Florian Fritsch - der Aufsteiger
Es ist die Comeback-Geschichte des Jahres. Nach achtmonatiger Auszeit kommt Florian Fritsch im Herbst zurück und qualifiziert sich gleich für die European Tour. Golf.de traf den 25-Jährigen bei Kramski in Pforzheim und sprach über die Lehren des Jahres und die kommende Saison.
Florian Fritschs zweites Wohnzimmer ist in etwa so groß wie ein Tennisplatz, der Boden ist vorwiegend mit künstlichem Gras ausgelegt, in einer Ecke steht ein Golf-Simulator, daneben liegen einige Putter, gegenüber hat der Hausherr eine Werkstatt eingerichtet.
Hier verbringt Florian Fritsch viele Tage seines Winters. Hier feilt er am kurzen Spiel, hier automatisiert er seinen Schwung am Simulator. Und hier tüftelt er mit Schlägerbauer Wiestaw Kramski am Putter für die neue Saison – der ersten Saison als Mitglied auf der European Tour.
"Einen Schlag besser als der Durchschnitt der Tour muss er spielen", sagt Hausherr Kramski, der das Fitting Center in Pforzheim-Birkenfeld samt großem Trainingsgrün betreibt. Und da das Spiel auf dem ganz kurzen Gras bei Profis bis zu 42 Prozent ausmache, sei die Arbeit an der perfekten Putter-Einstellung so wichtig. Auch Fritsch weiß, dass er besonders im kurzen Spiel noch unausgereiztes Potenzial besitzt. Deswegen fährt er mehrmals in der Woche von Heidelberg in Richtung Nordschwarzwald.
Weltrangliste 2010 - Veränderungen zum Jahreswechsel
Seit 2004 arbeitet Fritsch mit Kramski zusammen. Schon damals gilt der heute 25-Jährige als verheißungsvolles Talent des GC St. Leon-Rot, der als Teenager sein Golfspiel in der Jugend-Abteilung der Leadbetter Academy in Bradenton, Florida, auf Spitzen-Niveau getrimmt hat. Seit seinem 15. Lebensjahr ist der Münchner zurück in Deutschland und hat erst einmal Probleme mit dem Bildungssystem. "Die Kriterien in Bayern sind so streng, dass ich aufgrund fehlender zweiter Fremdsprache auf die Hauptschule musste", erzählt Fritsch heute.
Doch schnell entwickelt sich der Kontakt zum Golfclub in St- Leon-Rot. Mit 16 Jahren und Handicap -1 zieht Fritsch nach Baden-Württemberg, wo er sein Fachabitur machen kann. Nebenher gewinnt er mit dem Vorzeige-Club fünfmal in Folge die Deutsche Meisterschaft, viermal wird er Deutscher Ranglistenmeister, spielt sieben Jahre in der Nationalmannschaft, wird zusammen mit Martin Kaymer und Benjamin Miarka im Team 2005 Vize-Europameister.
2008, nach drei Jahren auf dem College in South Carolina, wechselt er ins Profilager und qualifiziert sich gleich für die Challenge Tour im kommenden Jahr. Diese schließt er nach zwei zweiten Plätzen als zweitbester Deutscher ab, auf der EPD Tour holt er seinen ersten Sieg – die Karriere scheint einen sehr guten Weg einzuschlagen.
Praktikum statt Profisport
Doch plötzlich, Anfang 2010, hat Fritsch keine Lust mehr auf Profisport. Er zieht sich zurück, macht ein Praktikum im Golf Club Lobenfeld, will sein Wissen aus dem Sport and Entertainment Management Studium in den USA zur Anwendung bringen. Heute spricht Fritsch von einer Findungsphase, er habe damals einfach nicht mehr wollen. "Ich habe in dieser Zeit vor allem Selbstbestimmung gelernt, vorher war alles vorbestimmt. Damals habe ich angefangen, mich mehr auf mich selbst zu konzentrieren, bewusst eigene Entscheidungen zu treffen."
Nun wisse er, was er wolle: "Ich bin Sportler, ich will Golf spielen." Er entschließt sich, zurückzukommen – und wie. Auf der EPD Tour startet er 2010 zweimal: Einmal gewinnt er, im Saisonfinale wird er Zweiter. Auf der Challenge Tour überzeugt er Fünfter in Toulouse – auch sich selbst: Er entscheidet sich dafür, die Q-School zur European Tour zu spielen und zaubert am Schlusstag eine 65 auf den Kurs in Girona – Platz sechs.
Die Flugangst im Griff
Im März will er erstmals auf der European Tour abschlagen, bei der Sicilian Open. "Vorher komme ich aufgrund meines Status’ wohl bis auf wenige Ausnahmen nicht in die Turniere", sagt Fritsch. Deshalb will er im Februar die Hi 5 Pro Tour in Spanien nutzen, um sich vorzubereiten. "Dort kenne ich die Plätze", begründet Fritsch die Entscheidung für das Pendant zur EPD Tour. Ziele will er sich für 2011 keine setzen, er will einfach schauen, was kommt. Die Flugangst habe er im Griff, sagt er. Er plant, zu den Turnieren zu fliegen.
Zuvor will er jedoch erst einmal Urlaub machen – und bei Mentor Kramski in Pforzheim am Putter feilen. "Ein klein bisschen fehlt noch", sagt der Experte, der 2006 auch Martin Kaymers Putter gefertigt hatte, mit dem dieser seine 59 bei der Habsberg Classic auf den Kurs zauberte. "Er hinterfragt alles, jeden vorbei geschobenen Ball", lobt Fritsch den Putt-Guru. "Das ist furchtbar wichtig, denn wenn die fundamentalen Dinge stimmen, läuft der Rest von selbst." Und es läuft schon ziemlich gut. "Vom Spielerischen ist Florian sicherlich ganz weit vorne", sagt Michael Torres, Vertriebsleiter bei Kramski und einer, der Fritsch schon lange begleitet.
"Ich freue mich sehr auf das kommende Jahr"
Das herausragende Können zeigt sich besonders im vergangenen Jahr. In den vergangenen Monaten vertraute Fritsch seinem eigenen Gespür, wenn es ums Training ging – das während seiner Praktikumszeit zudem sowieso zurückstand. Umso beeindruckender sind seine jüngsten Erfolge. Nun will er wieder mit Trainer Frank Adamovicz arbeiten. Vielleicht war die beste Trainingseinheit im vergangenen Jahr auch seine Auszeit: "Ich habe nicht nur als Sportler einiges gelernt, sondern auch als Mensch."
Und so kann Fritsch heute sagen: "Ich freue mich sehr auf das kommende Jahr." Vielleicht so wie damals, als seine Eltern, beide Tennislehrer, den kleinen Florian mit zehn mit erstmals zum Golfspielen nahmen. Schnell entwickelte er damals eine Leidenschaft für den Sport, wollte jeden Morgen auf den Platz. Wenn das nicht ging, chippte er zuhause den Ball von Teppich zu Teppich. Das Wohnzimmer war damals nicht so groß wie ein Tennisplatz. Aber es war ein direkter Vorgänger seiner heutigen Spielwiese in Pforzheim-Birkenfeld.
fpf
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