Hintergrund

Weshalb Sie sich auf Ihre Golfschläger fitten lassen sollten


17. Dezember 2021 , Marcel Czack


Ob Indoor oder Outdoor, an Launch-Monitoren wie dem TrackMan führt im modernen Club-Fitting kein Weg vorbei.
Ob Indoor oder Outdoor, an Launch-Monitoren wie dem TrackMan führt im modernen Club-Fitting kein Weg vorbei. | © MC

„Lassen Sie Ihre Schläger vor dem Kauf unbedingt auf Sie fitten!“ Wahrscheinlich haben auch Sie diesen Appell schon des Öfteren vernommen. Doch warum genau ist es so ratsam, ein professionell durchgeführtes Fitting zu absolvieren und nicht einfach blind ins Regal zu greifen? Dieser Text soll Licht ins Dunkel bringen.

Schläger-Fittings sind kein Hexenwerk, auch wenn die Folgen einer gelungenen Modellwahl mit persönlicher Anpassung manchmal geradezu fantastisch erscheinen. Tatsächlich ermöglichen individuell abgestimmte Schläger dem betreffenden Golfer vor allem, sein bereits vorhandenes Potenzial abzurufen. Und gleichzeitig die Voraussetzungen dafür zu schaffen, die eigene Leistungsstärke weiter auszubauen. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Und auch wenn es beim Golf nicht nur um Leistung geht, so spielen wir doch alle lieber besser als schlechter. Viele Golfer, die noch nie ein Fitting gemacht haben beziehungsweise mit veraltetem Material spielen, wissen gar nicht, was in ihnen steckt.

Was ist ein Schlägerfitting?

Zusammengefasst ist das Schläger-Fitting der Prozess, bei dem unter Berücksichtigung anatomischer, physikalischer und technologischer Eigenschaften bestimmt wird, mit welchen Golfschlägern ein Spieler seinem persönlichen Leistungs-Optimum näherkommt. Die Eigenschaften des Golfschlägers sollen beim Fitten mit denen des Golfers beziehungsweise seines Schwungs in Einklang gebracht werden.

Fitting-Arten

Die zwei gängigsten Szenarien sind einerseits markenunabhängige Fittings und andererseits herstellergebundene Fittings. Bei der ersten Variante steht dem Fitter und seinem Kunden ein Sortiment verschiedener Hersteller zur Verfügung. Hier wird in einem markenungebundenen, den oder die Hersteller betreffend ergebnisoffenen, Fitting-Prozess das passende Equipment für den Kunden gesucht.

Solche markenunabhängige Fittings finden überwiegend statt in Fitting-Studios von auf Schlägeranpassung spezialisierten Dienstleistern, in Filialen von Fachhandelsketten und Ladengeschäften selbstständiger Fachhändler. Einige Unternehmen kooperieren auch mit Golfanlagen, um Outdoor-Fittings auf der Driving Range anbieten zu können.

Bei markenspezifischen Fittings arbeitet der Golfer dagegen mit einem Fitter, der einen bestimmten Hersteller vertritt. Einige große Schlägerhersteller unterhalten Fitting-Zentren in verschiedenen Regionen Deutschlands. Darüber hinaus veranstalten viele Hersteller in unregelmäßigen Abständen Fitting-Tage in Golfclubs, zu denen man sich anmelden kann. Die meisten Club-Pros, die Fittings anbieten, arbeiten markengebunden (mit Produkten eines oder mehrerer Hersteller).

Vor- und Nachteile:

Ein Vorteil beim Marken-Fitting kann darin bestehen, dass der Fitter mit allen Modellserien, Eigenschaften, Spezifikationen und individuellen Optionen für jeden von der Marke angebotenen Schläger bestens vertraut ist. Außerdem hat das Unternehmen eine hohe Kontrolle über den gesamten Fitting-, Kauf- und Lieferungsprozess. Die Chancen darauf, optimal auf Schläger dieses einen Unternehmens gefittet zu werden, sind tendenziell höher. Das bedeutet jedoch nicht, dass die optimale Lösung dieses einen Unternehmens für Sie besser ist als die beste Option eines beliebigen anderen Herstellers. Zudem ist es unwahrscheinlich, dass ein einzelner Hersteller die besten 14 Schläger für Ihr Spiel herstellt. Die Qualität des Fittings wird in jedem Fall in weiten Teilen von der Kompetenz des Fitters bestimmt.

Herangehensweise: Was erwarten Sie?

Ein paar Dinge gilt es bei einem Fitting-Termin stets zu beachten: Bringen Sie am besten Ihren kompletten aktuellen Schlägersatz mit; zumindest aber die Schläger aus ihrem Bag, die Sie zu ersetzen überlegen. Wenn möglich, wärmen Sie sich vorher auf. Überlegen Sie sich im Vorwege, wo Ihre Prioritäten liegen und was Sie vom Fitting erwarten. Was sind Ihre relativen Stärken und Schwächen, was fehlt Ihrem Spiel, was wollen Sie unbedingt verbessern? Ein guter Fitter wird Sie schon zu Beginn der Session danach fragen, bevor er sich einen eigenen Eindruck von Ihrem Schwung macht. Ist es primär die Schlaglänge, die Sie steigern möchten? Fliegt der Ball zu flach oder treffen Sie ihn zu unbeständig? Wollen Sie Ihrem hartnäckigen Slice den Kampf ansagen? Natürlich müssen Sie nicht bereits alles wissen, aber Ihre geäußerten Wünsche helfen dem Fitter dabei, aus dem Termin das Beste für Sie rauszuholen.

Was macht der Fitter?

Idealerweise hat der Fitter durch sein geübtes Auge und die Interpretation der vom Launch-Monitor aufgezeichneten Schwung- und Ballflug-Daten schon nach einigen Schlägen eine grobe Idee davon, in welche Richtung es bei Ihnen gehen könnte. Auch kann er wahrscheinlich bestimmte Modelle für Sie ausschließen. Dann geht es ans Ausprobieren. Im Trial-and-Error-Prinzip werden Daten gesammelt und verglichen sowie persönliche Eindrücke ausgetauscht. So wird der Kreis der Favoriten immer kleiner, bis schließlich ein „Sieger“ gefunden ist.

Arbeit mit Launch-Monitoren

Moderne Launch-Monitore können eine Vielzahl von Daten messen. Dabei werden Doppler-Radar- und High-Speed-Kamera-Technologien genutzt. Zu den relevantesten Ballflug-Parametern zählen die Schlagweite (vor allem die Carry-Länge, also die reine Flugweite), der Launch-Winkel (Ballabflugshöhe), die Spinrate, die maximale Flughöhe, der Abstiegswinkel und die Flugkurve (Hook/Slice).

Auch aus Schwung-Parametern kann der Fitter wichtige Schlüsse ziehen. Dazu gehören u.a. Schwunggeschwindigkeit und -Pfad, Eintreffwinkel, Schlagflächenstellung und die Impact-Position auf der Schlagfläche. Über die Effizienz der Energieübertragung vom Schlägerkopf auf den Ball gibt der sogenannte Smash Factor Auskunft (Ballgeschwindigkeit geteilt durch Schlägerkopfgeschwindigkeit = Smash Factor).

Keine Sorge, Sie müssen diese Begriffe und Daten nicht alle kennen, bewerten können oder die genauen Zusammenhänge verstehen. Das ist Aufgabe des Fitters! Dieser muss die Werte lesen und interpretieren können, und seine Erkenntnisse in die Auswahl von passenden Equipment-Komponenten und Spezifikationen übersetzen.

Ansatzpunkte & Stellschrauben am Golfschläger

Für seine Arbeit stehen dem Fitter eine Vielzahl von Ansatzpunkten zur Verfügung. Zu den üblicherweise in Betracht gezogenen Parametern zählen:

  • Griff: Dicke, Gewicht, Material
  • Schaft: Steifigkeit, Verwindung, Biegepunkt, Gewicht, Material
  • Schlägerkopf: Kopfmodell (Größe, Material), Trägheitsmoment (MOI), Lie-Winkel Loft-Winkel, Schlagflächenstellung (offen, neutral, geschlossen) und Offset
  • Sonstige: Schlägerlänge, Schwunggewicht, Gesamtgewicht, Zusammenstellung des Sets

Hintergrundwissen für Interessierte

Sie müssen wie gesagt nicht selbst ein Equipment-Experte sein, um das für Sie perfekte Schlägermaterial zu finden. Doch für ein besseres Verständnis erklären wir im Folgenden einige Grundlagen und Faustregeln zu ausgewählten Schläger-Faktoren. Bei allen diesen Grundlagen gilt: Ausnahmen bestätigen die Regel.

Der Schaft

Das Markt-Angebot an Schäften ist riesig und unübersichtlich. Kein Fitter und kein Schlägerhersteller führt alle möglichen Marken und Optionen im Sortiment, das wäre unmöglich. Wichtig ist vor allem, dass das Angebot die Bedürfnisse von Spielern unterschiedlicher Leistungsklassen, Schwungtechniken, körperlicher Voraussetzungen und Präferenzen abdecken kann. Idealerweise mit Modellen verschiedener Preissegmente.

Die Wahl eines passenden Schaftmodells ist wichtig, da sich mit dem richtigen Schaft nicht nur die Launch- und Spin-Werte – und damit die Flugweite – optimieren lassen, sondern auch die Genauigkeit erheblich verbessert werden kann. Schlüsselfaktoren wie Gewicht, Steifigkeit, Torsion und Biegepunkt bestimmen, wie, wann und wo sich der Schaft biegt und verwindet während der Schlägerkopf zum Ball geschwungen wird, was sich schließlich auf die Konstanz und Präzision auswirkt.

Nicht entscheidend für die Schaftauswahl ist, welcher Flex auf dem Schaft geschrieben steht, da Bezeichnungen wie „Regular“ oder „Stiff“ in der Golfindustrie nicht normiert sind. Was also bei einem Hersteller Stiff ist, kann eine andere Firma Regular nennen.
Anmerkung: Der tatsächliche Härtegrad lässt sich mit einem Frequenzmessinstrument in CPM (Circles per minute) bestimmen.

Zudem lassen sich Schäfte in mehrere Zonen unterteilen (Butt = griffseitiger oberer Teil, Mid = Mittelteil, Tip = kopfseitiger unterer Teil) deren Härtegrade verschieden stark ausgeprägt sein können, um bestimmte Eigenschaften darzustellen. Das Biegungsprofil in seiner Gesamtheit sollte zum Schwung des Gefitteten passen. Dabei kommt es auch darauf an, mit welchem Tempo und Rhythmus der jeweilige Golfer schwingt. Ist beispielsweise der Übergang vom Rück- zum Abschwung (Transition) eher sanft und geschmeidig oder hart und aggressiv? Es ist Aufgabe des Fitters – mithilfe der aufgezeichneten Daten – zu erkennen, welche Schaft-Eigenschaften zum Schwung seines Kunden passen.

Sowohl bei Schäften aus Grafit als auch bei solchen aus Stahl gibt es heute eine breite Range von Gewichtsoptionen. Schwerere Schäfte erzeugen tendenziell niedrigere Abflugwinkel mit weniger Spin. Leichtere Schäfte erzeugen eher einen mittleren bis hohen Ballstart und mehr Spin. Leichtere Schäfte lassen sich schneller schwingen. Bei guter Kontrollierbarkeit lässt sich schnellere Schwunggeschwindigkeit in höhere Ballgeschwindigkeit und damit längere Schlagweiten übersetzen. Schäfte können aber auch zu leicht sein oder eine Verteilung des Gewichts aufweisen, die dazu führt, dass das Schwunggefühl und die Schlagkontrolle leiden. Viele Schafthersteller empfehlen daher ein Modell zu wählen, das so leicht wie möglich bei gleichzeitig noch hoher Kontrollierbarkeit ist.

Kopfgewichtung & MOI

Nicht selten bieten moderne Metal Woods – meistens sind es Driver – die Möglichkeit, über bewegliche Gewichte Einfluss auf das Schwerpunktzentrum des Schlägerkopfs zu nehmen. Eine Gewichtsverlagerung nach vorne kann den Abflugwinkel verringern und den Spin um bis zu 500 RPM (Umdrehungen pro Minute) reduzieren. Eine Gewichtsverlagerung nach hinten erhöht den Abflugwinkel und den Spin und steigert zudem das Trägheitsmoment (MOI), was wiederum zu einer höheren Fehlertoleranz führt.  

Mehr Masse an der Ferse (Hosel-Seite) bietet weniger Fehlerverzeihung als hintere Gewichts-Positionen, hilft aber bei der Bekämpfung eines Slice. Eine Gewichtsverlagerung nach vorne führt oft zu einer leichten Fade-Tendenz, während hintere Gewichtspositionen tendenziell mehr Draw-Bias haben. Wenn Sie mit einem Slice kämpfen, gibt es mehrere Möglichkeiten, über die Schläger-Spezifikationen dagegen vorzugehen. Spezielle Driver mit starker Draw-Tendenz (diese wird sowohl über eine fixe, nicht verstellbare, Masseverlagerung zur Fersenseite des Schlägerkopfs als auch durch eine leicht geschlossene Stellung der Schlagfläche erreicht) sind in der Regel am effektivsten, um Fehlschläge auf die rechte Seite zu reduzieren. Wenn Sie jedoch auf der Suche nach einem Driver sind, mit dem Sie Ihre Schwungtechnik verbessern möchten, ist ein Driver mit beweglichen Gewichten möglicherweise die bessere Wahl.

Lie & Loft

Auch der Lie-Winkel hat einen großen Einfluss darauf, wo der Ball startet. Wenn Sie regelmäßig einen Slice schlagen, kann manchmal schon ein aufrechterer Lie-Winkel helfen. Umgekehrt kann ein flacherer Lie-Winkel dazu beitragen, einen Fehlschlag nach links (Hook) abzumildern.

Für den Loft-Winkel gilt in der Theorie: Je niedriger der Loft desto höher die Ballgeschwindigkeit. Dennoch ist es ganz und gar nicht ratsam, mit Schlägern zu spielen, deren Loft zu gering ist. Denn was nützen schnell fliegende Bälle, wenn diese keine ausreichende Höhe erreichen! Die Standardlofts bei Eisen haben sich über die Jahre im Schnitt stark verringert. Das liegt einerseits daran, dass sich Schlaglänge gut verkauft. Wird andererseits aber nur funktional durch ebenfalls immer niedrigere Schwerpunktzentren, die die geringere Schlagflächenneigung ausgleichen (sollen).

Drives erzielen die größten Längen, wenn der Ball mit möglichst wenig Spin hoch abfliegt. Moderne Driver erzeugen konstruktionsbedingt weniger Spin als es bei Drivern noch vor einigen Jahren der Fall war. Unter anderem deshalb lässt sich bei Driver-Lofts keine Entwicklung abnehmender Lofts wie bei Eisen feststellen. Um Lofts von unter 10 Grad sinnvoll nutzen zu können, benötigt man eine nicht unerhebliche Schwunggeschwindigkeit gepaart mit einem geeigneten Eintreffwinkel (neutral oder positiv). Für die Mehrheit der Golfer gilt daher: Loft is your friend!