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Golf: Stresstherapie oder Stressverstärker?

 

Ob zu Hause, im Job oder in der Schule – Stress und Leistungsdruck haben in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen. Nach dem neuesten Stand der Forschung sind 60 Prozent aller versäumten Arbeitstage auf Stress zurückzuführen. Außerdem zeigt bereits jeder fünfte Deutsche typische Stresssymptome wie Herzrasen, Schlafstörungen oder Kopfschmerzen.

Eigentlich diente Stress in Urzeiten dazu, in einer Gefahrensituation die richtige Entscheidung zu treffen und wenn nötig, sich zu verteidigen oder schnellstens zu fliehen. In so einem Zustand produzierte der Körper sehr rasch eine Kaskade von Stresshormonen (Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol), die zur überlebenswichtigen Aktivierung unterschiedlicher Körperfunktionen geführt hat.

Obwohl wir in unserer Zivilisation meist nicht mehr Gefahrensituationen ausgesetzt sind – erst recht nicht auf dem Golfplatz –, haben wir trotzdem diese entwicklungsphysiologischen Mechanismen beibehalten und reagieren in Stresssituationen noch immer genauso heftig. Während uns diese automatischen Reaktionen früher überlebensnotwendig waren, führen sie heutzutage zu verschiedenen Krankheiten und im Extremfall zum immer häufiger diskutierten Burnout-Syndrom.

Da kommt ein Sport wie Golf eigentlich genau recht. Man bewegt sich an der frischen Luft, ist in der Gesellschaft von meist netten Leuten, kann sich auf eine Sache konzentrieren und darf vom Job abschalten. Dennoch passiert es gerade bei Amateurgolfern häufig, dass aus der eigentlich schönsten Nebensache der Welt ein zusätzlicher Stressfaktor entsteht, der den Alltagsstress im Job und zu Hause eher noch verstärkt als ihn abbaut.
Die von meinen Schülern am häufigsten geschilderten "Stressfallen" rund ums Golfen fallen grundsätzlich in drei Kategorien: schlechte Organisation, falsche Erwartungen und mangelnde Kenntnis von Entspannungstechniken.

  • Schlechte Organisation

Kennen Sie das Gefühl, wenn Sie wieder mal zu spät aus dem Büro oder von zu Hause los kommen, auf dem Weg noch ein wichtiges Telefonat erledigen, nebenbei noch schnell ein Sandwich verschlingen und unter Inkaufnahme von möglichen Punkten in Flensburg krampfhaft versuchen so schnell es nur geht auf den Golfplatz zu rasen? Angekommen geht's sofort auf den ersten Abschlag wo Ihre Mitspieler schon warten. Dass Sie sich so nicht die beste Chance auf eine erfolgreiche Runde geben ist offensichtlich.

Denn was passiert? Wir versetzen unseren Körper in einen physiologischen Stresszustand, Stresshormone werden ausgeschüttet, der Blutdruck und die Muskelspannung steigen und die feinmotorischen sowie sensorischen Fähigkeiten werden beeinträchtigt. Sowohl unser Schwunggefühl als auch unsere Fähigkeiten unser Ziel zu visualisieren können dadurch behindert werden. Und da die hormonelle Stresssituation in unserem Organismus Zeit braucht um sich wieder zu normalisieren, kann uns dieser Nachteil noch einige Löcher beeinflussen.

Wenn der Mangel an Organisation dann noch bewirkt, dass die Ausrüstung lückenhaft ist, ist oft schon für den nächsten vermeidbaren Stress auf der Runde gesorgt. Fehlen z.B. das Regencover für die Tasche oder etwas zu trinken, ist es noch schwerer, den idealen Leistungszustand zu erreichen.

  • Falsche Erwartungen und mangelnde Einstellung

Die wohl schwerwiegendste Stressfalle ist die falsche Erwartung. Gerade in Deutschland besitzt das Handicap bei vielen Amateuren eine große Bedeutung. Viele setzen sich Handicap-Ziele und der Erfolg einer Saison und die Freude am Golf werden maßgeblich an der Erreichung dieses Handicap-Ziels gemessen.

Gegen ein Saisonziel ist generell nichts einzuwenden, dennoch: Wenn Sie sich zu sehr am Score und am Handicap orientieren entsteht automatisch ein innerer Druck, weil beides nicht kontrollierbar ist. Sie können uns nur die besten Voraussetzungen schaffen, alles geben und dann sehen was herauskommt. Selbst nach einem schlechten Score wird die Welt nicht untergehen. Annika Sörenstam demonstrierte diese Einstellung eindrücklich als sie 2003 als erste Frau bei einem Turnier der US PGA Tour mitspielte. Im Vorfeld des Colonial in Texas wurde ihre Teilnahme in der Presse und der gesamten Golfwelt kontrovers diskutiert. Es gab einige Befürworter, aber auch viele vehemente Gegner. Jeder schaute gespannt darauf, was sie wohl spielen würde und der Druck schien auch für die damalige Nummer eins der Damen-Tour ins Unendliche zu steigen. Als sie jedoch am ersten Turniertag zum ersten Abschlag ging, sagte sie zu ihrer Trainerin folgendes: "Das Schlimmste was mir heute passieren kann, ist dass ich etwas dazulerne!" Obwohl die gesamte Golfwelt um sie herum verrückt spielte, schaffte sie es die Situation richtig einzustufen und somit den Stress effektiv zu managen.

Auch bei uns Amateuren geht es nicht um Leben und Tod. Behalten Sie Annikas Worte im Hinterkopf und lenken Sie die Aufmerksamkeit mehr auf den Prozess des Spielens und darauf, was Sie dazulernen können. Mit dieser Einstellung entstressen Sie Ihr Spiel enorm und schaffen uns gleichzeitig eine deutlich bessere Chance auf Erfolg.

  • Mangelnde Fähigkeiten in Entspannungstechniken

Mit einer guten Organisation, Energieversorgung und mentalen Einstellung können Sie den potenziellen Stress auf dem Golfplatz – und im Leben allgemein – bereits erheblich reduzieren. Komplett vermeiden können Sie ihn aber nicht. Auch mit einer noch so guten Vorbereitung passieren Fehler. In diesen Situationen sind Techniken der Relaxation gefragt, die bei den meisten nur spärlich ausgeprägt sind. Wer sich jedoch eine Entspannungstechnik wie die Atementspannung, autogenes Training, progressive Muskelrelaxation, Meditation oder ähnliches angeeignet hat, kann gerade in solchen Momenten darauf zurückgreifen. Geübte Anwender von Entspannungstechniken können sich innerhalb weniger Minuten oder sogar Sekunden in einen messbar positiveren und weniger gestressten Zustand versetzen. Da die Ausführung dieses Themas hier den Rahmen sprengen würde, werde ich in einem der nächsten Beiträge speziell darauf eingehen und schildern wie Leistungssportler die Techniken der Relaxation für sich verwenden. Soviel aber schon vorweg: Mit täglich fünf bis zehn Minuten Training können Sie einen erheblichen Fortschritt im Umgang mit Stress erzielen.

Zusammenfassend bin ich davon überzeugt, dass Golf eine exzellente Stresstherapie darstellen kann. Vermeiden Sie deshalb die häufigsten Stressfallen und

  • achten Sie darauf, dass Sie gelassen zum Golfplatz fahren.
  • lösen Sie sich vom Score und der Bedeutung des Handicaps. Fokussieren Sie sich stattdessen darauf etwas dazuzulernen und den Tag am Golfplatz zu genießen.
  • trainieren Sie Entspannungstechniken und wenden Sie diese in stressigen Situationen an.


Text: Herbert Forster

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Christian Neumaier ist Leiter der Golfschule Beuerberg und Trainer des südafrikanischen Champions-Tour-Profis David Frost. In den Trainings-Videos sind außerdem Leslie Schanz und Alex Linner zu sehen.