Der Ruhige im Sturm
Kohler/Wisconsin: Cool, aufmerksam, fair - Martin Kaymer ist ein normaler Typ, aber nicht unbedingt ein normaler Golfer. Der junge Major-Sieger hat viel erlebt, viele Erfahrungen gesammelt - und noch viel mehr vor sich. Doch trotz aller Erfolge wird er seine Art nicht ändern.
Martin Kaymer sagt über sich, er sei normal. Das mag für ihn als Menschen sicherlich zutreffen. Als Golfer tut es das nicht. Denn in seiner natürlichen, umgänglichen Art passt der 25-Jährige eigentlich nicht ins klassische Schema des Einzelkämpfers in der Glanzgesellschaft Golf mit seinen hohen Preisgeldern, großen Stars und vielen Reisen.
Wer Kaymer auf seinen Runden begleitet, erlebt einen Golfer, der selbst auf wichtigsten Runden die Fahne bedient, sich um Divots kümmert und seinem Caddie auch sonst möglichst viel Arbeit abnimmt. Wer im Playoff der PGA Championship dabei war und beobachtete, wie dieser junge Profi die Fotografen böse anschaute, als sie den Schwung mit ihrem ständigen Klicken störten, war beeindruckt – weil es der Gegner Bubba Watson war, der durch das Geräusch hätte benachteiligt werden können.
Fair, ruhig, aufmerksam – unauffällig. Martin Kaymer sagt über sich selbst, er sei ganz und gar nicht verrückt. Das ist keinesfalls übertrieben. Ebenso könnte Boris Becker behaupten, er sei nicht dunkelhäutig. Diese Bodenständigkeit bringt ihm keine großen Schlagzeilen, aber sie ist sein Schlüssel zum Erfolg. Als am Schlusstag der PGA Championship mehrere Spieler der gefeierten neuen Generation in die Bogey-Falle treten, bleibt Kaymer solide und spielt ein Par nach dem anderen.
PGA Championship 2010 - Finalrunde
Der Mann aus Mettmann ging beständig und unaufhaltsam seinen Weg an diesem 15. August 2010, ohne aufzufallen mit spektakulären Birdies, pinkfarbenen Hosen oder Jubel-Tänzen auf dem Grün. Ebenso beständig, wie er zuvor seinen Weg von der EPD Tour und den kurzen Zwischenstopp Challenge Tour, über die Erfolge auf der European Tour bis zum vorübergehenden Höhepunkt in Whistling Straits gegangen war. Die abschließende Runde an diesem Sonntag auf dem Straits Course, die es aufgrund ihrer Dramatik und Spannung in alle Erzählungen über die Geschichte dieses Majors schaffen wird, hatte einen Kern, der alles zusammenhielt: Martin Kaymer. Der Spieler, der dem Chaos als Sieger entstieg.
Natürlich sei er auf der Finalrunde nervös gewesen, sagte er am Abend. Speziell auf den abschließenden Löchern war ihm diese Anspannung auch von außen anzusehen. Doch als alles noch um eine Spannungsumdrehung zulegte, entspannte sich "the german guy". Eine Eigenschaft, in der die US-Presse "german engineering" entdeckte. "Im Playoff wusste ich, dass ich mindestens Zweiter bin. Da war ich plötzlich viel ruhiger. Ich musste ja nur einen Mann schlagen. Erst auf dem letzten Grün ging es wieder los. Ich habe meinen Caddie gefragt, ob ich zweimal oder dreimal putten kann. Er hat nur gesagt: 'Du hast zwei. Mach das Ding rein und hole Dir Dein erstes Major.’", sagte Kaymer.
"Seine große Stärke ist der Kopf"
Diese Nervenstärke ist der Garant für seinen wachsenden Erfolg. "Seine große Stärke ist der Kopf", sagt Bernhard Langer immer wieder. Auch am Tag des Triumphes während der Runde am Telefon mit ESPN. Diese Stärke gibt ihm die Ruhe für seine Abschläge, die nicht so spektakulär wie die der Watsons, Johnsons und McIlroys dieser Welt über die Fairways fliegen, die aber genauer sind als die langen und länger sind als die genauen Drives der Konkurrenz. Er ist ein aggressiver, aber auch taktischer Golfer. "Spielerisch stark", sei er gewesen, befand Kaymer einmal während den Tagen von Kohler, Wisconsin. Seine Eisen platzierte er herausragend an diesem Wochenende, seine Putts gehen besser - waren aber da, als er sie brauchte.
Aber natürlich hat diese ganze Nüchternheit auch ihre Nachteile. Es gibt wohl in der Geschichte des Golf wenige Spieler, die einmal die Nummer sechs der Welt waren wie Kaymer Anfang des Jahres, von Journalisten aber immer noch nicht erkannt werden. In den Favoriten-Listen vor der PGA Championship suchte man vergeblich nach dem Namen Kaymer. Auch auf dem Kurs mussten viele Fans am Schlusstag anhand Ausschlussverfahren den "Leader" bestimmen.
Martin Kaymer ist der dritte Major-Gewinner in diesem Jahr, mit dem die US-Experten nicht gerechnet hätten. Aber er ist nach Graeme McDowell (US Open) und Louis Oosthuizen (Open Championship) der erste, dem sie noch mehr Erfolge zutrauen. Zusammen mit Rory McIlroy soll Kaymer eine neue Generation im Golfsport anführen – vielleicht bis ganz an die Spitze.
Irgendwann die Nummer eins?
Doch selbst wenn der ruhige Weltranglisten-Fünfte irgendwann die Nummer eins der Welt sein sollte, außerhalb Europas wird er nie der große Superstar werden. Dass man damit gut leben kann, zeigt Phil Mickelson, derzeit erster Herausforderer von Tiger Woods. Martin Kaymer macht nicht den Eindruck, dass er sich selbst gerne im Mittelpunkt stehen sieht. Er freut sich über deutsche Fans am Kurs. Er freut sich über gute Schläge genauso wie jeder andere Golfer auch. Wie alle privaten Dinge behält er davon jedoch vieles für sich. Er mag es so und er wird daran nichts ändern. "Ich mag mein Leben sehr. Ich kann mir kein besseres vorstellen", sagt er. Alles bleibt, wie es ist. Hoffentlich weiter so erfolgreich.
fpf
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