'Die Ziele gehen mir nicht so schnell aus'
Martin Kaymer ist einer der neuen Superstars des Golfsports. Nach einer rasanten Karriere, die mit wenigen Ausnahmen bislang stetig bergauf ging, findet der deutsche Ausnahme-Golfer auch für die Zukunft genügend Motivation, weiter an sich und seinem Spiel zu arbeiten. Golf.de traf den jungen Überflieger in Wentworth, England.
Martin Kaymer ruht in sich selbst. Zumindest vermittelt er den Eindruck eines ausgeglichenen jungen Mannes Mitte 20, der gerade eine richtig gute Zeit hat. Kein Wunder, ist der 26-Jährige doch seit seinem zweiten Platz bei der WGC Matchplay Championship Ende Februar dieses Jahres die Nummer eins der Weltrangliste. Ein Umstand, der einem Kindheitstraum gleicht, an den sich Kaymer dessen ungeachtet aber noch nicht gänzlich gewöhnt hat. "Es war anfangs schon ein wenig komisch, wenn man in den USA bei einem Turnier am ersten Abschlag als Weltranglisten-Erster vorgestellt wurde. Doch man nimmt es mit der Zeit an, und es ist wirklich ein tolles Gefühl, das einen sehr stolz macht." Doch auch wenn es sich für Kaymer im erst fünften Jahr in Europas erster Liga verständlicherweise noch nicht alltäglich anfühlt, so erscheint sein Umgang mit der Tatsache, der momentan beste Golfer der Welt zu sein, doch abgeklärter als man es einem jungen Mann aus der Golf-Provinz Deutschland zutrauen würde.
Natürlich steigt mit dem Ruhm auch die Anzahl der Verpflichtungen durch Sponsoren und Medien. Verpflichtungen, die der gebürtige Düsseldorfer zwar nicht gerade liebt - "ich konzentriere mich am liebsten auf mein Golfspiel" -, aber dennoch mit der typischen Gelassenheit eines Rheinländers über sich ergehen lässt. Übermäßig viele Termine sind es auch nicht, dafür sorgt das schwedische Management. Kaymer und Manager Johan Elliot wissen genau, wem man verpflichtet ist, wem Erfolg und Ehre zu verdanken sind. Und so reiste das Zweier-Team am Mittwoch auf Einladung von Sponsor BMW und der European Tour, die im Westen Londons beheimat ist, zu einer dreistündigen Stippvisite in den noblen Wentworth Club, um der mehrheitlich britischen Golfpresse ein wenig Rede und Antwort zu stehen und das prestigeträchtige Turnier, das an gleicher Stelle Ende Mai ausgetragen wird, zu promoten.
Neue Ziele als Nummer eins
"Hier bei der BMW PGA Championship möchte ich unbedingt einmal gewinnen in den nächsten ein bis zwei Jahren. Das gehört unter anderem zu den neuen Zielen, die ich mir stecke", erläutert Kaymer seine veränderte Motivation, nachdem er mit der Teilnahme am Ryder Cup, dem Sieg bei einem Major und dem Erklimmen der Weltranglisten-Spitze schon so viel erreicht hat in seiner jungen Karriere als professioneller Golfspieler. Beileibe kein einfaches Ziel, sind in diesem Jahr doch alle vier amtierenden Major-Sieger mit von der Partie. Zudem verpasste der Deutsche im vergangenen Jahr auf dem umgestalteten West Course noch den Cut. "Alles was ich mir für meine Golfkarriere erwünscht habe, ist bereits erreicht. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt, aber an neuen Zielen mangelt es sicher nicht." Dass Kaymer sich auf dem Erreichten ausruht, kann man sich auch nur schwerlich vorstellen. Dazu wirkt er zu hungrig, zu zielstrebig.
Als er zu Monatsbeginn beim Masters in Augusta zum vierten Mal in Folge den Cut verpasste, hagelte es Kritik. Golf-Deutschland verstand nicht, warum der neue Held nach einer 78 zum Auftakt erneut vorzeitig die Segel streichen musste. Doch Kaymer hat die Schmach zwei Wochen später bereits abgehakt und sich mit einer Top-Ten-Platzierung in der darauffolgenden Woche in Malaysia selbst rehabilitiert. "Auch wenn es sich komisch anhört, aber ich bin als besserer Golfer aus Augusta abgereist. Ich habe gelernt, dass ich mich nicht kompromisslos an einen Platz anpassen darf und dass ich besser bin, wenn ich mein eigenes Spiel spiele." Verbesserungspotential sieht Kaymer auf mentaler Ebene und weniger im technischen Bereich: "Ich habe keine Schwungprobleme. Zwar werde ich jetzt zum Training nach Düsseldorf reisen, um mit Günther Kessler zu arbeiten, aber etwas Spezielles habe ich da noch nicht im Sinn."
Kein Star mit Drang zur Selbstdarstellung
In der Heimat Düsseldorf fühlt sich Kaymer nach wie vor sehr wohl, auch wenn er mittlerweile einen Großteil der freien Zeit in der Wahlheimat Arizona verbringt. In Deutschland kann er am Rhein joggen gehen, ohne erkannt zu werden. Ein Umstand, der ihm gefällt, auch wenn er die Ausflüge zur einen oder anderen Großveranstaltung genießt: "Ich bin noch sehr jung und es gibt sicher Einladungen, die ich nicht bekommen hätte, wäre ich nicht die Nummer eins der Welt. Das muss man dann auch mal mitnehmen". Diese Streifzüge ins Blitzlichtgewitter ändern nichts daran, dass Kaymer sehr viel Wert auf Privatsphäre legt und deshalb in näherer Zukunft auch nicht wie die Kollegen Poulter oder Westwood auf Social Media-Plattformen wie Twitter aktiv werden wird. "Ich bin da kein riesiger Fan von. Das kann natürlich auch viele Probleme bereiten und man kann missverstanden werden. Ich bekomme das zwar mit, aber es ist schon komisch, wenn man dann so nebenbei erfährt, dass ein Bild von dir auf Twitter kursiert, das ein anderer zum Beispiel beim Lunch von dir gemacht hat."
Für die deutschen Fans wird es daher weiterhin wenig Gelegenheit geben, Persönliches über Martin Kaymer zu erfahren. Auch ihn einmal live zu erleben, ist nicht gerade einfach, zieht es die weltbesten Golfprofessionals auf ihrer globalen Welttournee doch eher selten nach Deutschland. Eine Möglichkeit hierzulande auf den Ausnahme-Golfer zu treffen, könnte da ein Spiel des Fußball-Erstligisten 1. FC Köln sein, zu dessen Heimspielen der einstige Kicker von Fortuna Düsseldorf gerne einmal geht. Für alle Golffans, die auf einen solchen Stadionbesuch lieber verzichten möchten, gibt es somit nur eine wirkliche Alternative: Den Besuch der BMW International Open in München Ende Juni, dem einzig verbliebenen Herren-Profiturnier der European Tour in Deutschland. Dort wird Kaymer als einer der Favoriten an den Start gehen und wieder von unzähligen Fans begleitet seine Runden im Golfclub Eichenried ziehen. "Ich freue mich sehr darauf bald in Deutschland aufzuteen. Und wenn ich als Nummer eins nach München reisen könnte, wäre das natürlich das I-Tüpfelchen!"
sta
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