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Wie Sie sehen, sehen Sie nichts

Handicap Papa
 

Kaum ist unser Handicap-Papa-Kolumnist aus dem Urlaub zurück, steht er auf der Range und vor einem echten Problem: Sein Golf-Buddy zeigt ihm seinen neuen Schwung, der eigentlich ziemlich alt aussieht. Was tun? Wahrheit sagen oder herumeiern?

Endlich, das Leben hatte wieder einen Sinn! Denn nach zwei Wochen Familienurlaub - ohne Golf, dafür als Vollzeitkindergärtner - betrat ich nun wieder die heimische Range. Ich war bereit für wirklich Großes. Schließlich hatte ich die verregneten Ostsee-Urlaubstage mit intensivem Youtube-Studium diverser Schwunggurus verbracht und war mir nun sicher: Jetzt weiß ich, was zu tun ist, um den Rest der Saison mit Fabelrunden zu spicken.

Der Ballautomat rumpelte. Die Sonne schien (endlich mal). Der Wind säuselte. Plötzlich, ein mordsmäßiges Geplärre durchbrach das Idyll: "Aaaaaalter!" Es kam vom anderen Ende der Range. Dort stand einer meiner Golf-Buddies und wedelte aufgeregt mit einem Schläger in der Hand. Wieder Geplärre: "Aaaalter, endlich bist du wieder da! Komm ran, ich muss dir was zeigen." Eilfertig schnappte ich meinen Ballkorb und schlurfte zu ihm rüber. Kaum hatte ich seine Abschlagsmatte erreicht, begann er auch schon mich zu agitieren: "Du musst dir meinen neuen Schwung angucken, Hammer! Ich habe alles umgestellt, ich schwinge jetzt wie Jordan Spieth. Geht voll ab! Hier, guck hin..." Er holte aus und drosch einen Ball mit seinem üblichen Push-Slice ins Nirgendwo der Range. "Und, was sagste? Geil, oder?"

What you feel is not real

Diplomatisch bat ich ihn, mir doch noch ein paar Schwünge zu zeigen. Blöd nur, dass ich bei allem guten Willen auch zehn Schwünge später keinen Unterschied zu seiner üblichen - mir wohlbekannten - Bewegung erkennen konnte. Und die hatte mit Spieths Schwung so viel zu tun wie der lädierte Tiger Woods mit einem Major-Sieg. Trotzdem war er Stein und Bein der Meinung, nun wirklich alles anders zu machen und jetzt zu schwingen wie der aktuelle Open-Champion.

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts. Mein Buddy war natürlich ein Opfer dieser ollen Teaching-Pro-Weisheit: What you feel is not real. Und ich war in der Bredouille. Immerhin hat er die letzten Wochen ein Vermögen in Trainerstunden investiert und womöglich fühlt sich der Schwung für ihn tatsächlich anders an. Nur ich konnte da keinen Unterschied sehen. Zumal auch die Treffer nicht wirklich zum Dahinschmelzen waren.

Pro-Tipp vom Spielplatz

So stand ich also da wie ein eingenässter Pudel und wusste nicht, was ich sagen sollte. Wahrheit sagen oder herumeiern? Gar anlügen? Da fiel mir glücklicherweise eine Begebenheit ein, die ich erst kürzlich auf dem Spielplatz erlebt hatte:

Ich war mal wieder dabei, unseren Hooligan-Sohn zu bändigen, da kam ein befreundetes Pärchen angewackelt. Ein Schein der Glückseligkeit umgab die beiden. Kein Wunder, sie waren nämlich gerade Eltern geworden und noch komplett im Überglücklich-Modus. Beim nun folgenden Prozedere (dem Blick in den Kinderwagen) kam ich genauso in die Bredouille wie bei meinem Freund und seinem angeblich neuen Schwung. Denn wie beim Golfschwung ist auch beim eigenen Kind der Unterschied zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung riesig: Für die beseelten Neu-Eltern ist das Neugeborene das niedlichste und schönste Kind der Welt, für Außenstehende ist es eine verschrumpelte Nektarine mit Nase und Augen.

Und genau für solche Fälle habe ich einen Pro-Tipp parat: Wenn Sie beim Blick in den Wagen trotz allem guten Willens nichts niedliches erkennen können, sondern nur ein zerknautschtes sabberndes Bündel (was nämlich alle Babys in Wahrheit sind), dann loben Sie ein Detail! "Der/die hat aber süße Ohren, Hände, Bäckchen etc." Somit sind Sie fein raus: Sie haben sich positiv geäußert, ohne die Rosarote-Brille-Eltern mit einem "mh, sieht aus wie Gollum!" zu düpieren.

Ich fühle den Rory in mir

Diesen Trick nutzte ich nun auch auf der Range. Statt meinen Freund mit einem "Also ich seh da nix Neues", zu demotivieren, lobte ich Details: "Starke Beinarbeit. Jo, stehst echt gut im Finish. Guuute Balance." Mein Buddy war glücklich und er entließ mich, so dass ich selbst ein paar Bälle schlagen konnte. Und was soll ich sagen? Die urlaubsbedingte Golfpause hat mir anscheinend wirklich gut getan. Ich schwinge nämlich jetzt wie Rory McIlroy. Kein Quatsch! Definitiv! Es fühlt sich genau so an!

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Fabian Kendzia:
• Alter: 42 Jahre
• Wohnort: Erfurt, Thüringen
• festangestellt in einer Werbeagentur
• Familienstand: Freundin, 2 Kinder

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