Mentale Stärke

Freude am Spiel – die Basis für Bestleistungen


23. Februar 2022 , Felix Grewe


Freude ist ein Garant für nachhaltige Höchstleistungen – Superstars wie Tiger Woods belegen das.
Freude ist ein Garant für nachhaltige Höchstleistungen – Superstars wie Tiger Woods belegen das. | © Getty Images/Jamie Squire

Wenn das Vergnügen fehlt, muss auf Dauer auch die Leistung abnehmen. Aber kommt es wirklich nur auf das Ergebnis an? Was neben einem guten Score ein Garant für nachhaltige Freude am Spiel ist – und was Sie von Tiger Woods und Roger Federer darüber lernen können...

Wie groß ist Ihre Freude am Golfspiel? Wenn Sie sich eine Skala von eins bis zehn vorstellen, auf der die eins bedeuten würde, dass dieser Sport mehr Folter als Freude für Sie wäre, zehn hingegen würde für das Maximum an Vergnügen stehen – bei welchem Wert würden Sie sich einordnen? Vermutlich wechselnd, mal höher und mal niedriger, abhängig davon, wie es läuft auf der Runde, stimmt’s? Bei vielen Spielern ist es so: Die Tagesform entscheidet über Elend oder Euphorie im Kopf. Fliegen die Drives verlässlich und lang aufs Fairway, fallen die schwierigen Putts, dann scheint die Leichtigkeit des Seins einen geradezu zu berauschen. An Tagen hingegen, an denen die einfachsten Schläge im Bunker versinken und sich der Schwung verkrampft anfühlt wie ein missglücktes Rendezvous, ja, an diesen Tagen kann das Golfspiel Lebenskrisen auslösen. Aber ist eine ansprechende Leistung tatsächlich alles, was zählt? Das wichtigste Ziel? 

Score und Leistung bestimmen die Selbsteinschätzung

Timothy Gallwey stellt in seinem Buch „Inner Game Golf“ diese Frage und liefert einige Denkanstöße direkt mit: „Wenn Sie denken, es gehe allein um den niedrigen Score, dann müssen Sie auch annehmen, die leichtesten Plätze seien die beliebtesten.“ Doch so ist es bekanntlich nicht. Jene Kurse, die uns am stärksten herausfordern, die uns verzweifeln lassen, weil sie uns vor die schwierigsten Aufgaben stellen, uns die Grenzen unserer spielerischen Fähigkeiten erbarmungslos aufzeigen, sind meistens die teuersten, auf denen sich nur mit viel Glück überhaupt eine Startzeit ergattern lässt. Geht es uns beim Golf also doch um mehr, als nur um ein gutes Handicap? „Die Illusion, dass der Score das Wichtigste sei, ist bei den meisten von uns tief verwurzelt. Score und Leistung bestimmen unsere Selbsteinschätzung. Wir riskieren den Respekt vor uns selbst“, so Gallwey. 

Ein zentrales Ziel des Golfspiels

Die Freude gerät allzu häufig in Vergessenheit. „Wenn Sie die Wahl hätten zwischen einem niedrigen Score und der Freude am Spiel – wofür würden Sie sich entscheiden?“, fragt Gallwey und fügt an: „Der Mensch hat eine Vorliebe für die vergnügliche Seite von Erfahrungen. Per Definition versteht es sich von selbst, dass die Freude ein Ziel unseres Golfspiels ist.“ Nur scheinbar eines, das gern in den Hintergrund zu rücken scheint, blickt man in die angespannten Gesichter vieler Amateure, für die ein Problem mit dem Schwung oft schwerer wiegt als ein handfester Streit mit dem Ehepartner.  

Was neben dem Ergebnis für Freude sorgen kann

Was jedoch könnte für Freude sorgen, wenn die Länge des Abschlags, die Präzision auf dem Grün und der Gewinn beim Monatsbecher nicht die alleinigen Kriterien sein sollten?  Vielleicht die Freude an der Tatsache, überhaupt Golf spielen zu können – ist ja schließlich nicht selbstverständlich. Ganz bestimmt aber auch die individuellen Lernziele, die sich jeder Spieler selbst überlegen kann – ohne das Erreichen wiederum an den Selbstwert zu koppeln. Stattdessen das Lernen viel mehr als einen spannenden Prozess zu betrachten, als die zentrale Aufgabe des Menschen, an der sich eben auch beim Golf arbeiten lässt. „Kann man auf einer Runde Golf etwas Wertvolles lernen?“, fragt Gallwey rhetorisch. „Ist das Erlernte beschränkt auf den Golfplatz oder kann man etwas lernen, das auch außerhalb des Golfplatzes nützlich ist – entspannte Konzentration etwa, Selbstvertrauen, Selbstdisziplin oder gar Aufrichtigkeit? Lernt der am meisten, der auch den niedrigsten Score erzielt? Offensichtlich nicht. Bei jeder Golfrunde kann man zwischen dem Lernergebnis und dem Score deutlich unterscheiden.“ 

Zwei, die sich schon seit vielen Jahren schätzen und mit Bestleistungen auskennen – Roger Federer und Tiger Woods.
Zwei, die sich schon seit vielen Jahren schätzen und mit Bestleistungen auskennen – Roger Federer und Tiger Woods. | © Getty Images/Andrew Redington

Tiger Woods: „Den Weg genießen“

Wenn die Freude und das Lernen priorisiert werden, so Gallweys These, entsteht die Voraussetzung für Bestleistungen. Wer den Weg (also das Spiel an sich) genießt und nicht bloß irgendwo ankommen will (bei einem bestimmten Resultat) und gleichzeitig neugierig ist, sich weiterzuentwickeln, zu wachsen, neue Erfahrungen zu sammeln, wird automatisch bessere Leistungen erzielen – auch in anderen Lebensbereichen. Um es mit den Worten von Tiger Woods auf den Punkt zu bringen: „Es geht darum, Zeit zu investieren, zu lernen und dabei den Weg zu genießen.“ Damit untermauert er, der 15-fache Major-Champion, diese Gallweys Aussage: „Große Athleten und Leistungsträger in allen möglichen Bereichen lieben ihre Disziplin aus tiefstem Herzen wegen der Erfahrungen, die sie in ihr sammeln – nicht wegen der sichtbaren Resultate.“

Roger Federer über Leistung und Freude

Der Schweizer Tennisprofi Roger Federer, mit 20 Grand Slam-Titeln einer, der sich mit Bestleistungen ähnlich gut auskennt wie Woods, beschrieb die Bedeutung der Freude einmal etwas ausführlicher als sein amerikanischer Weggefährte: „Manchmal ist man einfach nur glücklich beim Spielen. Einige Leute, auch Medien, verstehen nicht, dass es okay ist, einfach nur Tennis zu spielen und es zu genießen. Sie denken, man müsse alles gewinnen, es müsse immer eine Erfolgsstory sein. Und ist das nicht der Fall, was ist dann der Sinn? Vielleicht muss man zurückgehen und überlegen: Warum habe ich angefangen, Tennis zu spielen? Weil ich es einfach mag. Es ist ein Traumhobby, das zu einer Art Beruf geworden ist. Manche Leute kapieren das einfach nicht.“ 

Sie können „Tennis“ in diesem Zitat einfach durch „Golf“ ersetzen – oder durch jede andere Tätigkeit, die vor allem eines bringen sollte: Freude!