McIlroy spielt sein eigenes Turnier
Bethesda, Maryland: Wer soll Rory McIlroy bei der 111. US Open noch stoppen? Nach der dritten starken Runde gibt es nur noch wenige Zweifel. Mancher Konkurrent hofft jedoch noch.
Sie ist fast so alt wie Majors - und wohl eine der unbeliebtesten Listen unter Profigolfern überhaupt: Die Aufreihung der besten Spieler ohne Major-Titel. Colin Montgomerie weiß davon einiges zu erzählen, wenn es ihm auch sicherlich schwerfallen würde. Abseits aller Rationalitäten ist eine Top-Karriere mit noch so vielen Turniersiegen ohne Major-Titel deutlich weniger wert. Und wenn die Nummer eins der Welt ohne einen dieser Titel auskommen muss, muss er sich mehr über das Fehlen des einen als über das Erreichen des anderen Ziels anhören.
Auch Lee Westwood war als Nachfolger von Tiger Woods an der Spitze der Weltrangliste oft mit der Tatsache konfrontiert, dass er es trotz unzähliger Top-3-Ergebnisse bei Majors noch nie nach ganz oben geschafft hatte. Seit der US Open 2008 war er fünfmal Zweiter oder Dritter. Selbst in den USA würde dem Engländer inzwischen wohl fast jeder den Titel bei dieser US Open gönnen - ebenso wie Rory McIlroy, der es momentan deutlich leichter hat bei dieser Mission. Unter den verbliebenen Top-Spielern sind die beiden Briten - gemeinsam mit Sergio Garcia - weltweit gesehen die wohl beliebtesten. Es könnte sich also ein spannendes Finale zwischen zwei Lieblingen der Massen ergeben. Wenn, ja wenn zwischen McIlroy und Westwood vor dem Sonntag nicht neun Schläge liegen würden.
US Open 2011 - Runde drei
"Man weiß nicht, was Rory morgen macht", sprach sich Westwood nach seiner starken 65 am Samstag Mut zu. "Es ist nicht klar, wie er mit dem großen Vorsprung klar kommt." Der 38-Jährige ging nun auch verbal auf Angriff: "Er hatte das schon mal in einem Major und hatte damit Probleme. Das ist einiger Druck für ihn, auch in Bezug auf diese Geschichte. Wir werden sehen." Westwood versucht mit dem Hinweis auf McIlroys Masters-Absturz alles, um jede verbliebene kleine Chance wahrzunehmen. Zuvor hatte er auf der schwierigen zweiten Neun sportlich alles getan und sensationelle fünf unter Par gespielt. So schob er sich spät im Turnier doch noch in den Kreis der Verfolger.
Zum Zeitpunkt der Aussagen betrug Westwoods Rückstand auf McIlroy sieben Schläge. Es wurden mehr, der Druck scheint dem 22-Jährigen auch weiterhin nichts auszumachen. Der Nordire spielte am Samstag vier Birdies bei einem Bogey. Es sieht nach einem vergeblichen Unterfangen aus, sich als Verfolger hier noch Hoffnung auf die 1,35 Millionen US Dollar Siegprämie zu machen. Die 14 unter Par sind ein weiterer Rekord für US Open, nur ein Bogey und ein Doppel-Bogey auf 54 Löchern bei diesem Major waren zudem bis vor kurzem unvorstellbar. "Kein Vorsprung ist groß genug", sagte McIlroy am Abend, "du brauchst den Killerinstinkt."
Den hat er sich jetzt angewöhnt. Auf dem Platz und auch im Medienzelt bei der Pressekonferenz strahlt McIlroy eine Selbstsicherheit aus, die zwischen gebotener Arroganz eines kommenden Major-Siegers und gesundem Bewusstsein der eigenen Stärke pendelt. Zum sechsten Mal wird er in diesem Jahr als Führender eines Major-Turniers ins Bett gehen. Daran wachse er, sagt er. "Beim ersten Mal war es ein ganz anderes Gefühl. Je öfter ich aber in dieser Lage bin, desto wohler fühle ich mich dabei."
Auf der Jagd nach Jacks Rekord?
Geht es nach der Konkurrenz, wird er sich auch bald an Major-Siege gewöhnen. Manche sehen ihn ihm den neuen Woods, andere, wie Padraig Harrington sagen voraus, dass er der sein könnte, der Jack Nicklaus' Rekord von 18 Major-Siegen brechen könnte. McIlroy musste schmunzeln, als er von Harringtons Prognose hörte, und murmelte: "Paddy, Paddy, Paddy". McIlroy will erstmal nur auf den kommenden Tag schauen, mehr interessiert nicht. Während der Runde kam er zufällig irgendwann auch an Lee Westwood vorbei. Auf die Frage, ob sie gesprochen hätten, antwortete McIlroy nur, dass er seinen Verfolger überhaupt nicht wahrgenommen habe. Der Tunnelblick funktioniert.
Zwischen McIlroy und Westwood (-5) liegt nach 54 Löchern noch Y.E. Yang bei sechs unter Par. Mit einer soliden 70er Runde konnte der Südkoreaner keinen Druck auf seinen Flightpartner aufbauen. Im Gegenteil: McIlroy (68) vergrößerte seinen Vorsprung um zwei Schläge. Hinter Yang platzierten sich der junge Australier Jason Day (65), der zuletzt auch als Zweiter beim Masters überzeugt hatte, und Robert Garrigus (68) als bester US-Golfer bei fünf unter Par. Dahinter lauern Fredric Jacobson (66), Matt Kuchar (69) und Sergio Garcia (69) bei vier unter Par auf den in jedem Fall noch zu vergebenden zweiten Platz.
Wenig US-Hoffnung
Der letzte Rest US-Hoffnung auf den ersten Major-Titel seit über einem Jahr ruht also auf Robert Garrigus und Matt Kuchar. Vor dem Turnier und sogar noch vor dem Wochenende hatte mancher Fan seinen Blick noch erwartungsvoll Richtung Phil Mickelson gerichtet. Doch der 41-Jährige schaute nicht zurück - beziehungsweise erfüllte die Wünsche nicht. Seine 77 am Samstag warf Mickelson weit zurück. Nach einem soliden Auftakt klappte auf der zweiten Neun plötzlich nichts mehr: drei Bogeys, zwei Doppel-Bogeys. "Irgendwie ist es am Ende teilweise auseinandergefallen." Ab dahin sprach er bezeichnenderweise in der Vergangenheit: "Ich habe die Woche genossen. Es war ein tolles Turnier."
Rory McIlroy würde das vielleicht auch gerne sagen. Doch noch muss er 18 Löcher warten. Dass er diesmal wieder umsonst wartet - daran glauben inzwischen nur noch ganz wenige. Die Chancen stehen gut, dass Rory McIlroys Name bald nicht mehr auf einer sehr unbeliebten Liste auftaucht.
fpf




