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Vom Platz auf die Sitzungscouch

Handicap Papa
 

Kaum klemmt es auf dem Golfplatz, muss die Familie als Ausrede herhalten. Doch da hat unser Handicap-Papa-Kolumnist die Rechnung ohne jene Golf-Papas gemacht, die alles unter einen Hut bringen und tolles Golf spielen.

Liebe Leser, was soll ich groß drumherum schreiben und Ihnen mit Heldengeschichten die Taschen vollhauen? Nein, ich bin nicht ins Profilager gewechselt und habe wegen der vielen Sponsorentermine das Schreiben vernachlässigt. Es ist leider deutlich banaler: Das Handicap Papa hat die letzten Wochen voll zugeschlagen. Unser Jüngster hatte Eingewöhnung im Kindergarten (und Papa durfte das übernehmen, stöhn…), für unsere Große ging die Schule wieder los und obendrein hat meine Freundin einen neuen Job begonnen - was die familiären Abläufe tüchtig durcheinander gewirbelt hat.

Aber es kommt ja noch viel dicker! Ich hatte nicht nur keine Zeit zum Schreiben, sondern vor allem keine Zeit für Golf! In diesem Sinne wäre der obige Satz im Konjunktiv ("würde am liebsten Golf machen…") mehr auf den Punkt. Aber da haben die Kids uns Erwachsenen eben wirklich einiges voraus: Der Konjunktiv findet bei ihnen (noch) nicht statt. Jetzt. Machen. Auf der Stelle. Statt hätte, würde, könnte.

Zeit für eine Delphin-Therapie

So gesehen, hätte ich mir von meiner Tochter, der Urheberin des Satzes, etwas mehr abschauen sollen. Und zwar bevor ich mich trotz tiefsten Formtief zur Clubmeisterschaft anmeldete. Hätte ich mal lieber lassen sollen. Ich erspare Ihnen die Details. Zudem empfahl mir meine Therapeutin, die traumatischen Ereignisse erst bei einer Delphin-Therapie zu verarbeiten - bevor ich öffentlich darüber rede. Nur so viel: Die Scorekarte der ersten Runde erreichte noch nicht einmal das Clubsekretariat, sie wurde noch am Grün der Bahn 18 während eines satanischen Rituals gemeuchelt und verrottet nun im dortigen Papierkorb.

Na klar, wie es sich für einen Schönredner gehört, relativierte ich das Desaster natürlich auf der Stelle. Die Familie, der Job, zu viel zu tun, keine Zeit zum Trainieren - wie soll man da Golf auf Tour-Niveau spielen? Ich war fast geneigt, meinen eigenen Ausflüchten Glauben zu schenken, da erreichte mich die E-Mail eines Lesers dieser Kolumne. Worüber ich mich außerordentlich gefreut habe. Denn ich freue mich immer über Post von Ihnen, liebe Leser! In der E-Mail schilderte mir der Golf-Papa sehr amüsant seine Handicap-Papa-Erlebnisse: Bei ihm geht's mit vier (!!!) Kindern, zwei Carts, Vater, Schwiegervater und Schwiegermutter über den Platz.

Und jetzt kommt's! Am Ende der Mail wünschte er mir alles Gute für meine Mission und schloss mit den Worten: "Ich bin selber weiterhin bei Handicap 4,0 - trotz oder gerade wegen der Kinder." Na herrlich! Mir schwante, dass meine Ausreden einfach etwas dünne sind. Andere Papas bekommen es ja offensichtlich auch hin! Was obendrein sogar die Ergebnisliste unserer Clubmeisterschaft bestätigte. Denn der Clubmeister der Herren meines Heimatclubs ist dreifacher Papa und hat dank eigener Firma auch ordentlich viel um die Ohren. Er spielte zur Meisterschaft eine 73, eine 75, eine 80. Noch Fragen?

Eine Ausreden-Schippe obendrauf

Da nun Familie, Job und Zeitnot einfach nicht mehr als Ausrede taugten, packte ich eine Ausreden-Schippe drauf und kam zu der denkbar simplen - aber durchaus einleuchtenden - Erkenntnis: Ich bin einfach unfähig! Talentfrei. Es reicht halt nur für Handicap Vierzehnkommairgendwas. Mit meiner koordinativen Inkompetenz komm ich nicht unter 83 Schläge, fertig. Und wissen Sie was!? Ich war ziemlich zufrieden mit dieser Erkenntnis. Ich hatte auch gar nicht das Gefühl, mich in Selbstmitleid zu suhlen. Einer meiner besten Freunde ist handwerklich auch viel begabter als ich und folglich ein ganz hervorragender Fliesenleger. Das kann ich ja auch neidlos akzeptieren, ohne in Depressionen zu verfallen.

Blöderweise - und Sie ahnen es - wurde aus diesem neuen Ausreden-Konstrukt auch nichts. Denn kaum hatte ich mich mit mir selbst auf die Talentfrei-These geeinigt, ging ich vorige Woche auf den Golfplatz. Neun Bahnen wollte ich gehen, es wurden doch 18 - und am Ende notierte ich 80 Schläge! Ohne Schummeln, ohne Mulligan, ohne reihenweise gefallene 15-Meter-Putts; also ohne irre viel Glück.

Also nun mal ehrlich! Dieses Spiel treibt einen doch in den Wahnsinn; und dabei dachte ich immer, dafür sind eigentlich meine Kinder zuständig! Völlig falsch gedacht. Denn jetzt brauche ich ja eine Ausrede dafür, weshalb ich offensichtlich doch nicht total talentfrei bin! Oder brauche ich vielleicht doch eher eine Doppelstunde bei meiner Therapeutin? 

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Fabian Kendzia:
• Alter: 42 Jahre
• Wohnort: Erfurt, Thüringen
• festangestellt in einer Werbeagentur
• Familienstand: Freundin, 2 Kinder

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