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Das Tiger-Woods-Syndrom

Handicap Papa
 

Frühkindliche Förderung? Nicht mit unserem Handicap-Papa-Kolumnisten. Doch kaum geht es um Golf, kann es ihm gar nicht schnell genug gehen, den Nachwuchs auf die Range zu zerren.

Was die frühe Förderung unserer Kinder betrifft, bin ich ein eher entspannter Zeitgenosse. Kantonesisch im Kindergarten, Vorschul-Qigong, Strawinsky-Krabbelgruppe - das alles geht mir ehrlich gesagt am Allerwertesten vorbei. Und während sich Dinkelkekse backendende Muttis in ihren Niedrigenergiehäusern das Hirn zermartern, mit was sie Lea-Henriette und Konstantin-Malte noch so alles vom Kindsein abhalten könnten, verhalte ich mich eher oldschool: Hatte ich früher auch alles nicht. Bin trotzdem noch am Leben.

Nun kann ich die ehrgeizigen Eltern auch ein Stück weit verstehen. Ein Kind großzuziehen ist kein Zuckerschlecken. Schon gar nicht in den ersten Jahren. Von unzähligen durchgemachten Nächten gezeichnet, schwankt man wie ein Untoter durch die Bude. Man übernimmt regelmäßig Tätigkeiten, für die man eigentlich eine komplette ABC-Schutzausrüstung bräuchte. Oder man sitzt früh um drei völlig entnervt vor dem kleinen Gnom und versucht, dessen urzeitliche Laute zu deuten - was könnte er nur mit diesem "Babba beibabbeln" meinen?

All das (und noch viel mehr!) nehmen Eltern auf sich. Klar, selbstgewähltes Leid. Doch am Ende der Quälerei will man als Eltern natürlich sichergehen, dass es sich gelohnt hat. Dieser Kleinkindwahnsinn musste doch einen Sinn gehabt haben, sagt man sich, ich hab doch nicht umsonst die Kinderkotze vom Boden gekratzt. Ergo: Kaum kugelt sich Anouk-Leonie sabbernd durchs Ställchen, wird das Anmeldeformular für die Sprachschule ausgefüllt. Schließlich soll das eigene Kind nicht nur ein Kind sein, es soll das beste Kind sein. Von Anfang an.

Große Pläne für den Kleinen

Bevor jetzt der ein oder andere Leser gleich das Jugendamt einschaltet: Nein, unsere Kinder verbringen ihre Freizeit auch nicht Chips mampfend vor RTL II (wobei das unsere Tochter durchaus für angemessen hielte). Sie - unsere Tochter - geht jeweils ein Mal die Woche zur Malschule und zum Turnen. Beides tut sie jedoch nicht, weil das unser pädagogischer Masterplan so vorsah, sondern weil ihre beste Freundin mit dabei ist. Unser Sohn macht nix. Außer die Wohnung zu zerlegen. Doch erst letzte Woche beschloss ich: das soll sich ändern.

Schließlich hatte ich das außergewöhnliche Glück, ein paar Tage auf der BMW International Open in Eichenried zu verbringen. Also lungerte ich Mittwoch vor dem traditionellen ProAm auf der Range herum und sog die Atmosphäre auf. Doch nicht nur das! Angesichts all dieser epischen Schwünge, der knackigen Ballkontakte und unfassbaren Monster-Drives, wurde mir wieder klar: Mein Sohn muss morgen mit Golf anfangen. Was, er ist doch erst zwei Jahre alt? Egal! Schließlich ist allseits bekannt: Je früher man mit dem Golf beginnt, umso leichter fällt es einem.

Außerdem: All diese großartigen Jungs - von Kaymer bis Fleetwood, von Cabrera Bello bis Wiesberger - haben in ganz jungen Jahren mit dem Golf begonnen. Und da war Martin Kaymer seinerzeit als 10-Jähriger schon spät dran! Dagegen hatte der zweimalige European-Tour-Sieger Alejandro Cañizares, den ich in Eichenried 18 Löcher lang begleiten durfte, schon mit drei Jahren das erste Mal Schläger in der Hand. Auch sein Schwung: eine Augenweide!

PGA Tour, wir kommen!

Völlig beseelt von dem Gedanken, meinen Sohn direkt am darauffolgenden Wochenende auf die Range zu schleifen, machte ich noch auf der Rückfahrt am Pro Shop Halt und erstand ein Mini-Kinder-Golfset. Ich mutierte tatsächlich zur vom Ehrgeiz zerfressenen Mutti.

Zuhause angekommen, präsentierte ich meinem Sohn sein erstes richtiges Golfset. Er, der deutschen Sprache nur rudimentär mächtig, zückte unter euphorischem Gegrunze wahllos einen Schläger und ging damit auf seine Schwester los. "Siehst du, wie er damit spielen will!", kommentierte ich die Szenerie, während meine Freundin den kleinen Irren wieder einfing und mich für völlig bekloppt erklärte. Was ich mir denn dabei gedacht habe, fragte sie. Woraufhin ich ihr meinen teuflischen Plan darlegte: mit zwei Jahren auf die Range, mit zehn Jahren Handicap 0, mit 15 aufs College, mit 18 Pro, mit 22 Top 50 der OWGR - und Papis Rente ist gesichert.

Am nächsten Tag schickte mir meine Freundin eine E-Mail, in der sie einen MSNBC-Artikel zitierte: "In den Vereinigten Staaten wird die Besessenheit der Eltern vom frühzeitigen Sporttraining ihrer Kinder oft als Tiger-Woods-Syndrom bezeichnet." Obendrein waren noch diverse Links zu Tigers neuerlichen Eskapaden eingefügt.

Mal ehrlich, mir mit dem besten Golfer der Neuzeit den Wind aus den Segeln zu nehmen, das ist doch wirklich schäbig! 

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Fabian Kendzia:
• Alter: 42 Jahre
• Wohnort: Erfurt, Thüringen
• festangestellt in einer Werbeagentur
• Familienstand: Freundin, 2 Kinder

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