversibel und unsauber getroffene Schläge waren für Featheries oft fatal. Und doch sollte es über 200 Jahre dauern bis der Feathery als State-of-the-art abgelöst wurde.  

Gummiartiger Milchsaft – Der Gutty

Eine entscheidende Änderung brachte das Zeitalter der Industriellen Revolution. Mitte des 19. Jahrhunderts war Großbritannien die Seemacht schlechthin und hatte aufgrund des Kolonialreichs Zugriff auf wichtige Im- und Exportmärkte. Das hatte auch Einfluss auf die Produktion von Golfbällen. Einige ideenreiche Erfinder experimentierten in den 1840ern mit neuen Materialien zur Herstellung von Golfbällen. Als besonders gut geeignet erwies sich dabei Guttapercha, der getrocknete, gummiartige Milchsaft des malaiischen Guttaperchabaums, der zuvor hauptsächlich für Verpackungen genutzt wurde. Der erhitzte Baumsaft wurde in eine runde Form gegeben und härtete dann aus.

Die ersten Gutty-Golfbälle boten gegenüber Featheries keine Vorteile bezüglich der Spieleigenschaften. Doch konnte der Gutty zu einem Bruchteil der Kosten eines Feathery gefertigt werden und war nicht annähernd so empfindlich. Diese Entwicklung führte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer faktischen Demokratisierung und starkem Wachstum von Golf in Schottland, England und kurz darauf auch in Nordamerika. Der Gutty wurde zum ersten in Massenproduktion hergestellten Golfball. Die Zahl der Golfer stieg rasant, hunderte Plätze wurden gebaut und Clubs gegründet.

Zunächst war die Oberfläche der Gutties glatt; denn über Aerodynamik wusste man damals noch nicht viel. Eher zufällig entdeckte man, dass Bälle mit Kratzern und Dellen, die durch den normalen Gebrauch entstanden waren, weiter und gleichmäßiger flogen als die neuen, noch glatten Gutties. Daher begannen die Hersteller, die Oberfläche neuer Bälle mit einem Messer oder Hammer und Meißel zu bearbeiten, um dem Ball eine strukturierte Oberfläche zu verleihen. Die Handarbeit wurde im Laufe der Jahre durch mechanische Pressen ersetzt, mit denen sich detailliertere und symmetrische Muster wiederholbar formen ließen. Das senkte die Kosten weiter und Golf wurde immer mehr das Spiel der breiten Masse. Besonders beliebt und erfolgreich in der Guttapercha-Ära wurde das Bramble-Design mit seinen winzigen rundlichen Erhebungen, die an eine Brombeere erinnern.

Das Haskell-Patent – Gar nicht schief gewickelt

Im frühen 20. Jahrhundert gab es zahlreiche Oberflächenstrukturen auf Golfbällen. Besonders beliebt waren gitterartige Mesh-Muster und das an Brombeeren erinnernde Bramble-Design. I © Archiv/Kirmaier

Im frühen 20. Jahrhundert gab es zahlreiche Oberflächenstrukturen auf Golfbällen. Besonders beliebt waren gitterartige Mesh-Muster und das an Brombeeren erinnernde Bramble-Design. I © Archiv/Kirmaier

Einen weiteren Meilenstein markierte die Entwicklung des Haskell-Balls. Die Erfinder Coburn Haskell und Bertram Work ließen 1898 in den USA eine Ballkonstruktion patentieren, deren äußere Schicht aus Guttapercha bestand und im Inneren unter Spannung gewickelte Kautschuk-Fäden aufwies. Der Haskell nahm die Energie des Schlägerkopfs viel besser auf als der reine Gutty und flog wesentlich weiter. Problematisch war bei frühen Versionen des Haskells dagegen das lebhafte, flummiartige Verhalten des Balls im Kurzen Spiel. Ursprünglich bestand der Ball aus einem festen Kern, der händisch mit Gummifäden umwickelt wurde und von einer Hülle aus Guttapercha umgeben war. Nachdem ein gewisser W. Millison eine Fadenwickelmaschine entwickelt hatte, wurden die Haskell-Bälle in Massenproduktion hergestellt. Viele Unternehmen ersetzten später den festen Gummikern mit Flüssigkeiten. Diese wurden in Form gegossen und eingefroren, um sicherzustellen, dass sie während des Wickelvorgangs absolut rund blieben. Gewickelte Bälle waren bis in die letzten Jahre des 20. Jahrhunderts sehr beliebt. Stand in der Anfangszeit noch der Längengewinn gegenüber den relativ „toten“ Gutties im Vordergrund, wurden sie später (1960-er bis 2000) vor allem von guten Golfern für ihr weiches Schlaggefühl geschätzt.

Balata und Dimples

Anfang des 20. Jahrhunderts beschäftigte sich ein Mann namens William Taylor wissenschaftlich mit der Aerodynamik verschiedener Oberflächenmuster und fand heraus, dass kleine symmetrisch angeordnete Dellen auf Haskell-Bällen die besten Flugeigenschaften aufwiesen. Das Dimple-Muster maximierte den Auftrieb, während es gleichzeitig den Luftwiderstand minimierte und dem Ball einen geraderen und längeren Flug verlieh. 1908 erhielt Taylor das erste Dimple-Patent. Die bis dato beliebten Bramble-, Mesh- und anderen Oberflächenmuster wichen nach kurzer Zeit dem aerodynamisch überlegenen Dimple-Design.

Auch dem Werkstoff Guttapercha wurde zu dieser Zeit der Garaus gemacht. Die äußere Schale der Haskell-Bälle wurden nun mehrheitlich aus dem günstigeren Material Balata gefertigt; einem gummiartigen Stoff, der aus dem eingetrockneten Milchsaft des südamerikanischen Balatabaums gewonnen wurde.

Noch gab es aufgrund einer fehlenden Standardisierung teils deutliche Abweichungen bei der Ballgröße und dem Gewicht. Standards wurden erst 1930 vom R&A sowie 1932 von der USGA festgelegt, wobei sich die Spezifikationen der beiden Organisationen bis 1990 unterschieden. Heute gilt global: Der Durchmesser eines Golfballs darf nicht weniger als 42,7 Millimeter betragen und das Gewicht darf 45,9 Gramm nicht überschreiten. Zudem sind viele weitere Parameter reguliert, wie beispielsweise die erlaubte maximale Anfangsgeschwindigkeit, sphärische Integrität und Symmetrie oder die Dimple-Tiefe.

Der erste Titleist-Ball wurde im Jahr 1935 auf den Markt gebracht. Er hatte eine Balata-Schale, gewickelte Gummifäden und einen flüssigen Kern.
Der erste Titleist-Ball wurde im Jahr 1935 auf den Markt gebracht. Er hatte eine Balata-Schale, gewickelte Gummifäden und einen flüssigen Kern. | © Acushnet


In den 1920ern hatte sich der gewickelte Naturkautschuk-Ball mit Dimples auf der Balata-Schale zum Industrie-Standard entwickelt. Dieses Design überdauerte im Grundsatz das gesamte 20. Jahrhundert. Zwar wurden ab den 60er-Jahren auch ein- und zweiteilig aufgebaute Bälle mit festem Kern aus künstlichen Harzen und Schale aus dem Ionomer Surlyn oder weicherem Urethan produziert. Doch Bälle mit umwickelten Flüssigkernen blieben bis in die späten 90er-Jahre beliebt. Titleist etwa brachte erst 1990 den ersten Two-Piece-Ball (HVC) mit festem Kern und ohne Gummiwicklung auf den Markt. Auf den Profi-Touren dominierte noch von 1994 bis ins Jahr 2000 ein Modell mit gewickeltem Kern und gegossener Urethanschale (Professional). Bis ungefähr zur Jahrtausendwende gab es für Golfer quasi nur zwei Möglichkeiten: Entweder man entschied sich für einen gewickelten Ball, der viel Spin erzeugte oder für einen Ball mit festem Gummikern, der für große Weiten geeignet war, doch nur wenig Spin generierte. Man konnte Weite oder Spin haben, aber nicht beides.

Fest und synthetisch – Der moderne Multi-Layer-Ball

Seit der Jahrtausendwende haben gewickelte Bälle, flüssige Kerne und pflanzliche Komponenten wie Balata ausgedient. Mehrteilige, rein synthetische Bälle aus festen Komponenten haben sich durchgesetzt. Dabei kommen synthetischer Kautschuk, Kunstharze, Plastik, Ionomere wie Suryln sowie Urethan-Elastomere zum Einsatz.

One-Piece-Bälle werden praktisch nur für den Gebrauch auf Driving Ranges genutzt. Die meisten preiswerteren Golfbälle sind heute zweiteilig aufgebaut, mit einem großen Kern und einer Schale aus Suryln oder ähnlichen Materialien. Auch gibt es zahlreiche drei- oder vierteilig konstruierte Modelle und einige Hersteller setzen bei ihren Top-Produkten mit Urethanschale sogar auf fünf oder sechs Schichten und nutzen dabei Dualkerne sowie Mantelschichten zwischen Kern und Schale. Ziel dabei ist immer die Feinabstimmung von Länge, Spin und Spielgefühl der Bälle. Man versucht, möglichst viele vorteilhafte Eigenschaften zu kombinieren. Durch den mehrlagigen Aufbau lassen sich etwa die Parameter Spin und Länge weitgehend voneinander entkoppeln. Gesucht wird die eierlegende Wollmilchsau; Bälle, deren Cover lange halten, die im Kurzen Spiel viel Spin und dadurch Kontrolle bieten, vom Tee aber dennoch so weit wie möglich fliegen.

Beispiel für einen modernen, dreiteilig aufgebauten Tourball mit großem Kern, Mantelschicht und Urethanschale (Titleist Pro V1). © Titleist

Beispiel für einen modernen, dreiteilig aufgebauten Tourball mit großem Kern, Mantelschicht und Urethanschale (Titleist Pro V1). © Titleist

Moderne Golfbälle sind ein Milliarden-Geschäft. Die R&D-Abteilungen der Marktführer beschäftigen Ingenieure, Physiker, Chemiker, Mathematiker und Computer-Spezialisten. Die genauen Rezepturen der Komponenten wie auch bestimmte Fertigungstechniken sind gut gehütete Geheimnisse, zahlreiche Dimple-Muster sind patentiert. Immer wieder kommt es zwischen Ballproduzenten zu erbittert geführten juristischen Auseinandersetzungen um geistiges Eigentum. Das ist auch gut und richtig so. Denn Erfindungsgeist, Forschung und Entwicklung müssen sich lohnen. Täten sie das nicht, sähe Golf heute anders aus. Und wer würde schon lieber einen mit Tierhaaren gefüllten Lederbeutel über die Fairways schlagen.