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Gut gebrüllt: Rory McIlroy war der emotionale Leader für Team Europe am Ryder-Cup-Wochenende. | © Mateo Villalba/Getty Images

Der Mann in der Arena: McIlroys Ruf nach Respekt

Am Ende eines Wochenendes, das eher dem Ritt durch eine Hölle glich als einem Golfturnier, verschwand Rory McIlroy kurz hinter dem 18. Grün von Bethpage Black. Vielleicht war es eine Flucht nach einem tagelangen Belagerungszustand, vielleicht sehnte er sich nach einem Moment der Stille, ein paar Atemzügen Menschlichkeit. Europa hatte den Samstagabend bereits sicher geglaubten Auswärtssieg so gerade noch festgehalten und die Amerikaner mit 15:13 bezwungen. Doch die Zahlen erzählen nur die halbe Geschichte des Wochenendes. Die andere Hälfte war in McIlroys Gesicht abzulesen: Wut, Erleichterung, Erschöpfung.

McIlroy als emotionaler Taktgeber

McIlroy polarisiert schon lange, doch selten stand er so im Zentrum einer völlig überhitzten Atmosphäre. Er war nicht der beste Spieler des Wochenendes, aber er war wieder einmal der Taktgeber Europas, der emotionale Anführer seines Teams. Und er war der Verwundbarste an den drei Tagen von New York. Vor zwei Jahren in Rom hatte er den Sieg in Bethpage Black als großes Ziel ausgerufen, bei der Players Championship in diesem Jahr einem pöbelnden Fan wütend das Handy entrissen. Vielleicht hatte er sich so bereits das Fundament jenes Kessels selbst erschaffen, in dem er drei Tage überleben musste.

Persönliche Demütigungen am Samstag

Der Samstag markierte den Tiefpunkt des Wochenendes – nicht sportlich, aber menschlich. Pöbeleien im Minutentakt, Obszönitäten während der Schlagbewegungen, ein angestacheltes Publikum, das die Grenze zwischen sportlicher Rivalität und persönlicher Demütigung weit überschritt. McIlroy hielt den Strapazen stand, gewann erst an der Seite von Tommy Fleetwood und später zusammen mit Shane Lowry zwei Punkte, die am Ende noch wichtiger waren als zu diesem Zeitpunkt angenommen. Er hielt all die Hässlichkeiten, die ihm und sogar seiner Frau Erica um die Ohren flogen, auf beeindruckende Weise aus. Erst abseits des letzten Grüns ließ er die Maske fallen.

„Golf sollte an höherem Standard gemessen werden"

„Ich denke nicht, dass wir so etwas im Golf jemals akzeptieren sollten. Golf sollte an einem höheren Standard gemessen werden als dem, was wir diese Woche gesehen haben. Golf hat die Fähigkeit, Menschen zu vereinen. Golf bringt einem sehr gute Lebenslektionen bei. Es lehrt Etikette. Es lehrt dich, nach den Regeln zu spielen. Es lehrt dich, Menschen zu respektieren. Manchmal haben wir das diese Woche nicht gesehen“, lautete seine etwas glatt poliert wirkende Botschaft am Ende des aufreibenden Wochenendes. Weniger politisch-korrekt beantwortete er die Frage nach dem Aufmarsch von Polizisten mit knurrenden Schäferhunden. Halb im Scherz, halb im Ernst kommentierte er, er wünschte, diese Hunde wären auf die Menge losgelassen worden.

McIlroy besser als Jacklin

Eines ist unstrittig nach einer epischen Ryder-Cup-Schlacht mit einer europäischen Party am Ende: McIlroy hat am vergangenen Wochenende sein bestes Karrierejahr gekrönt. Mit seinem Masters-Triumph hatte er im April all jene Kritiker zum Schweigen gebracht, die seine Nervenstärke und seine Fähigkeit, wieder ein Major-Champion sein zu können, infrage gestellt hatten. Dazu sein Triumph bei der Players Championship, der Sieg in Pebble Beach und bei der Irish Open. Nun also auch noch der Auswärtstriumph in den USA, sein sechster Team-Erfolg, durch den er in der ewigen Punkteliste an Tony Jacklin vorbeizog und nun in Schlagdistanz ist zu José María Olazábal und Seve Ballesteros. 

McIlroy – „The Man in the Arena“

Theodore Roosevelt sprach 1910, im Jahr nach dem Ende seiner Amtszeit als Präsident der Vereinigten Staaten, in Paris in einer Rede die legendären Sätze, die als „The Man in the Arena“ in die Geschichte eingingen – und die seit den Tagen von Bethpage Black mehr denn zitiert werden, weil sie klingen, als hätte Roosevelt sie damals schon mit einer kühnen Vorahnung auf den Ryder Cup 2025 und die Rolle McIlroys gesprochen. „Nicht der Kritiker zählt; nicht der Mann, der darauf hinweist, wie der Starke strauchelt oder wo derjenige, der etwas tut, es besser hätte machen können. Die Anerkennung gebührt dem Mann, der tatsächlich in der Arena steht, dessen Gesicht vom Staub und Schweiß und Blut gezeichnet ist; der tapfer strebt; der irrt, der immer wieder zu kurz kommt, weil es kein Streben ohne Fehler und Mängel gibt; der aber tatsächlich die Taten vollbringt; der die großen Begeisterungen, die große Hingabe kennt; der sich in einer würdigen Sache verausgabt; der im besten Fall am Ende den Triumph hoher Leistung kennt – und der im schlimmsten Fall, wenn er scheitert, wenigstens scheitert, während er Großes wagt, sodass sein Platz nie bei jenen kalten und furchtsamen Seelen sein wird, die weder Sieg noch Niederlage kennen.“ 
 

Was bleibt also vom Wochenende des 45. Ryder Cups? Natürlich auch die Erinnerungen an spektakulär starke Europäer in den ersten beiden Tagen, an einen vor Spannung kaum auszuhaltenden Sonntag, an europäische Jubelarien auf amerikanischen Boden. Vor allem aber eine Debatte darüber, was Rivalität darf und wo Respekt beginnen muss. 
 

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