Bild Information:

Projekt Schwung

Nachgehakt
 

David Leadbetter ist die Nummer eins im Lehrgeschäft - und hat zum Jahresbeginn mit Lydia Ko den jüngsten Superstar übernommen. Ein Portrait über einen der bekanntesten Golflehrer der Welt. 

Damals, als er seine Arbeitsbeziehung mit Nick Faldo begann, war er in der Welt des Profigolfs eine Art Exot: Der Full-Time-Coach David Leadbetter, dessen Aufgabe es war, den Schwung eines Spielers British-Open-reif zu machen. 1985 begann das Duo mit der Analyse, der Zerlegung und dem Neuaufbau der Schlagbewegung. "Er hatte einen Ballflug mit furchtbar viel Spin, der überhaupt nicht durchdringend war", hat Leadbetter den Faldo-Schwung zum Start des Projektes oft beschrieben. "Es war einer dieser traditionellen Schwünge aus den 1970er Jahren, bei denen das Finish der Hände sehr hoch ist und sich die Beine stark bewegen. Sein Hauptziel war es, eine Open zu gewinnen, und er wusste, dass sein Schwung umgebaut werden musste, damit er erreichen konnte, was er wollte." - drei Jahre später hob Nick Faldo die Claret Jug in die Höhe und gewann die Open Championship 1987 in Muirfield mit 18 Pars in der Finalrunde gewonnen.

David Leadbetter war zu einer Berühmtheit geworden. "Das war ein Job, bei dem man im Scheinwerferlicht stand. Alle Augen waren damals auf Faldo gerichtet", hat er dem US-Magazin Golf Digest einmal die Wirkung der 14-jährigen Zusammenarbeit erklärt, in die allein sechs Major-Titel fielen. "Diese Beziehung hat unserem Geschäft wirklich geholfen. Davor war die allgemeine Meinung, dass Top-Spieler nicht wirklich Unterricht nahmen. Sie übten nur und spielten. Als Nick seinen Schwung mit meiner Hilfe umbaute, hat das die Gedanken der Spieler komplett verändert. Danach fing jeder an, sich mit Lehrern zusammenzutun und konstant an seinem Spiel zu arbeiten. Seine Herangehensweise wurde zu einer Art Modell."

Nick Faldo, längst nicht mehr als Spieler aktiv, sitzt inzwischen häufig in der Fernsehkabine und kommentiert die Schwünge seiner Nachfolger. Gar nicht so selten sind es Leadbetter-Schüler, die er da vor Augen hat. Sein Ex-Coach aus Sussex, der wie so viele andere Top-Lehrer selbst als Profi nie gut genug war, nützte  seine frühe Popularität und gilt seit Jahrzehnten als die Nummer eins im Lehrgeschäft. Manche Golf-Insider, die es nicht ganz so gut mit dem Briten meinen, sprechen von "dem Mann, der die Golf-Lehr-Industrie erfunden hat."

Tatsächlich ist der Marke "David Leadbetter" kaum zu entkommen, fängt man einmal an, sich mit der Lehre vom Golfschwung zu beschäftigen. Da sind die Bücher, die Lehrvideos, die Trainingshilfen, die unter seinem Namen laufen. Da ist das Hauptquartiert der David Leadbetter Academy in Championsgate, Florida, von dem aus inzwischen weltweit 28 permanente Akademien betrieben werden. Egal ob in München, China oder Spanien - wer Leadbetter-Trainingsinhalte will, erhält sie fast überall weltweit. Inzwischen gibt es auch Fitness- und Mentaltraining dazu und wer sich den Großmeister für einen Tag selbst leisten will, um ein klein wenig an seinem Schwung zu arbeiten, bekommt für angeblich 10.000 Dollar einen Tag Individualtraining. Ambitionierte Jugendliche aus aller Welt trainieren im Leadbetter-Internat in Florida, das als erstes seiner Art im Golfsport die Herangehensweise des Nick Bollettieri im Tennis kopierte. Leadbetter selbst ist als Werbefigur bei Callaway genauso im Einsatz wie als Redner bei Kongressen. "Die Welt ist irgendwie ein lustiger Fleck, alles ist immer so in Eile, so hektisch, alles dreht sich um den allmächtigen Dollar", beurteilt er seine geschäftlichen Aktivitäten mit einem kleinen Augenzwinkern.

Am Ende aber steht Leadbetter noch immer auf der Driving-Range und beurteilt Schwünge. Ab und an sieht man ihn auf der Range bei den Major-Turnieren stehen. Die Augen verdeckt in der Regel eine schwarze Sonnenbrille. Er ist ein eher unauffälliger Mensch, keiner, der sich bei jeder Gelegenheit ins Bild drängt. "Ich muss nichts mehr beweisen", meint Leadbetter selbst. Tatsächlich ist es ohnehin so, dass er automatisch vor die Fernsehkameras gerückt, von Spielern umworben wird, keinen Mangel an Stars hat. Ernie Els, Justin Rose, Nick Faldo und Nick Price haben bei ihm trainiert. Suzann Pettersen zählt zu seinen aktuellen Schützlingen, ebenso wie Michelle Wie.

Sein jüngster Coup ist zweifellos die Verpflichtung von Lydia Ko, neuseeländischer Superstar, gerade einmal 16 Jahre alt, trotzdem bereits die Nummer vier der Welt. Der Wechsel des Teenagers von ihrem neuseeländischen Trainer Guy Wilson zum Leadbetter-Team zum Jahreswechsel hat für Aufsehen gesorgt. Wilson, so die Kritiker, habe die erfolgreiche Aufbauarbeit geleistet, jetzt wo es um Titel, große Preisgelder und Major-Ruhm gehe, komme Leadbetter ins Spiel. Aus der Perspektive des neuen Coaches könnte man die Lage auch anders sehen: Kos Schwung gilt für ihr Alter als nahezu perfekt, ihre Erfolge sind kaum zu toppen - gerät die Erfolgsgeschichte in den nächsten Monaten ins Stocken, muss sich wohl Leadbetter mit seinem Trainer Sean Hogan, der Ko direkt betreut, die Frage nach den Gründen gefallen lassen.

"Ihr Talent ist unglaublich, nichts bringt sie aus der Ruhe", sagt der 61-Jährige von Ko begeistert. "Sie hat eine gewisse Aura, sie kann sicherlich eine der ganz Großen werden. Sie erinnert mich so sehr an Annika." Die Schwedin Sörenstam ist neben Faldo eines der größten Erfolgsprojekte Leadbetters. Andererseits aber hat er im Verlauf seiner Karriere auch gelernt, mit Misserfolgen zu leben. Mit Severiano Ballesteros hat er zum Ende der Karriere ein Jahr lang versucht, einen rückenschonenden Schwung zu finden. "Als er jung war hatte er diese unglaubliche Drehung - wahrscheinlich drehte er die Schulter um 120 Grad - und schlug den Ball entsprechend weit", beschreibt er den Versuch der Zusammenarbeit. "Aber seine Mentalität war so, dass er sich keine Veränderungen erlaubte." Leadbetters Ansatz von einem kurzen, kompakten Schwung lief ins Leere. Seve Ballesteros suchte beim nächsten Trainer-Guru sein Glück.

Michelle Wie dagegen ist ihm als Schülerin geblieben, obwohl die Amerikanerin jenes Potential, das auch er in ihr sah, nie nützte. Die Beziehung der beiden war nicht immer von Eintracht geprägt. Leadbetter hat nicht nur die fehlende 100-prozentige Motivation seines einstigen Wunderkindes beklagt, sondern auch die Tatsache, dass der Teenager ab und an mit nicht ganz ausgeheilten Verletzungen an den Start geschickt wurde. Sein Satz "man hofft ja nur, dass sie nicht den Burnout-Knopf drücken", den er im Hinblick auf Lydia Ko und ihre Team im Januar gegenüber dem amerikanischen Journalisten Tim Rosaforte fallen ließ, mag auch auf seinen Erfahrungen mit dem Wie-Team gründen.

Aber auch hier gilt: Leadbetter hat längst gelernt, mit all diesen Betreuern, Ernährungsberatern, Sport-Psychologen, Pressesprechern und Marketingberatern zu leben, die heute jeden Top-Spieler umgeben. "Da verliert man den Verstand", ist alles, was der 61-Jährige dazu sagt. Natürlich, auch er und Nick Faldo haben damals zu Beginn ihrer Kooperation einen Zwei-Jahres-Plan gemacht, aber wirklich planbar ist der Erfolg am Ende nicht. "Golf auf höchstem Niveau", gibt Leadbetter zu bedenken, "ist immer noch eine Kunstform und nicht nur Wissenschaft."

Anhänge

Anzeige
Anzeige