Körperhaltung sorgt für Selbstvertrauen
Es gibt Spieler, die man schon auf weite Distanz an ihrer Haltung und dem Schwung erkennt. Oft kann man schon aus der Ferne erkennen, wie gut oder wie schlecht die Person heute spielt. Es ist etwas dran, wenn gesagt wird, wie wir uns fühlen, spielen wir auch. Der Trick: Selbstvertrauen hängt ganz eng mit der Körperhaltung zusammen - und die können wir willentlich beeinflussen.
Wie auch in anderen Bereichen des Lebens so teilt auch im Golf nicht nur das gesprochene Wort, sondern auch die Körpersprache anderen Menschen sehr viel mit. Zum Beispiel: Wie viel Selbstvertrauen, Motivation und welche Einstellung hat der Spieler. Wenn er den Kopf hängen, Zeichen von Frustration erkennen lässt oder gar Wutausbrüche zeigt, kann dies zum Beispiel im Lochspiel einen Gegner enorm aufbauen. Man kann umgekehrt auch an sich selbst beobachten, wie eigene positive Gefühle und Erfolgszuversicht in dem Maße zunehmen, in dem der Gegner die Kontrolle über sich verliert. Man sollte sich daher stets bewusst sein, welche Signale die eigene Körpersprache aussendet. Außerdem kann man zum Beispiel über die Post-Shot-Routine daran arbeiten, nach einem schlechten Schlag oder Loch nicht die Haltung zu verlieren, stattdessen aufrecht zu bleiben und Zuversicht auszustrahlen.
Körpersprache wirkt aber nicht nur nach Außen, sondern auch nach Innen. Menschliche Informationsverarbeitung findet in ständiger Wechselwirkung mit dem Zustand des eigenen Körpers statt. Dies wird in der Psychologie als "Embodiment" bezeichnet. Körperzustände sind z.B. Körperausdruck, Körperhaltung und Körperspannung. Die Informationsverarbeitung wirkt sich auf den Körper aus, z.B. kann sich die Niedergeschlagenheit nach einem ins Aus geschlagenen Abschlag in einem gebeugten Rücken und hängenden Schultern ausdrücken. Gleichzeitig beeinflusst der Zustand des Körpers umgekehrt auch die Informationsverarbeitung, die Motivation und insbesondere das Selbstvertrauen.
Wie wir uns fühlen, spielen wir auch
Unsere Körperzustände können wir teilweise bewusst kontrollieren: Statt unsere Schultern hängen zu lassen, können wir eine stolz geschwellte Brust zeigen; statt die Mundwinkel hängen zu lassen, können wir lächeln. Damit können wir effektiv unsere eigene Motivations- und Emotionslage beeinflussen. Außerdem wird im Gehirn der Weg zum Abruf unserer Stärken gebahnt und damit das Selbstvertrauen gestärkt. Zusätzlich offenbaren wir unserem Gegner nicht Unsicherheit, sondern zeigen ihm Selbstbewusstsein und Stärke.
Ein schönes Bild dazu, an dem Sie sich orientieren können, ist der stolze spanische Stierkämpfer, der Matador. Er geht mit stolz geschwellter Brust, den Blick nur auf die oberen Ränge gerichtet durch die Arena. Dieses Bild kann Ihnen auch auf dem Golfplatz dienen. Der Blick wird nicht auf die Grasnabe sondern auf die Baumwipfel gerichtet. Der Gang ist nicht schleppend und schlurfend, sondern energisch und entschlossen.
Die rechte Gehirnhälfte ins Spiel bringen
Wenn wir das Golfspielen lernen, wird uns die Technik des Schwungs größtenteils sprachlich vermittelt. Dabei wird der Schwung in Einzelteile zerlegt. Gerade wenn es darauf ankommt, wenn wir ein Birdie spielen könnten oder sogar kurz vor dem Turniersieg stehen und deshalb alles richtig machen wollen, erinnern wir uns daran, was der Golflehrer alles gesagt hat: "Der Schläger wird aus den Armen und Händen gleichzeitig in eine leichte Innenkurve weggeschwungen. Schultern, Hüften und das linke Knie folgen nach. Das rechte Knie bleibt stabil…" Und jetzt sollen Sie dann noch einen lockeren, rhythmischen Schwung ausführen.
Das Problem ist, dass Sie nun vollkommen mit Ihrer linken Gehirnhälfte an den Schwung herangehen. Diese arbeitet sequenziell-analytisch und ist sprachlich dominiert. Für einen flüssigen Schwung mit einem Gefühl für die Länge ist das jedoch eher schädlich. Sie brauchen Ihre rechte Gehirnhälfte für einen ganzheitlichen Abruf des Schwungs und das richtige Gefühl für die Bewegung. Dafür ist aber im Wesentlichen die rechte Gehirnhälfte zuständig. Die Kunst besteht darin, in der entscheidenden Spielsituation die richtige, also die rechte Gehirnhälfte ins Spiel und die linke zum Schweigen zu bringen. Es gibt mehrere Tricks mit denen man das tun kann.
Eine Möglichkeit besteht darin, eine Melodie vor sich hin zu summen. Es versteht sich von selbst, dass diese Melodie für Sie angenehm sein sollte um eine gute Stimmungslage zu unterstützen. Das Summen einer Melodie aktiviert die rechte Gehirnhälfte. Die Melodie und nicht der Rhythmus sollten immer Vordergrund stehen. Dennoch sollte der Rhythmus natürlich zu einem ruhigen, runden Schwung passen. Ein ¾ Takt, also ein Walzer passt hier in der Regel am besten. Es gibt noch eine weitere Möglichkeit, und die hat sich sowohl in der Forschung als auch in der Praxis als sehr effektiv erwiesen. Da die rechte Hand vollständig mit der linken Gehirnhälfte zusammen hängt, liegt es nahe, die rechte Gehirnhälfte durch Ballen einer Faust mit der linken Hand stärker zu aktivieren. Wir nennen dies Hemisphärenvorbereitung ("hemisphere priming").
Drücken Sie in Ihrer Pre-Shot-Routine vor dem Schlag für einige Sekunden mit der linken Hand (sofern Sie Rechtshänder sind) den Schlägergriff. Ihre rechte Gehirnhälfte wird stimuliert und diese hilft Ihnen einen runden Schwung oder Putt mit viel Gefühl für Länge und Richtung abzurufen. Allerdings funktioniert dies um so besser, je starker die Bewegung bereits beherrscht und automatisiert ist. Bernhard Neumann begann im Jahr 2005 diese Technik beim Putten einzusetzen. Es war das Jahr, in dem er als erster Deutscher die British Boys gewann. Er ist überzeugt, dass ihm die Technik der Hemisphärenvorbereitung dabei geholfen hat.
Mehr zum Thema im Buch von Jürgen Beckmann und Anne-Marie Elbe unter dem Titel "Praxis der Sportpsychologie im Wettkampf und Leistungssport", erschienen im Spitta-Verlag 2008.
Text: Jürgen Beckmann
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