Ein Stamm voller Leben
An einem nackten Baumstamm, blank von jeglichem Grün, scheiden sich die Geister. „Weg damit, wie häßlich, wie tot“, sagen all jene, die auf einem Golfplatz Natur erwarten, die mit vollem Grün wuchert. „Wunderbar“, kontern die Befürworter. Totholz ist wertvoll, ein wichtiger Baustein eines funktionierenden Ökosystems. Wie also bewertet man abgestorbene Baumstämme, verrottende Äste, völlig vermooste Baumstumpfen
„Totholzbereiche sind wunderbare Habitate für Kleintiere, Pilze und Insekten“, stellt Dr. Gunther Hardt, Leiter des Arbeitskreises Biodiversität des Deutschen Golf Verbands, fest. Die moderne Wahrnehmung von Golfplätzen in Deutschland hat sich im vergangenen Jahrzehnt fundamental geändert. Das Verständnis von Golfplätzen als ökologischer Monokultur ist der Einsicht gewichen, dass Golfplätze Rückzugsräume für die Artenvielfalt sind. Zahlreiche Kooperationen von Golf-Landesverbänden oder Golfclubs mit Naturschutzgruppen oder -Verbänden untermauern diese Tatsache.
Totholz ist dabei ein wesentlicher Bestandteil dieser Golfplatz-Definition. Längst stellt sich nicht mehr die Frage, „ob“ Totholz ästhetisch ist und Teil des Platzes sein soll. Vielmehr geht es um die richtige Integration, bei der die Verkehrssicherheit beachtet wird, der Spielbetrieb nicht gestört wird und die Ästhetik passt.
Korbinian Kofler, Geschäftsführer des Wittelsbacher Golf Clubs in Bayern, ist seit seinem Wechsel zu der Traditionsanlage, die für ihren uralten und sehr vielfältigen Baumbestand bekannt ist, zu einem Kenner der Totholz-Thematik geworden. „Wir versuchen hier die toten Bäume so lange wie möglich stehen zu lassen, so wie es im Rahmen der Verkehrssicherheit eben möglich ist“, erklärt er die Strategie. Schon die tote Eiche an Bahn 1, so Kofler, sei ein Paradebeispiel für den ökologischen Wert von Totholz. „Das ist ein echtes Schauspiel, das sich da in der Nähe des Clubhauses abspielt. Was da im Sommer an Vögeln und Wildbienen unterwegs ist, ist enorm.“
Tatsächlich ist die Vielfalt an Arten, die mit Totholz in Verbindung gebracht wird, beachtlich: Laut dem Landesbund für Vogelschutz sind in Deutschland allein rund 1.350 Käferarten direkt auf Holz als Lebensraum angewiesen. Sie legen ihre Larven in Holz und tragen gleichzeitig zur Zersetzung des Holzes bei. Vögel dagegen nutzen tote Stämme und Äste vor allem als Nistplatz, Nahrungsquelle oder einfach als Ausguck. Hunderte Pilzarten besiedeln das Totholz ebenso wie Moose und Flechten und zum Teil Orchideen. Fledermäuse nutzen abstehende Rindenstücke oder alte Spechthöhlen als Wochenstuben, Kröten und Molche schätzen das feuchte Innenklima verrottender Bäume, während Eidechsen lieber auf der Außenseite in der Sonne liegen. Kurzum: Ein Stamm ist voller Leben.
Im Wittelsbacher Golf Club kann man Totholz in diversen Varianten anbieten: „Wir haben Biber, die an Pappeln knabbern, aber auch eine Linde in einer liegenden Variante zwischen Bahn 2 und 3 im Schatten“, zählt Kofler ein paar Beispiele auf. Goldstandard beim Totholzmanagement ist die Eiche. Wissenschaftliche Untersuchungen zum Beispiel der Universität Göttingen zeigen, dass Eichen die längste Verweilzeit bei einer gleichzeitig extrem hohen Artenvielfalt aufweisen. Theoretisch kann sie bei über 150 Jahren liegen, während sich Rotbuchen mehr als doppelt so schnell zersetzen.
Wieviel Totholz braucht es?
Wissenschaftliche Untersuchungen zur Biodiversität belegen, dass die Beziehung zwischen Totholzmenge und Artenvielfalt nicht linear verläuft. Ist in einem Gebiet nur sehr wenig Totholz vorhanden, führt bereits eine geringe Erhöhung des Volumens zu einer überproportionalen Steigerung der Artenvielfalt.
Die Möglichkeiten zur Positionierung sind dabei vielfältig. Im Frankfurter GC sorgt ein Totholzstamm neben dem Puttinggrün für mehr Biodiversität. Im GC Schönbuch hat man aus Totholz einen Hirschkäfermeiler erstellt. Im Wittelsbacher GC wirkt ein toter Baumstamm im Dogleg der Bahn 1 fast wie ein Kunstwerk. Auf einem Großteil aller deutschen Golfanlagen findet sich inzwischen Totholz, egal ob in Haufenform, als einzelner Baumstamm oder verbaut als Benjeshecke.
Dabei sollte auf jeder Golfanlage die Sicherheit von Spielern oder Spaziergängern beachtet werden. Astbruch ist genauso möglich wie das Umstürzen morscher Bäume. Die regelmäßige Kontrolle des Baumbestandes durch Fachleute ist deshalb Standard, ein schneller Blick des Platzwartes im Vorstandsgremium reicht nicht. Im Rahmen des Umweltzertifikates „Golf & Natur“ werden derartige Kontrollen mit den teilnehmenden Clubs aber ohnehin besprochen.
Echte Fortschritte in deutschen Clubs
Beim Verständnis der Bedeutung von Totholz stellt Dr. Gunther Hardt deshalb echte Fortschritte fest. „Die Kommunikation über die Bedeutung von Totholz muss in den Clubs natürlich geführt werden, weil es nach wie vor ästhetische Bedenken gibt. Aber wir stellen hier eindeutig eine Entwicklung zum Positiven fest. Immer mehr Golfer verstehen, dass Totholz ein wichtiger Bestandteil der Golfanlagen ist.“ Dabei verweist der Biodiversitäts-Experte auf sein Lieblings-Motto: „Unordnung ist Artenvielfalt“.







