Kolumne

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Maiwalds Mission/Folge 24: Golf Journal-Autor Stefan Maiwald träumt von besseren Zeiten und schießt Deutschland zum WM-Titel. Seine Golf-Träume hingegen sind weniger erfreulich.

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Golfträume, wusste schon Byron Nelson, sind selten gut. Ein ständig wiederkehrender Alptraum machte ihm besonders zu schaffen: Er stand auf dem Grün der 18 und musste nur noch ausputten, doch das Loch befand sich auf einem absurd steilen Hügel. Entweder schaffte es sein Ball nicht den Anstieg hoch, oder er rollte auf der anderen Seite wieder runter.



Mein ewiger Golftraum ist gewissermaßen entgegengesetzt: Byron Nelson konnte die Runde nicht beenden, und in meinem Alptraum kann ich sie nicht einmal anfangen. Ich stehe am ersten Abschlag eines halbwegs bedeutenden Turniers. Ich merke, dass ich kein Tee in der Hosentasche habe. Ich wühle im Bag. Auch kein Tee. Die Zuschauer tuscheln bereits. Verzweifelt suche ich den Boden ab und finde endlich ein Tee. Dann verwandelt sich der Boden in Treibsand, mein Tee hält nicht, die Mitspieler verdrehen die Augen. Als es nach einer Ewigkeit endlich hält, sehe ich, dass die Krone schon zur Hälfte abgebrochen ist, und ich schaffe es nicht, den Ball darauf ruhen zu lassen. Als ich, wieder nach einer Ewigkeit, alles einigermaßen hingekriegt habe, will ich ausholen, doch ein Baum stört meinen Rückschwung, und ich muss eine neue Stelle suchen. Das Gezittere geht also von vorn los, und als ich nun soweit bin, haben höllische Greenkeeper direkt vor meiner Nase Bäume gepflanzt, die mir den Weg ins Fairway versperren. Irgendwann wache ich auf und muss meinen Herzschlag mit Tiefenatmung regulieren.

Fußballträume dagegen sind eine Wonne. Schon seit Jahren träume ich ganz hervorragend davon, ich sei deutscher Fußballnationalspieler, kein Superstar der Walter-Seeler-Müller-Beckenbauer-Güte, aber doch immerhin im WM-Endspiel eingewechselt. Ich nehme jede Einzelheit genau wahr, jubelnde Zuschauer, die linke Außenbahn, die ich rauf und runter renne, die Gesänge von den Rängen, die Reaktionen meiner Freunde, meiner Eltern und meiner Nachbarn, als ich im Triumph nach Hause kehre. Komischerweise bin ich gar kein so großer Fan der Nationalmannschaft, weil ich finde, ein echter Fußballfan soll sein Herz an seinen Verein verlieren, nicht an so ein artifizielles Gebilde wie ein Team, das nur ein paar Mal im Jahr zusammengerufen wird und bei dem man sogar in die Verlegenheit kommt, Spieler anfeuern zu sollen, welche die eigene Mannschaft in die zweite Liga geschossen haben. (Ja, bei der WM werde ich Deutschland die Daumen drücken. Aber mir keine schwarz-rot-goldenen Streifen auf die Wange malen.)

Der Traum mit mir im schwarz-weißen Dress ist so schockierend realistisch, dass ich mich in den süßen zehn, zwanzig Sekunden nach dem Aufwachen erst einmal sammeln muss. Ist es denn möglich? Stand ich wirklich einmal in einem WM-Finale? Erst allmählich kriecht die Realität zurück und erinnert mich daran, dass ich bereits in der D-Jugend des TSV Watenbüttel mit dem Vereinsfußball aufgehört habe.

Schon komisch: Spitzenfußball scheint erreichbar, aber Golf ist so diabolisch, dass wir nicht einmal im Traum in diesem Sport gut sein können. Wenn schon Bernhard Langer behauptet, er habe auch bei seinen 65-er Runden allenfalls zwei Bälle geschlagen, die wirklich so gut geflogen sind, wie er es geplant hatte – wie sollen wir Normalsterblichen jemals den Schwung meistern? Apropos: Ich habe Bernhard Langer mal beim Trainieren zugesehen. Es heißt ja immer, er sei recht kurz im Vergleich zu den Superstars, und außerdem sei er ja jetzt Mitglied der Senioren-Tour – wie gut kann der schon noch sein? Langer schlug auf der Range ein Eisen 5 auf eine weit hinten stehende Fahne. Ich stand etwa zehn Meter entfernt, und bei jedem Schlag spürte ich den Boden unter meinen Füßen vibrieren. Jeder Ball senkte sich so an die Fahne, dass er, jedenfalls aus meiner Sicht, eine gute Chance hatte, den Flaggenstock zu treffen. Meine Wette: Bernhard Langer würde in jedem Flight, in dem Sie und ich spielen, der mit Abstand Längste sein. Dass er uns mit allen anderen Schlägen und im kurzen Spiel erst recht nass macht, brauche ich wohl nicht extra zu erwähnen. Hier noch eine Anekdote: Angeblich schlägt Langer beim Aufwärmen zehn Bälle auf 100 Meter und die nächsten zehn Bälle auf 102 Meter.

Wo wir gerade bei großen deutschen Golfern sind: Ich bin neuerdings zu einem beinharten Alex-Cejka-Fan geworden, und hier ist der Grund. Bernhard Langer hat zwei Major-Titel und damit den Golferhimmel erreicht. Martin Kaymer ist so überirdisch talentiert, dass er seinen Weg machen wird, ohne dass wir ihm groß die Daumen drücken müssen. Cejka hingegen ist einer von uns – ein Kämpfer, der öfter mal eine Schlussrunde komplett vermasselt. Er hat alle Möglichkeiten (okay, da hören die Parallelen mit uns auf), aber auch er ist nervös. Er ist ein Mensch, kein Roboter. Als er im letzten Jahr bis zur Schlussrunde die Players Championship angeführt hatte – immerhin das sogenannte fünfte Major – und dann mit einer 79 ins Ziel stolperte, dachte ich an mich: Angenommen, ich führe bei einem großen Amateurturnier bis zum letzten Tag mit, sagen wir, zehn Schlägen Vorsprung. Ich müsste am letzten Tag nur noch, sagen wir, 29 Stableford-Punkte spielen. Ich wäre mir sicher: Ich würde unter diesen Voraussetzungen keine 18 Punkte zusammenstottern. Ich bin der Cejka der Clubturniere. Und wie ich auch an mich selbst glaube (na ja, jedenfalls ein bisschen), so glaube ich auch an Cejka, diesen tapferen Burschen.

Ich würde ja auch gern mir selbst die Daumen drücken, aber ich brauche Ihnen nichts von den Witterungsbedingungen zu erzählen. Eine 18-Löcher-Runde ist längst eine ferne Erinnerung geworden – so weit weg von der Realität wie meine Teilnahme am Endspiel einer Fußball-WM.

>> Mehr von Stefan Maiwald finden Sie auf der Webseite von Golf Journal







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