Interview

Kaymer über Werte, Familie und LIV


12. September 2022 , Sebastian Burow


Martin Kaymer
Martin Kaymer | © Frank Föhlinger

Martin Kaymer spricht im Interview mit Golf.de über sein Jahr der Veränderungen als Familienmensch und Vater, LIV-Golf-Spieler und Charity-Gastgeber.

Am 24. und 25. August präsentierte sich das 5-Sterne-Superior-Resort Der Öschberghof am Rand des Schwarzwalds nahe Donaueschingen von seiner besten Seite, als Martin Kaymer zu seinem Charity Invitational lud. Bei bestem Wetter spielten Freunde und Prominenz Golf, hatten Spaß und sammelten stolze 111.100 Euro unter anderem für die UNICEF Deutschland Kinderhilfe Ukraine und die Krebs-Nachsorgeklinik Tannheim.

Im Zuge der überaus gelungenen Veranstaltung sprachen wir mit dem 37-jährigen zweimaligen Major-Sieger, ehemaligen Weltranglistenersten, Ryder-Cup-Held, Vater eines sieben Monate alten Sohns, Ausrichter der Martin Kaymer Junior Trophy und mit seinem Bruder Philip, Schirmherr der Helianthus Stiftung, die sich national wie international für Kinder in den Bereichen Sport, Bildung und medizinischer Versorgung einsetzt. Ziel der Unterstützung ist dabei insbesondere die Vermittlung der vier Grundwerte, für die er mit seiner Stiftung stehen möchte: Liebe, Ehrlichkeit, Respekt, Disziplin.

Golf.de: Das Martin Kaymer Charity Invitational 2022 aus Ihrer Sicht, Herr Kaymer?
Martin Kaymer: Wir haben das Turnier letztes Jahr schon hier stattfinden lassen und die Teilnehmer waren sehr happy. Es kam eine gute Summe zusammen, mit der wir das Projekt „Beweg Dich schlau!“ der Felix Neureuther Stiftung sowie eine tiergestützte Therapie für Kinder mit Behinderung der St. Franziskus Stiftung in Heiligenbronn unterstützt haben. Dieses Jahr sammeln wir für das Projekt meiner Wahl, die UNICEF Deutschland Kinderhilfe Ukraine, und die Krebs-Nachsorgeklinik Tannheim als Wahl des Öschberghofs. Als der Krieg in der Ukraine ausbrach, das hat mich mitgenommen und da habe ich mit Wladimir Klitschko, den ich ganz gut kenne, geschrieben. Mein Bruder und ich sprachen dann darüber, dass das wirklich unterstützenswert wäre. Und UNICEF kann da mit einem deutlich größeren Netzwerk als ich mit meiner Helianthus Stiftung natürlich viel besser helfen. 

Dieses Jahr haben wir ähnliche Teilnehmer wie letztes Jahr, auch das gleiche Spiel-Format, eine Willkommensparty am ersten Abend und am zweiten Abend ein Gala-Dinner mit Tombola und Versteigerung für die beiden Projekte. Und das alles bei anderem Wetter - denn letztes Jahr hatte es ziemlich geregnet und diesmal scheint die Sonne.

Die vier Werte der Martin Kaymer Helianthus Stiftung - was verbirgt sich dahinter?
MK: Die vier Werte sind natürlich heavy. Liebe gibt es auf sehr vielen verschiedenen Levels. Damit sind wir geboren, alles andere müssen wir lernen. Alle Werte sind eine Grundvoraussetzung, um sein Leben zu bestreiten. Aber es ist extrem schwierig in der heutigen Zeit, ehrlich zu sein. Nicht nur zu anderen, sondern auch zu sich selbst. Da muss man bei sich selbst anfangen, was schon schwer genug ist. Für mich geht relativ wenig ohne Disziplin. Mit Disziplin kann man sehr viel erreichen - auch weil man damit recht viele Sachen erzwingen kann. Das weiß ich aufgrund meiner Erfahrung: Mit seinem Ziel vor Augen, den richtigen Leuten an seiner Seite, dem richtigen Mindset, wenig Ablenkung und der richtigen Disziplin ist der Erfolg fast nicht zu vermeiden. Ehrlichkeit und Respekt - da hoffe ich, dass wir unserem Sohn sehr viel davon mitgeben können. Respekt nicht nur vor Menschen, sondern vor Dingen, vor dem Lebensstil, den wir leben, und vor sich selbst. Die Sportart Golf lehrt eigentlich auch schon stark diese vier Werte, nach denen mein Bruder und ich erzogen wurden und die sich in unserer Sportart widerspiegeln.

Es war das Jahr der großen Veränderungen. Wie sieht das aus? Wohn-, Trainings-, Reise-Situation - als frisch gebackener Vater und mit der LIV-Serie als Art neuem Arbeitgeber. Was passiert und verändert sich gerade?
MK: Das Schwierige derzeit ist: Du kannst die Veränderungen nicht vorhersehen. Normalerweise kennt man so ungefähr den Weg, wenn man Veränderungen anstrebt. Beim Wechsel meines Lebensorts sehe ich natürlich schon die Konsequenzen. Jetzt bei der Verwandlung oder Umstrukturierung der ganzen Golfwelt ist es ganz schwierig einzuschätzen, wo die Reise hingeht. Ich habe für mich aufgrund vieler Dinge vor einigen Monaten entschieden, die LIV Golf Tour zu spielen. 

LIV Golf vs. US PGA und European Tour

Ich hatte viele Jahren die Spielberechtigung für die US PGA Tour, war aber nie jemand, der dort gerne gespielt hat. Weil ich eben nicht in den USA leben wollte. Vielleicht weil ich zu deutsch bin. Und so arrogant will ich auch nicht sein, zu meinen, man könne mal eben für einzelne Turniere kurz rüber fliegen. Ich habe die Tourkarte nie wirklich genutzt, für meinen sportlichen Werdegang in Amerika. Zumal ich dieses Jahr die PGA-Tour-Karte verloren hätte. Ein Punkt, weswegen die PGA Tour für mich persönlich nicht der Weg für die Zukunft ist. Die European Tour hat sich meiner Meinung nach stark verändert - nicht nur die Art und Weise, wie das Geschäft betrieben wird. Auch die Perspektive für die Zukunft, wie mit der PGA Tour zusammengearbeitet wird. Bleibt abzuwarten, ob diese Entwicklung positiv ist oder nicht. Ich sehe das sehr kritisch. 

Wäre die Asian Tour eine Option neben der LIV-Serie?
MK:
Nein, ich brauche und möchte überhaupt nicht mehr Turniere spielen. Meine Problematik war die letzten Jahre, dass ich mich immer verpflichtet gefühlt hatte, manche Turniere spielen zu müssen. Jetzt mit der LIV Golf Tour ist das anders geworden. 

Was sind Ihre Beweggründe bei der Entscheidung für die LIV Golf Tour?
MK:
Viele konzentrieren sich immer nur auf das Geld. Klar, für viele auch ein wichtiger Punkt - fast in allen Jobs. Aber für mich war sportlich gesehen viel, viel wichtiger - auch wenn man die erwähnten Gründe für und gegen die European und US PGA Tour mit einbezieht -, dass ich für die nächsten dreieinhalb Jahre genau weiß, wann und wo ich spiele. Ich weiß genau, wer daran teilnimmt. Ich kann mich super auf die Turniere vorbereiten. Ich habe sehr viel Freizeit, Trainingszeit, Zeit für meine Familie. Und ich bin auch irgendwo ein Team-Spieler. 

Welchen Stellenwert hat der Team-Wettkampf bei den LIV-Golf-Events?
MK:
Das mit den Team-Wertungen hat jetzt noch nicht so gut funktioniert bei mir - auch weil ich bei den ersten drei Turnieren immer andere Teams hatte. Aber ab nächstem Jahr wird das anders aussehen. Da sehe ich noch eine ganz neue, andere Komponente bei diesen Turnieren. Ich hätte nicht gedacht, dass das im Golf nochmal so kommt.

Der Stellenwert des Teams wächst, sobald man eine Chance hat. Es wird dann so richtig spannend, wenn man mit seinem Team mit den Besten mithalten kann. Wenn man dann gegen Dustin Johnson, Patrick Reed, Pat Perez, Taylor Gooch oder so fightet. Wenn sich da irgendwann mal feste Teams formieren, dann macht das richtig Spaß. Aber klar, man spielt immer noch eine Einzelsportart. Und wie auch beim Ryder Cup - das Beste, was man für ein Team tun kann, ist, sich um sein eigenes Spiel zu kümmern. Deinen Punkt holen, deinen guten Score reinspielen.

Finden Sie drei im Vergleich zu vier Runden als Turnierformat gut?
MK:
Das will ich gar nicht bewerten. Es ist einfach eine andere Art und Weise. Aber die bei LIV gemachte Erfahrung mit drei Runden und Shotgun und ohne Cut hat total Spaß gemacht.

Wird es bald Weltranglistenpunkte auf der LIV Golf Tour geben?
MK:
Kann ich nicht viel dazu sagen. Eigentlich sollten wir ab dem 1. September Weltranglistenpunkte bekommen. Da gab es aber nun viele Veränderungen. Muss man schauen. Aber aktuell gab es glaube ich auf der European Tour acht OWGR-Punkte für einen Sieg und in den USA 68. Klar,bei einem deutlich größeren Turnier mit stärkerem Feld. Aber das ist schon eine riesige Kluft. Und ein Sieg auf der European Tour ist doch auch schon ein ziemlicher Erfolg. Da fragt man sich eben, wie stellt sich die European Tour auf? Und ist das noch meine Zukunft? Ich bin immer ein riesen Fan der European Tour gewesen und werde immer ein Unterstützer sein. Nur die Herangehensweise und wie man die Zukunft plant, sehe ich als sehr schwierig an.

Wie sieht es für Sie als US-Open-Sieger von 2014 bei diesem Major im kommenden Jahr aus?
MK:
Die Majors sind unabhängig, die US Open USGA, die PGA Championship PGA of America, Open R&A und dann das Masters. Die entscheiden dann individuell und haben es sich vorbehalten, jederzeit eigene Entscheidungen treffen zu können. Wir gehen davon aus, dass ich nächstes Jahr in Los Angeles dabei bin.

Martin Kaymer
Martin Kaymer | © Frank Föhlinger

Selbstverschuldet bedroht. Egos mal ausschalten

Die Zukunft des Ryder Cups?
MK: 
Die Zukunft des Ryder Cups sehe ich als selbstverschuldet bedroht. Ich finde es generell schwierig, eine neue Tour als Feind zu sehen. Es ist zwar ein platter Spruch - aber wenn man sich zusammensetzen würde und die Egos mal ausschalten könnte, Sachen, die man persönlich nehmen könnte, einfach mal zurückstellt und gemeinsam überlegt, wie man die Sportart nach vorne treiben könnte. Auch was den Ryder Cup betrifft. Da gibt es bestimmt viele Möglichkeiten. Aber durch diese Hetzerei von vielen Seiten wird es sehr schwierig, überhaupt noch eine Harmonie zu finden. Auch unter den Spielern. Beispielsweise haben sich ja zwei extrem erfolgreiche Ryder-Cup-Spieler ziemlich gefetzt. Da hätten viele Dinge vermieden werden können. 

Für mich ist der Ryder Cup etwas ganz Besonderes. Da kann ich nur hoffen. Mit Henrik Stenson habe ich in New Jersey Pro-Am gespielt und er hat mir die Geschichte erzählt, warum er kein Ryder-Cup-Captain mehr sein darf. Er wurde ja total zerfetzt in den Medien. Aber wenn man die ganze Geschichte kennt und die Herangehensweise von den anderen Leuten, die auf der anderen Seite des Tischs sitzen. Dann sieht man, dass das alles nicht ganz fair lief. Und es ist ja immer noch ein Event, das von Leidenschaft, Ehre, Sportlichkeit, Zusammenhalt geprägt ist. Sehr schade und schwierig, wo die Wege von den betroffenen Touren und den dahinter sitzenden Menschen hingehen. 

Die nächsten Monate werden da sehr spannend werden. Auch mit dem Meeting der PGA Tour und den Projekten von Tiger und Rory. Es wird ja auch so dargestellt, dass die Spieler immer hinter allem stehen. Aber man kann nicht behaupten, dass die alle gerade zufrieden sind. Die Spieler sind im Prinzip die Arbeitgeber - aber irgendwie fühlt sich das andersherum an. Das ist auch okay, man muss aber ein offenes Ohr haben und zuhören und nicht einfach nur eine Seite durchboxen. Sehr engstirnig gedacht von vielen.

Ich habe mich unheimlich für Max gefreut

Gerade ist etwas richtig Großes passiert: Max Kieffer hat auf der European Tour gewonnen. Was bedeutet der Sieg - für Sie, für Tour-Kollegen, für Golf-Deutschland?
MK:
Ob man jetzt eine Czech Open, eine BMW Open oder ein Major gewinnt, in Golf-Deutschland vermisse ich da schon seit jeher den Schwung. Ich habe mich unheimlich für Max gefreut. Er hat wirklich viel geackert, hatte jetzt auch noch mit einer Verletzung Pech, war so oft schon nahe am Sieg. Einmal das Stechen in Spanien, bei einem anderen Stechen war ich in Österreich dabei. Ich habe mich einfach sehr für ihn gefreut - er hat es richtig verdient.

Und für mich: Ja, das ist immer inspirierend. Ich warte jetzt auch schon acht Jahre auf einen Sieg - aber ich habe davor wenigstens schon mal gewonnen gehabt. Und auch für jeden anderen deutschen Spieler gibt das etwas Positives mit auf den Weg. Als kleine Inspiration, vielleicht nochmal ein bisschen mehr zu machen. Aber unabhäng von allem: Jetzt weiß er, dass er es kann. Und es wurde ihm nicht geschenkt, er hat es durchgezogen, noch ein Birdie an der 17 gemacht und es richtig gut heimgespielt. Das hat er richtig gut gemacht.


Nochmal zurück zur aktuellen Situation mit Caddie, Trainer, Lebensmittelpunkt. Wir darf man sich Ihren Alltag vorstellen?
MK:
Ich hatte mir die letzten Jahre oft nicht die Zeit genommen, um auf kleine Einzelheiten in meinem Training einzugehen. Letzte Woche war mein Putt-Trainer in Düsseldorf und wir haben zwei Tage intensiv zusammengearbeitet. Diesen Raum habe ich jetzt auf einmal. Auch wenn ich mal zwei, drei Wochen frei habe. Mal überhaupt zwei oder drei Tage zuhause mit der Familie zu haben, war nicht so einfach. Und das kann ich jetzt viel leichter mit reinpacken.

Ansonsten habe ich ein starkes Team um mich herum: Die Familie und mein Bruder Philip - nicht nur mit unserer Stiftung -, Craig Connelly ist als mein Caddie eigentlich schon immer dabei, auch Günter Kessler als mein Trainer. Dann Manager Johan Elliott seit diesem Jahr wieder, der für LIV Golf schon lange dabei ist und auch für andere Spieler Verträge ausgehandelt hat und auch für LIV als eine Art Consultant Verträge aufsetzt. Ein guter Mann, um Hintergrundwissen über diese Tour zu bekommen, wo die hinwollen, wer dahinter steht. Man kann ja nicht einfach sagen, Saudi-Arabien ist dahinter. Und da hat Johan super Zugriff darauf gehabt und mich weitergebracht.

Wie will sich die LIV Golf Tour entwickeln?
MK:
Der Plan ist kurzfristig, die nächsten dreieinhalb Jahre alles aufzubauen. Damit das Gerüst steht. Dann wird es wahrscheinlich eine Art Team-Ownership geben. Das heißt, Sponsoren A, B, C können ein Team kaufen. Beispielsweise Firma Hugo Boss möchte gerne Team Dustin Johnson kaufen, bezahlen Summe X, Y und DJ hat vier Spieler und kann das Geld mit dem Sponsor an die Spieler verteilen. Damit ist das wie in der Formel 1 das Hugo-Boss-Team. Da will die Tour hin. 

Vielen Dank für das Gespräch, Martin Kaymer!