Auf dem Platz ein Vorbild
Golf und die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit gehen Hand in Hand. Einen guten Score kann man nicht erzwingen. Erste Grundvoraussetzung ist das Setzen realistischer Ziele. Weiterhin ist aber auch Gelassenheit und Akzeptanz, in Golferkreisen oft als "Demut" bezeichnet, eine wichtige Erfolgsvoraussetzung.
Man muss akzeptieren können, dass viele Elemente im Golf nicht vom Golfer kontrolliert werden können: Wind und Regen, ein untreues Grün… Regt man sich darüber auf, verliert man die Konzentration, Selbstvertrauen und die Lust. Eigentlich spielen aber doch die meisten von uns Golf, weil sie Spaß daran haben wollen.
Mark Twain meinte, Golf sei "in Wirklichkeit ein verdorbener Spaziergang". Golf sollte eigentlich etwas Schönes sein. Nur können wir dies oft nicht genießen. Das Schlimme dabei ist, dass wir es meist selbst sind, die uns den Spaß verderben. Wieso wird man beim Golf so schnell zum eigenen Spaßverderber? Der Kern liegt in unserer Persönlichkeit und unserer Grundeinstellung zum Golf. Golf verlangt nach einer anderen Geisteshaltung als andere Sportarten.
Während in anderen Sportarten oft die Willensstärke erhöhten Einsatz und Anstrengung vermitteln muss, führt ein übermäßiges Wollen im Golf meist zu Enttäuschung und Frustration. Dazu kommen die anderen Faktoren, die den Score beeinflussen: Wind, Regen und der Platz. Viele dieser Faktoren können wir gar nicht kontrollieren. Warum ärgern wir uns trotzdem, wenn eine schlechte Stelle im Grün unseren Ball so ablenkt, dass er trotz gut gelesener Linie und gut ausgeführten Putts am Loch vorbeiläuft? Je mehr wir uns ärgern, je mehr wir den guten Schlag, den guten Score nun erzwingen wollen, um so schlechter läuft es in der Regel. Wir dürfen also den inneren Spaßverderber nicht mit auf die Runde nehmen, wenn der Spaziergang angenehm und der Score gut werden.
Realistische Ziele setzen und beibehalten
Sicher träumt auch der Handicap-20-Spieler davon eine Par-Runde zu spielen. Wie wahrscheinlich ist dies aber. Dennoch gehen wir oft mit unrealistischen Zielsetzungen ins Spiel und programmieren so die Enttäuschung vor. Vielleicht geht der Hcp.-20-Spieler mit der Zielsetzung "15 über" ins Turnier. Das mag man als durchaus realistisch einschätzen. Er spielt nun auf den ersten beiden Löchern ein Par und ein Birdie und greift schon nach den Sternen: "unter 80 ist drin!". Einerseits wird ein hoher Druck erzeugt, andererseits werden die Enttäuschungen kaum ausbleiben. Interessanterweise bleiben auch sehr gute Spieler von unrealistischer Zielsetzung nicht verschont. Ein Spieler mit Hcp. +2 sieht die "unter Par Runde" geradezu als Pflicht an und vernachlässigt zum Beispiel, dass der Kurs mit 75 geratet ist, d.h. realistisch wäre von einer 73 auszugehen. Oder aber die Witterungsbedingungen sind katastrophal. Bei starkem Wind und Regen könnte für ihn auf diesem Platz eine 76 ein durchaus guter Score sein.
Ein anderes Beispiel betrifft das Spiel auf einem Loch selbst. Nach dem zweiten Schlag auf einem Par 4 liege ich 126 Meter von der Fahne links im Rough hinter einem Baum. Der Handicap-20-Spieler denkt sich nun: "Ich schlage mit meiner 8 einen Draw und liege am Stock". Leider ist wohl viel wahrscheinlicher, dass er statt des Draw sehr gerade auf der gegenüberliegenden Seite der Bahn ins Aus schlägt. Mit kurzem Rausspielen und drei weiteren Schlägen, wäre ein Bogey ein gutes Ergebnis gewesen. Mit der unrealistischen Einschätzung kommen leicht Schläge über Par heraus.
Eine Grundorientierung sollte sein, nicht möglichst tief zu gehen, sondern zu vermeiden, den Score durch riskante Entscheidungen hochzutreiben. So nehmen die Profis lieber ein sicheres Par als beim Versuch einen riskante Birdie zu spielen, letztlich ein Bogey zu kassieren. Um Enttäuschung und Demotivierung zu vermeiden sollte man stets versuchen seine Chancen realistisch einzuschätzen und – zumindest im Zählspiel – riskante Entscheidungen zu vermeiden. Hat man die +4 an einem Loch erst einmal auf der Karte, ist dies sehr schwer wieder auszugleichen.
Persönlichkeitsentwicklung
Man kann beobachten, dass sich das Verhalten der Menschen auf dem Golfplatz nicht wesentlich von ihrem Verhalten im sonstigen Leben unterscheidet. Wer dort schnell ausrastet, wird wahrscheinlich auch öfter den Schläger auf dem Platz schmeißen. Das bedeutet aber umgekehrt, dass das, was wir beim Golfspielen lernen, auch gewinnbringend für unser sonstiges Leben sein kann. Nicht ohne Grund hat die "Golfstrategie" Eingang in das Managementtraining gefunden. Der amerikanische Geschäftsmagnat Donald Trump soll gesagt haben, dass er allein aufgrund des Verhaltens auf dem Golfplatz sagen könne, ob jemand ein Gewinner- oder Verlierertyp sei. Glücklicherweise sind die Verhaltensweisen größtenteils nicht angeboren und unveränderbar.
Mehr Ausgeglichenheit und größere Gelassenheit sowie Akzeptanz für nicht Kontrollierbares stellt sich aber nicht allein dadurch ein, dass man regelmäßig seine Golfrunden spielt. Sie alle kennen Spieler, die auch nach 30 Jahren Golf immer noch den Schläger schmeißen. Der erste Schritt hierzu besteht darin, sich von dem Gedanken frei zu machen, dass es in erster Linie darum gehe, zu siegen, unter seinem Handicap zu bleiben, andere zu beeindrucken oder sich wenigstens nicht zu blamieren. Grundlage ist erst einmal, ganz entspannt an das Spiel heranzugehen.
Leichter gesagt als getan, könnte man einwenden. Aber diese entspannte Herangehensweise kann man lernen. Ich empfehle jedem Golfer das Erlernen von Entspannungsverfahren. Übrigens hat auch das Laufen eine entsprechende Wirkung. Ein lockerer Dauerlauf mit Pulswerten nicht höher als 130 mindestens drei mal in der Woche, verbessert nicht nur die körperliche Ausdauer, sondern fördert auch die psychische Ausgeglichenheit. Regelmäßiges Laufen gehört daher in den Trainingsplan jedes Golfers, der seine Sportart ernsthaft betreiben möchte.
Insbesondere das Autogene Training hilft eine ausgeglichenere, gelassenere Persönlichkeit zu entwickeln. Beim Autogenen Training lernt man sich auf Körperzustände zu konzentrieren, die mit Entspannung und Ausgeglichenheit verbunden sind: ruhiger, gleichmäßiger Atem, Wärmeempfingen in den Gliedmaßen, kühle Stirn … Autogenes Training sollte man bei einer Fachkraft, Arzt oder Psychologe, erlernen. Ferner kann es nur gelingen, wenn das Autogene Training regelmäßig durchgeführt wird. Allerdings darf man keine kurzfristigen Erfolge erwarten. Denn Persönlichkeitsentwicklung braucht Zeit.
Text: Jürgen Beckmann
Mehr zum Thema in Beckmann, J. & Elbe, A., Praxis der Sportpsychologie im Wettkampf- und Leistungssport. Balingen: Spitta-Verlag, 2008, sowie Schwarz, M. & Wulfestieg, J., Drive. Die Golf-Strategie für Manager. Frankfurt: Eichborn, 2004.
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