Wintergrüns?
Da ist auf der einen Seite der Golfer, der eigentlich vom ganzjährigen Sommer träumt und am liebsten auf Sommergrüns spielt. Da ist der Greenkeeper, der die Gesundheit seiner Gräser im Blick hat und deshalb bei Kälte und Frost womöglich eher auf Wintergrüns setzt. Schließlich ist da noch das Club-Sekreatriat, das die Beschwerden all jener Golfer entgegennimmt, die mit der Entscheidung des Greenkeepers nicht einverstanden sind – vor allem dann nicht, wenn womöglich im Nachbarclub zehn Kilometer entfernt auf Sommergrüns gespielt wird, solange kein Schnee die Spielbahnen entdeckt.
Was also ist die richtige Wahl bei kalten Temperaturen – umstellen auf Wintergrüns oder ganzjährig auf Sommergrüns spielen?
Eine Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt. Die Entscheidung für oder gegen Wintergrüns ist extrem individuell und hängt zuerst einmal von den Bodenverhältnissen einer Anlage ab. Ein einfaches Beispiel verdeutlicht den Unterschied: Ein Platz mit sandigem Boden leitet Wasser leicht ab und ist deshalb auch bei nassem Winterwetter immer relativ trocken. Trolleyspuren oder auch wiederholte Gehspuren verursachen keine Schäden. Bei lehmigem Boden dagegen bleibt das Wasser stehen und stark benutzte Gehbereiche verwandeln sich schnell in einen unansehnlichen Schlammbereich.
Faktor zwei ist das Gras: Nicht jedes Gras reagiert gleich auf Frost. Die amerikanische Oregon State University, eine der führenden Universitäten weltweit beim Thema Rasenforschung, hat für die Green Section der United States Golf Association dafür vor einigen Jahren eine Studie durchgeführt. „Die Erkenntnis, dass der Fußverkehr auf einem Putting-Grün aus Poa Annua bei Frost keine sichtbaren Schäden am Rasen verursacht, ist von Bedeutung. Auch wenn dies Auswirkungen darauf haben könnte, wann Golfer mit dem Spiel beginnen, darf nicht vergessen werden, dass diese Untersuchung zeigt, dass der Verkehr mit Golfcarts frostbedeckten oder gefrorenen Rasen beschädigt, sodass weiterhin Beschränkungen für Golfcarts erforderlich wären. Erschwerend kommt hinzu, dass die Erkenntnis gewonnen wurde, dass Wartungsgeräte den Rasen bei Frost beschädigen.“
Nachdem die wenigsten Golfer über die Grassorten auf ihrem Heimatplatz informiert sind, ist der Head-Greenkeeper hier der Experte, der die Entscheidung über die Belastungsfähigkeit der Grüns fällt. „Sobald Bodenfrost oder Frost generell herrscht, setze ich die Fahnen auf Wintergrüns um“, resümiert Christian Steinhauser, Head-Greenkeeper im GC St. Dionys in Norddeutschland. „Wir fahren hier eine Mischvariante. Das heißt, bei wärmeren Temperaturen können die Grüns wieder bespielt werden. Wir profitieren auf unserem Platz generell auch vom sandigen Boden“. Ein Ampel-System auf der Homepage übernimmt die Information der Golfer: Bei Grün darf auf den Sommergrüns gespielt werden, Orange steht für die Wintergrüns. Golfcarts sind selbst ohne Frost im Winter nur für Golfer mit Attest erlaubt.
Wird trotz Frost auf den Sommergrüns gespielt, muss die Golfanlage unter Umständen damit leben, dass die Qualität der Spielfläche im Sommer weniger gut ist. Der Grund: Das Gras erholt sich weit weniger von Pitchmarken oder Fußspuren als im Sommer, weil es kaum oder gar nicht wächst. Das gilt auch für die Fairways, bei denen sich die Divots und Fußspuren aber über eine weit größere Fläche verteilen. „Zu Beginn der Saison geht ein Greenkeeper alle Löcher durch und repariert alle Divots“, erklärt Steinhauser, der auch Vorstandsmitglied des Greenkeeper Verbands Deutschland ist. „Ansonsten läuft man immer Gefahr, dass Unkräuter in die Divots wachsen.“

Spielspaß im Winter abhängig von Qualität der Wintergrüns
Der Spielspaß der Golfer im Winter hängt auch von der Qualität der Wintergrüns ab. Da aber gibt es beträchtliche Unterschiede. Wo einfach nur Grüns aus dem Fairway gemäht werden, ist selten vernünftiges Putten möglich. „Wir fangen schon im Herbst mit der Vorbereitung der Wintergrüns an und sanden die Bereiche zum Beispiel regelmäßig ab“, gibt Steinhauser eine Empfehlung für Golfanlagen. So entstehe eine Fläche, die gut zu bespielen sei. Standardregeln für den Winterbetrieb, das ist seine Erfahrung, gibt es nicht: „Das ist extrem abhängig vom Boden der einzelnen Golfanlage.“
Auch die wirtschaftliche Ausrichtung spielt eine Rolle. Gerade im Winter setzen manche Golfanlagen auf die Greenfee-Einnahmen von Golfern, die in ihren Heimatclubs auf Wintergrüns spielen müssen. Diese spielen zum Teil eine wichtige Rolle im Jahresbudget und werden manchmal auch wissentlich mit Qualitätsverlusten im Sommer erkauft.
Die Winter-Stratege muss also jede Golfanlage selbst festlegen. Mit zunehmend wärmeren Wintern hat sich diese aber speziell in Süddeutschland verändert. Während etwa im Großraum München vor 15 Jahren der Großteil der Plätze von Mitte November bis Anfang April nur auf Wintergrüns zu bespielen war oder wegen Schnees lange geschlossen blieb, ist inzwischen auch hier auf vielen Anlagen ein Mischbetrieb wie in St. Dionys die Regel. Golf in Deutschland wird so zunehmend zur Ganzjahressportart – und die harte Winterphase für die Golfer wird ein wenig kürzer.
Wichtige Fakten
- Je nach Temperaturgrad wächst das Gras entweder kaum oder gar nicht. Das bedeutet: Pitchmarken, Divots oder Spuren erholen sich kaum. Selbst wenn die Temperaturen über Null sind und es vermeintlich mild ist, sind die Sonnenstunden geringer und die Temperaturen immer niedriger als im Sommer.
- Der Schaden zieht sich: Die Spielspuren, die im Januar oder Februar entstehen, bleiben verhältnismäßig lange.
- Ein warmer Tag macht noch keinen Sommer: Im Gegenteil – wenn die Grasnarbe auftaut und dann nachts wieder zufriert, ist sie besonders verletzlich.










