"Es ist gerade ein wenig schwerer"
2008 war Sergio Garcia die Nummer zwei der Welt. Inzwischen ist der ehemalige Herausforderer von Tiger Woods auf Position 41 gelandet. Der Tiefpunkt seiner Karriere? Golf.de hat den Spanier befragt, der trotz allem seine Fröhlichkeit noch nicht verloren hat.
Wie fühlt sich ein Sportler, der in den vergangenen eineinhalb Jahren von Position zwei in der Welt in die gefühlten Niederungen der zweiten Reihe abgestürzt ist? Wie geht es einem 30-Jährigen, der als Teenager in den Golfhimmel gelobt wurde, der Europa zu drei Siegen im Ryder Cup führte und der nun als Randfigur in Münchens Nordosten mit neun über Par seinen zweiten Cut auf der European Tour in Folge verpasst - nachdem ihm das in sechs Jahre zuvor nicht passiert war?
Sergio Garcia lächelt, frisch geduscht, das Gesicht gezeichnet von Münchens Junisonne. Gut fühlt er sich, ein wenig hungrig, sein unglücklicher Auftritt bei der BMW International Open ist noch keine Stunde alt. Sponsor Omega hat jedoch für alles gesorgt. Der Spanier bekommt einen Orangensaft, Häppchen werden gereicht. Nun scheint alles zu passen. Garcia wirkt zufrieden. Der Weg in die Innenstadt sei beschwerlich gewesen, sagt er und grinst. Er entschuldigt sich für die zehn Minuten Verspätung. Wer einen geschlagenen Golfer erwartet hat, der den Glauben an sein Spiel und den Erfolg verloren hat, steht verwundert vor einem Mann, der sehr zufrieden wirkt.
Wie ist zu erklären, dass Sie in Pebble Beach bei der US Open mit einer 71 am Sonntag auf Position 22 klettern und wenige Tage später in Eichenried, einem Kurs, der viel niedrigere Scores zulässt, mit einer 77 am Ende des Feldes landen?
Eichenried ist einfach so viel schwerer (lacht). Nein, das ist Golf. Du fühlst Dich eigentlich sehr gut. In Pebble Beach habe ich stark gespielt und hätte am Wochenende sogar noch besser scoren können. Dann kommst Du nach Deutschland, es läuft nicht alles, wie Du es Dir vorgestellt hast, Du hast Probleme mit dem Rhythmus und alles ist wie bei einem Schneeball, der immer größer und größer wird. Leider passiert das so. Und leider konnte ich mich nicht befreien.
© OMEGA
In seinem Profilbogen stehen sechs Siege auf der US PGA Tour und sechs auf der European Tour, da ist er gerade einmal 25. Hinzu kommen fünf Top-5-Ergebnisse bei Majors. Und dann der Ryder Cup: 2002, 2004 und 2006 ist er maßgeblich an den europäischen Siegen beteiligt. Als er 2008 mehr Preisgeld als jeder andere Golfer sammelt (rund sieben Millionen Dollar) hat er vier weitere Spitzenergebnisse bei Majors vorzuweisen, aber auch die ersten Makel: eine falsche Scorekarte bei der PGA Championship, eine Spuckattacke auf dem Grün. Zum Ende des Jahres erlebt er den Höhepunkt seiner bisherigen Karriere: Garcia wird die Nummer zwei der Welt. Hinter dem Unantastbaren, Tiger Woods.
Der Herausforderer ist so nah wie nie. Und soll doch bis heute nie mehr gefährlicher werden. Sergio Garcia hat seither kein Turnier mehr gewonnen, die Weltrangliste führt ihn jetzt auf Position 41. Privat hat er lange mit der Trennung von seiner Freundin Morgan-Leigh, der Tochter von Legende Greg Norman, zu kämpfen. "Es war das erste Mal, dass ich wirklich verliebt war", sagt er später. "Die Monate danach waren hart." 2009 wird er 74. der US-Geldrangliste. "Wenn Du 19 bist, denkst Du nicht nach und alles ist schön. Wenn Du dann älter wirst, machst Du Dir mehr Sorgen", sagt Garcia Ende 2008. Zu dieser Zeit formt sich der Schneeball, vielleicht schon früher. Im Juni 2010 ist er ziemlich groß. Adam Scott begleitet seinen gleichaltrigen Kumpel im April dieses Jahres beim Masters in Augusta. "Er konnte es nicht genießen", sagt der Flightkollege nach der Runde. Nick Faldo wird wenige Wochen später deutlicher: "Ich weiß, dass vieles eine Rolle spielt – Golf, Leben Familie. Alles befindet sich derzeit in einer Abwärtsspirale."
Hatten Sie jemals so eine schwierige Zeit?
Es ist kompliziert. Natürlich ist es keine Frage, dass ich wohl Ende des Jahres eine längere Pause machen muss, meine Batterien komplett wieder neu aufladen und versuchen, mein Spiel wieder dorthin zu bekommen, wo ich es haben will. Sicherlich habe ich derzeit nicht die spaßigste Zeit. Ich werde aber versuchen, mich da durchzubeißen und das Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Es wird alles gut werden. Man geht durch solche Täler – die Hauptsache ist, dass man es einfach immer weiter versucht, dann kann man sie durchschreiten.
Sergio Garcia antwortet bedächtig. Die Fröhlichkeit ist verschwunden, die Freundlichkeit nicht. Auch bei schwierigen Themen. In der vergangenen Woche wird sein Manager in der englischen Zeitung Daily Mail zitiert: "Er genießt seinen Sport derzeit überhaupt nicht. Er hat sogar gesagt, dass er nicht wisse, sollte ihm Colin Montgomerie eine Wildcard (für den Ryder Cup) geben, ob er überhaupt eine große Hilfe für das Team sei.“
Ist die Ryder-Cup-Absage ein Thema?
In Madrid vor ein paar Wochen habe ich mit Colin Montgomerie geredet. Damals hatte ich das Gefühl, dass es hart werden würde, in dieser Form dem Team helfen zu können. Aber er denkt, dass ich manche Dinge geben kann, die das Team noch nicht besitzt. Es ist noch ein langes Rennen bis zum Ryder Cup Ende September, es kann noch viel passieren. Ich muss versuchen, das Spiel wieder zu genießen und anfangen, die richtigen Dinge zu tun. Aber ich werde defintiv bald ein Gespräch mit ihm suchen. Ich will hören, was er denkt. Und ich will ihm sagen, was ich für Vorstellungen habe. Ich will sichergehen, dass wir beide in dieser Sache eine gemeinsame Sichtweise entwickeln.
Montgomerie schätzt Ihre Leidenschaft. Ist es das, was derzeit fehlt?
Ich denke nicht, dass es die Leidenschaft ist, die mir abgeht. Aber es ist gerade sicherlich alles ein wenig schwerer. Ich bin an einem Punkt, an dem es auch schwieriger ist, die Probleme zu analysieren. Ich liebe den Sport. Das hat sich nie geändert. Aber diesen kleinen Funken, den muss ich zurückgewinnen.
© OMEGA
Eine kurze Pause vor der Open Championship in gut zwei Wochen soll ihm dabei helfen. Er fährt in sein Appartment in die Schweiz. "Das Leben genießen", war vor Jahren seine Maxime. Und auch wenn es sportlich derzeit nicht läuft – der Spanier aus Borriol, den sie "El Niño", das Kind, getauft haben, lässt sich seine natürliche Fröhlichkeit nicht nehmen.
Vor seiner Abfahrt gibt er Kunden in der Omega Boutique Autogramme, posiert dutzendweise für Fotos und sieht dabei nicht aus wie einer, dem gerade die einfachsten Schläge nicht gelingen wollen. Vielleicht auch deshalb, weil ihn große Bälle derzeit viel mehr interessieren. Schnell verabschiedet er sich, um in einer Pizzeria ums Eck das letzte Gruppenspiel der Spanier bei der WM zu sehen. "Ich bin sehr zuversichtlich. Sie haben eine klare Idee, wie sie Fußball spielen wollen", sagt Sergio Garcia. Er selbst ist derzeit auf der Suche nach einem ähnlichen Masterplan.
fpf
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